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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 158 (sequence 4)
Language
German
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-- 158 terrorisieren. Der Verteidiger, einer der ersten tschechischen Rechtsanwälte, wurde buchstäblich an Leib und Leben bedroht, weil er das ganze Lügengewebe zu zerreißen sich ehrliche Mühe gab. Es war also nicht zu verwundern, daß gegen Hilsner ein Todesurteil gefällt wurde. Indessen zeigte das ganze Verfahren, abgesehen von seinen sachlichen Mängeln, so viele formale Verstöße gegen die geltende Prozeßordnung, daß der Oberste Gerichtshof in Wien das Urteil aufhob und die Sache zur nochmaligen Verhandlung an das Gericht von Kuttenberg verwies. Dort wiederholte sich die Gerichtssarce zum zweitenmal, nur daß jetzt Gerichtspräsident und Staatsanwalt vorsichtiger mit der Prozeßordnung verfuhren. Hilsner wurde zum zweitenmal zum Tode verurteilt, und der nochmals angerusene Höchste Gerichtshof in Wien begnügte sich nunmehr damit, was nach dem österreichischen Gesetz zulässig ist, die Todesstrafe in die lebenslänglichen Kerkers zu verwandeln. Die Sache hatte als Komödie begonnen und endete als Tragödie. Hilsner wurde zur Verbüßung seiner Strafe nach der Anstalt zu Stein überführt. Gleich nach seiner Verurteilung wurden Stimmen des Zweifels an der Rechtmäßigkeit des Urteils laut. Ernst Schneider plauderte dann das ganze Geheimnis aus, wie die tschechischen Antisemiten nahe daran waren, mit ihrer Ritualmordkampagne jämmerlich Fiasko zu machen; da erschienen ihnen die Wiener Gesinnungsgenossen als Retter in der Not. indem sie auf den Leiter der höchsten Justizverwaltung in der unerhörtesten Weise einen Zwang ausübten. Für nichtösterreichische Leser werden die Einzelheiten dieses Vorganges unglaublich klingen. Und doch hat Dr. Joseph S. Bloch in der „Oesterreichischen Wochenschrift" an hervorragender Stelle und unter Anwendung überaus drastischer Worte die Angelegenheit haarklein behandelt, alle an dem Prozeß beteiligten Personen mit ihren Namen bezeichnet und kategorisch gefordert, daß man ihn deshalb vor Gericht stelle, wo er seine Anklage beweisen wolle. Er wiederholte diese Herausforderung einige Male, ohne daß er deshalb gerichtlich belangt wurde. Einflußreiche Politiker suchten ihn mit dem Versprechen zu beschwichtigen, daß gegen Leopold Hilsner später das Verfahren wieder ausgenommen werden würde, wenn er, Dr. Bloch, mit seinen Anschuldigungen gegen hochgestellte Persönlichkeiten aufhören möchte. Der bekannte Reichsratsabgeordnete Dr. Benno Straucher brachte darauf im Reichsrat eine dahingehende Interpellation ein, in welcher er die Regierung aufforderte, gegen Dr. Bloch Anklage zu erheben, um Klarheit zu schaffen. Es geschah nichts. Die gesamte österreichische Bevölkerung, am meisten natürlich die jüdische, steht unter dem beklemmenden Eindruck, daß in Oesterreich jede Bürgschaft, der Rechtspflege beseitigt sei. Die Tatsache, daß Dr. Bloch, der seine Anklage von Zeit zu Zeit wiederholt, unbehelligt bleibt, ist geradezu erschreckend, ohne daß von der zuständigen Stelle das Mindeste geschieht, die Gemüter durch eine offene Darlegung, die freilich nur durch eine Gerichtsverhandlung geschehen könnte, zu beruhigen. In der letzten Zeit haben sich mehrere hervorragende Männer und Frauen zusammengetan, die österreichische Geschichte von diesem Schandfleck zu reinigen. Es ist ein nicht geringer Trost in dieser traurigen Episode, daß sich sozial hochstehende Männer und Frauen christlichen Glaubens dieser Bewegung angeschlossen haben. Ihr mutiges Eintreten für die Wahrheit und Gerechtigkeit