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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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72. Jahrgang. Nr. 14. Berlin, 3. April 1908. Allgemeine eitung des Judentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnenienls-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner D». Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosfe, Berlin. Der Fall hilsner. Berlin, 31. März, ie Affäre Drehfus hat die ganze zivilisierte Welt in die höchste Aufregung versetzt, und zuin Ruhme des ranzösischen Voltes muß es gesagt werden, daß eine beträchtliche Zahl seiner besten Söhne die Sache des zu Unrecht verurteilten Hauptmanns zu der ihrigen gemacht hat und für ihn mit vielem Mut und mit großer Aufopferung eingetreten ist. Viel schlimmer und für das Rechtsbewußtsein beschämender ist zweifellos der Fall Hilsner in Polna, der Fall des armen unglücklichen Menschen, der in jungen Jahren für Lebenszeit unschuldig ins Zuchthaus gesperrt worden ist. Die moderne Strafjustiz kennt gewiß kaum eineir ähnlichen Fall. Das Traurigste dabei aber ist wohl, daß die öffentliche Meinung über diesen Fall ruhig zur Tagesordnung überging, und nur selten erhebt sich für den unglücklichen, für Lebzeiten lebendig begrabenen Menschen eine Stimme, die im Namen der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit das Wiederaufnahmeverfahren im Prozeß Hilsner fordert. Allerdings handelt es sich dieses Mal nicht um einen Hauptmann und den Sprößling einer großen, angesehenen Familie, sondern um einen armen, harmlosen Stromer, der zwar niemandem je etwas zuleide getan hat, aber auch nicht den Gegenstand von Sensationen bilden kann. Leopold Hilsner ist das Opfer des niederträchtigen Judenhasses in Böhmen, der es durchaus nötig hatte, einen sogenannten „Ritnalmord" zu Agitationszwecken zu fabrizieren. Das Merkwürdigste dabeiwar, daß sich in dieser Angelegenheit tschechische und deutsche Antisemiten brüderlich zusammenfanden, so sehr die edlen Kumpane sonst sich in den Haaren liegen. Der verflossene antisemitische Reichstagsabgeordnete Ernst Schneider hat sich dessen in einer weinseligen Stimmung laut gerühmt; er war es, wie er öffentlich erklärte, der die Verurteilung Hilsners „wegen Beihilfe zu einem Ritnalmord" förmlich erzwang. Graf Friedrich Schönborn, der österreichische Justizminister im Jahre 1888 bis 1895, bekanntlich ein streng kirchlicher Mann, hat später öfter erklärt, daß er niemals eine solche ungeheuerliche Rechtsbeugung, wie sie im Fall Hilsner unleugsam vorgekommen ist, zugelassen hätte. Und ebensowenig hätte sein edler Bruder, der Kardinal und Fürsterzbischof von Prag, seinem Klerus je erlaubt, an dieser rohen Antisemitenhetze teilzunehmen. Es mußte eine Reihe von Zufälligkeiten Mitwirken, um den Fall Hilsner möglich zu machen. In der Umgegend des böhmischen Städtchens Polna wurden im Walde zu verschiedenen Zeiten zwei ermordete Mädchen gefunden, die höchstwahrscheinlich die Opfer eines Lustmörders geworden sind. Auf Leopold Hilsner, einen harmlosen Stromer,. der die Gegend halb bettelnd und halb im Tagelohn arbeitend zu durchstreifen pflegte, lenkte anfangs kein Mensch den Verdacht, daß er der Mörder jener Mädchen hätte sein können. Man kannte ihn dort als einen ruhigen, gutmütigen Menschen, der schon nach seiner Körperbeschaffenheit den Mord nicht begehen konnte. Selbst die Anklage mußte zugeben, daß Leopold Hilsner, der schwächliche, kleine Manu, als Mörder nicht in Betracht kommen konnte, wenn man nicht annehmen wollte, daß das Verbrechen an den Mädchen von einigen Männern gemeinsam verübt worden sei, wozu Hilsner Beihilfe geleistet habe. Mit anderen Worten: Hilsner hatte mit der Sache nichts zu tun, aber man hatte ihn, und er sollte durchaus ein Ritnalmörder sein. Natürlich fanden sich auch Zeugen, welche die Beteiligung Hilsners an der Ermordung der Mädchen eidlich erhärteten. Ein wackerer Mann beschwor vor Gericht, daß er Hilsner in der kritischen Zeit in der Nähe des Fundortes gesehen habe. Von der Verteidigung wurde damals festgestellt und durch wissenschaftliche Gutachten nachgewiesen, daß noch kein Menschenauge je soweit gesehen hat, wie das des eidesfrohen Zeugen. Der brave Mann blieb aber dabei, daß sein Auge in solche Weiten blicken konnte. Die Verteidigung wollte diese phänomenale Weitsichtigkeit auf die Probe stellen. Da meinte der Eideshelfer, daß er früher so weit habe sehen können, jetzt aber nicht mehr. Ein anderes Bild. Ein stocktaubes Weib, dem der Vorsitzende des Gerichtshofes von der nächsten Nähe aus mit großer Mühe die Fragen in dieOhren schreien mußte, beschwor, im Vorbeigehen auf der Straße die Stimmen von mehreren Juden, die sich im oberen Stockwerk eines Hauses befanden und die über die Beschaffung von Blut zu den bevorstehenden Osterfeiertagen berieten, gehört zu haben. Allerdings waren die sonst so schlauen Juden dieses Mal so dumm, ihre gefährlichen Pläne bei offenem Fenster laut zu besprechen. Es half nichts, daß nachgewiesen wurde, daß die Frau schon seit Jahren so tanb war. Die Zeugin hatte ihre Aussage beschworen, ebenso wie jener weitsichtige Mann, und wenn zwei schwören, heißt es in einem türkischen Sprichwort, verliert der Dritte den Kopf. Nichtsdestoweniger wäre wahrscheinlich trotzdem die Freisprechung Hilsners erfolgt, da die ganze Anklage eine Farce war und die öffentliche Verhandlung dieses dem dümmsten Menschen zeigte. Aber Gerichtspräsident und Staatsanwalt wetteiferten in dem Bestreben, die geschworenen Richter aus dem Volke von dem Vorhandensein eines Ritualmords zu überzeugen. Außerhalb des Gerichtssaals rottete sich die ganze antisemitische Meute zusammen, um die Geschworenen zu

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