Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · p. Seite 155

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 155 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228812--64357-3276417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

156 Vermögen besaß, weil jeder: in Mm den ehrlichen Mann, den begabten Gelehrten schätzte. Rubenborg selbst Pflegte zu sagen: „Siegfried wird seinen Weg machen." Als er aber eines Tages entdeckte, daß Karola dem jungen Arzt ihr Herz geschenkt hätte, beeilte er sich doch, sie mit dem Schiffsherrn Skandorfs zu verheiraten. Karola widerstand einige Zeit, aber ihr eitles Herz ließ sich endlich von dem Glanze blenden, der ihr an der Seite Skandorffs winkte, und sie zeigte selbst in einem Briefe, der in seiner falschen Sentimentalität noch um vieles grausamer war, Förenskjöld ihre Verlobung an. Dieser gab ihr keine Antwort, sondern verließ einige Tage später die schwedische Hauptstadt, um sich einer Expedition allzuschließen, die nach dem nördlichen Polarmeer segelte. Seither war er verschollen. Karola hatte indes das Leben der Residenz in vollen Zügen genossen, man hatte sie bewundert, gefeiert, angebetet, bis sie endlich nichts mehr zu erreichen hatte, bis ihre Eitelkeit übersättigt war und der Ekel kam. Dann starb ihr Mann, und sie zog sich plötzlich aus den Kreiseir, in denen sie als Königin, als Despotin geherrscht hatte, zurück. Den Jahren des Taumels war eine Zeit der Sammlung, der Entsagung, der Wehmut gefolgt. Karola fühlte sich einsam, unbefriedigt, und mehr und mehr stieg Siegfrieds Bild aus dem Nebel der Erinnerung empor, und der Verratene, für immer Verschollene wurde von neuem ihr Idol. Was war dieses Leben ohne Gatten, ohne Kinder, ohne Freude, ohne Liebe, fragte sie sich an jenem Abend wieder und immer wieder. Sie hatte das Glück frevelhaft von sich gestoßen, um einem Phantom zu folgen. Ja, wenn Förenskjöld noch lebte! Aber sie empörte sich gegen den Gedanken, jetzt, wo sie keine Illusionen hatte, einem Anderen zu gehören. Sie zog es vor, um ihn zu trauern wie um einen Toten, allein mit ihrer Reue und ihrer Sehnsucht. Und nun sollte sie hinaus in die frostige Dezembernacht, in das glänzende Haus ihrer Eltern. Es war der erste Abend des Festes, sie durste nicht fehlen. Seufzend erhob sie sich, um Toilette zu machen. „Ganz Israel wird heute die Ehanukalichter anzünden," murmelte sie, „aber in Deiner Seele ist das Licht erloschen für immer!" „Heute will ich kein trauriges Gesicht sehen," sprach Rubenborg, als Karola einträt. „heute muß alles heiter sein. Uebrigens bekommen wir einen interessanten Gast, der Dich zerstreuen wird." Karola zuckte verächtlich die Achseln. Alle Räume des väterlichen Hauses waren glänzend geschmückt und erleuchtet. Auf dem Kamin stand, die alte siebenarmige Lampe aus getriebenem Silber mit herrlichen Figuren, biblische Szenen darstellend. Acht Lichter waren aus diesem Familienkleinod aufgesteckt, denn das Fest währt acht Tage, und jeden Tag wird eine Kerze mehr angezündet. Rübenborg, von seiner ganzen Familie umgeben, näherte sich jetzt der Lampe, .sprach, laut das Gebet und zündete die erste Kerze an. In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Karola meinte eine Erscheinung zu sehen. Es war Siegfried Förenskjöld, der Geliebte ihrer Jugend, der eintrat. Es war noch sein verständiges, gutes Gesicht mit den treuen, blauen Augen, aber-männlicher, ernster und von Sonne und Wetter mit einer Art Bronze bedeckt. Die junge Witwe blieb wie versteinert in! der Nähe des Kamins stehen. Nachdem Förenskjöld ihre Eltern begrüßt hatte, verneigte er sich stumm vor'.ihr. ' Sie klammerte sich an den Kaminsims und sah ihn flehend an, da er aber keinen Schritt vorwärts tat, streckte sie ihm die Hand entgegen, und als er diese schöne, vielbegehrte Hand nicht nahm, sprach sie mit einer Stimme, die leise bebte: „Siegfried, geben Sie mir die Hand." Förenskjöld trat auf sie zu, und sie ergriff rasch seine beiden Hände. „Haben Sie mir vergeben?" „Man vergibt nur, wenn man vergißt." „Sie haben mich also nicht vergessen," murmelte sie, und ein schmerzliches Lächeln überflog ihr bleiches Gesicht. Während man bei Tische saß, erzählte Förenskjöld seine Schicksale. Das Schiff, aus dem er gegen Norden segelte, war gescheitert. Er hatte einige Monate in der Eiswüste der Polargegend zugebracht und war dann durch einen amerikanischen Schoner gerettet worden. In New Hork gut ausgenommen, hatte er dort rasch eine gute Praxis als Arzt gefunden und war vor wenigen Tagen zurückgekehrt, um seine Verwandten zu sehen. Als die Tafel aufgehoben war, tanzten die Kinder um die. Lichter und kamen dann zu den Eltern, um das Chanukageld in Empfang zu nehmen. Nun kamen noch verschiedene alte Freunde des Hauses an, und bald war alle Welt, alt und jung, mit dem Spiel beschäftigt, wie es an diesem Abend Sitte ist. Die Kinder würfelten einige Zeit, dann ,kam Gustav, der Jüngste, zu Förenskjöld gesprungen und bat ihn, eine Geschichte zu erzählen, eine recht schreckliche von dem endlosen Eismeer, von den schwimmenden Gletschern, Eisbären und Nordlicht. „Wohl ist es Sitte," sprach Förenskjöld, „an diesem Abend Geschichten zu erzählen, aber nur jüdische Geschichten." Gustav bat also um eine solche. Förenskjöld setzte sich zum Kamin, die Kinder umgaben ihn, und Karola trat leise hinter seinen Stuhl und stützte sich auf die Lehne desselben. Einst fragte eine römische Matrone den Rabbi : Jose ben Chalafta, in wieviel Tagen Gott die Welt erschaffen habe. „In sechs Tagen", war die Antwort. Aus eine zweite Frage, was Gott seitdem tue, erwiderte Rabbi Jose, seine Hauptbeschäftigung . bestehe darin, die Menschen durch das Band der Ehe zu vereinen und glücklich zu machen. Die römische Matrone fand diese Antwort spaßhaft und sprach: „Dies soll eine Beschäftigung für einen Gott sein? Ehen zu schließen ist leicht, ich wette, daß ich das ebensogut kann, wie Dein Gott. Ich habe eine große Zahl Sklaven und Sklavinnen und will sie alle in einer Stunde verheiraten, dazu bedarf man keiner göttlichen Macht." „Mag sein", erwiderte der Rabbi, „aber unserem Gott ist es gerade so schwer wie jedes andere Wunder." Die römische Matrone nahm hierauf tausend ihrer Sklaven und ebensoviel Sklavinnen und vermählte sie alle an einem Abend. Was aber war die Folge dieser so rasch, ohne Ueberlegung, ohne Liebe geschlossenen Bündnisse? Schon am anderen Morgen kamen sie alle im kläglichsten Zustande und warfen sich ihrer Herrin zu Füßen. Die einen hatten zerschlagene Köpfe, die anderen wunde Augen, andere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.