ist um so höher anzuschlagen, als jetzt der Antisemitismus in Oesterreich Trumpf ist und dessen Anhänger mit einer noch nie'dagewesenen Schamlosigkeit alle begeifern, die eine Ungerechtigkeit, auch wenn sie gegen -einen armen Juden verübt wurde, mißbilligen und verurteilen. Wir wünschen! selbstverständlich dieser edeln Schar von Wahrheitskämpfern den besten Erfolg. Ob der von ihnen eingeschlagene Weg, zum Ziele zu gelangen, der richtige ist, darüber können wir von hieraus nicht urteilen. Allerdings kämpfen diese Männer und Frauen nicht nur den Kamps des unglücklichen Leopold Hilsner, sondern auch den der Gesittung und der Zivilisation. Im österreichischen Kaiserstaat wird es allen, die nicht geradezu verblendet sind, immer klarer, daß der Antisemitismus nicht nur eine Judenfrage ist, sondern eine Frage der geistigen Freiheit und der Gerechtigkeit. Wer dies bisher noch nicht wußte, hat in der letzten Zeit reichlich Gelegenheit, es zu erfahren. In Frankreich bildete der Fall Dreysus einen Wendepunkt, von dem aus die Befreiung begann. Vielleicht wiederholt sich ähnliches jetzt in Oesterreich, wenn alle gebildeten Menschen erkennen, was der Rückfall in die mittelalterliche Barbarei für jeden einzelnen und für den Staat zur Folge haben kann. Dir Wlochr. Berlin, 31. März, nläßlich der Reichstagsnachwahl in Norden-Emden- Leer, die für die vereinigten Konservativen und Antisemiten so ungünstig ausgefallen, ruft die „Kreuzzeitung" empört aus: „So sehen die Früchte der deutsch-sozialen Kultur aus!" Nun, man wird noch andere Früchte dieser Kultur mit den Jahren zu schmecken bekommen. Vor allem die Konservativen, die fast bei jeder Nachwahl von den Antisemiten bedrängt oder verdrängt werden. Jetzt schon ruft ein antisemitisches Blatt den Konservativen zu,, daß ihre „Quertreibereien durchaus verwerflich seien". Es kommt noch der Tag, wo die Antisemiten den Konservativen den Stuhl vor die Türe setzen. Und das wird der Tag sein, wo sie erkennen, daß bei der konservativen Partei nichts mehr zu holen ist. Dann freilich wird es für die letztere zu spät sein, um die Erkenntnis ihrer großen Fehler irgendwie nutzbar zu machen. Diese Reichstagsnachwahl in Ostsriesland hat überhaupt merkwürdige Resultate gezeitigt. In Bo rkum, dem verrufenen Borkum, hat der antisemitische Kandidat im ganzen 21 Stimmen bekommen, und in einer Wahlversammlung wurde widerspruchslos erklärt, man irre sehr, wenn mau glaube, „daß die Borkumer irgendeinen Anteil hätten an der Judenhetze, die von den Badegästen im Sommer getrieben würde"; unter dem Jubel der Anwesenden stellte der Vorsitzende als die allgemeine Borkumer Meinung fest, „daß ihnen jüdische Mitbürger ebenso willkommen wären, wie die irgendeiner anderen Konfession". Sie wollten, daß ihre Badegäste und sie mit ihnen „Mensch unter Menschen" wären. Das Treiben der Antisemiten bei dieser Nachwahl spottet übrigens jeder Beschreibung. Die Quittung darüber werden sie hoffentlich bei der Stichwahl empfangen. Im Reichstag ist in dieser Woche wiederholt von den Juden gesprochen worden. Zunächst hat der Abgeordnete Lattmann die Gelegenheit benutzt, um gegen die „jüdische Einwanderung" wieder loszuziehen. Er behauptete unter anderem folgendes: „Es liegt die Gefahr vor, daß die steigende Einwanderung aus dem Osten nicht mit genügend klaren Augen beobachtet wird, namentlich die Einwanderung der Juden. Ich weiß sehr wohl, daß, sobald ich das Wort Jude ausspreche, der ganze liberale Blätterwald wider erschallt vom „Radauantisemitismus der Latt- und Liebermänner". Daran sind wir gewöhnt. Ich weise jetzt schon

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