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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 153 (sequence 11)
Language
German
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Wie : diese beiden Äußerungen sich in der glücklichsten Weise ergänzen, braucht nicht besonders betont zu werden. Auch darüber dürfte keine Meinungsverschiedenheit bestehen, wem wir apriori. die richtigere Auffassung der Shylock-Nvlle zntrauen: dem fleißigen, der Reflexion zugewandten, in der Darstellung der edlen Biedermänner und feinen Weltleute ausgezeichneten. Jffland, oder dem genial-dämonischenCharakteristiker Devrient, bei dem alles Inspiration war und der das Tragische in seinen tiefsten Tiefen erfaßt hat. Der Kommentar, den Zelter dazu gibt, wird um so bedeutsamer, wenn wir zum Vergleich beispielsweise die bekannten Äußerungen Heines zu unserem Thema heranziehen. „Von Religionsverschiedenheit," sagt Heine in Shakespeares „Mädchen und Frauen" (Jesfika), „ist in diesem Stück nicht die geringste Spur, und Shakespeare zeigt in Shylock nur einen Menschen, dem die Natur gebietet, seinen Feind zu hassen." Zelter geht noch darüber hinaus. Er löst den Shylock nicht nur von seiner religiösen Umgebung, sondern auch von seiner jüdisch-geschichtlichen Ueberlieferung los. Er sieht in ihm lediglich den „wahren Kaufmann, der vollkommen Recht hat und nichts sucht als sein Recht", und der um sein . Recht „vom Rechte betrogen wird". Shylock verdient unser Mitleid nicht sowohl als Angehöriger einer unterdrückten Klasse, der es mißlingt, ihren „übermütigen Quälern die zugesügten Kränkungen mit Zinsen zurückzuzahlen" .(Heine), sondern als individuelle tragische Figur, die im Widerstreit des Rechtes mit sich selber unterliegt. Daß er in diesen gerade so gearteten Widerstreit hat geraten können: dafür allerdings ist sein Bekenntnis von Belang und die Erfahrungen, die er als Jude gemacht hat. Me gegenwärtigen Shylock-Darsteller sind im allgemeinen nicht in der Lage, unverwirrt von der Parteien Gunst und Haß sein Charakterbild zur Höhe reiner Menschlichkeit hinanzuheben. Sie stellen ihn, was die innere Auffassung anlangt, dar als den rachedürstenden, nach Christenblut und -Fleisch lechzenden Bekenner des „Gottes der Rache," als den Ritualschlächter von Religions wegen und in der äußeren Darbietung eben als den „knotigen, lausigen Wasserpolacken", über den sich schon Zelter geärgert hat. Daß sie dabei weder der Kunst noch der Wahrheit, weder dem Judentum noch dem Christentum, weder dem Genius des Dichters, noch dem Ziele seiner Dichtung gerecht werden: dafür sind Zelters sicherlich unparteiische Aeußerungen ein recht schätzenswerter Beleg. Wagt aber schon einmal ein Künstler eine höhere und edlere Auffassung, so muß er sich eine Kritik gefallen lassen, wie die der „Kölnischen Zeitung" vom 1. Februar d. I.: Im Schauspielhause wurde gestern Shakespeares „Kaufmann von Venedig" gespielt. Die Hauptrolle des Juden Shylock wurde von Herrn Fritz Schmith vom Stadtheater in Straßburg i. E. als Gast gespielt. Herr Schmith hat ohne Frage bedeutendes schauspielerisches Talent. Das war zu erkennen, trotzdem seine Auffassung des Juden Shylock als völlig verkehrt bezeichnet werden muß. Er schritt mit der Geste eines Granden über die Bühne, dem ganz Venedig untertänig ist. Selbst vor dem Dogen hatte er keinen Respekt. Wir wissen nicht, ob Herr Schmith von der hier und da verbreiteten Theorie angekränkelt war, Shylock sei berufen, die Rechte des unterdrückten Judentums gegen alle Welt zu verteidigen. Diese Theorie riecht stark-nach der Studierlampe und sollte schon deshalb nicht von einem geschmackvollen Schauspieler der Befolgung für wert erachtet werden. Wir wollen zu Herrn Schmiths Gunsten annehmen, daß er durch diese Stimmen der Verführung sich vom rechten Wege hat ablenken lassen, und daß er nicht die volle innere Freiheit per Wahl besessen hat. Denn uns scheint Herr Schmith im übrigen sehr wohl das Zeug auch zu einem guten Shylock zu haben, der es in seinem ganzen Gebaren keinen Augenblick vergessen machen darf, daß er nicht dazu geboren ist, zu herrschen, sondern sich wie ein Hund anspeien und treten zu lassen. Schleichende Tücke, nicht ein trotzig und kühn erhobenes Haupt, charakterisieren ihn." Wie würde wohl Devrient vor dieser Kritik bestanden haben? Nichts Neues unter der Sonne. Naturwissenschaftliche Plauderei. Von Rabbiner Dr. B. Koenigsberger-Pleschen. elle hin, Zelle her — das ist, verehrter Leser, die Parole der Gegenwart. Ich meine kein Zellengefängnis, obwohl auch das jüdische Schrifttum ein solches in idealem Sinne kennt und nennt, nämlich „die vier Ellen der Halachah", die sich Gott in der Welt Vorbehalten hat. An die Darwinschen Zellen denke ich. Haben sie doch vielleicht in manchem Schlichtgläubigen eine gewisse Unruhe hervorgerufen, da er jetzt nicht mehr weiß, wie er sich zu dem überlieferten Schöpsungsglauben stellen soll. Er denkt nicht daran, daß Männer wie Virchow und andere Gegner von Darwin und Haeckel waren, weiß ttichts davon, daß schon die alten Aegypter ihre Priestergeheimniffe darüber hatten, obwohl nach deren Theorie sich alles, selbst der oberste Gott der Sonne, Ra, aus dem Ei entwickelt und alles Vergehende in der Götterwelt wieder daraus entsteht. Er ahnt aber auch wohl nicht, daß selbst die alten Weisen des Midrasch diesen Theorien nicht abhold waren und die Beschäftigung mit der Entstehungsgeschichte der Welt, das Maasse bereschis, dem mancher zum Opfer fiel, wie Elischa ben Abuja, ben Soma und, die in den Pardes (die Urzeit des Paradieses) eindringen wollten, nicht als zur öffentlichen Behandlung geeignet erklärten. Aber sie befaßten sich mit ihr und erzählen im. Midrasch, daß der göttliche Weltschöpser Welten schuf und wieder zerstörte, bis er die Welt schuf, in der wir leben. Und die soll und wird trotz aller Weiterentwicklung sortbestehen. Ich möchte Sie, verehrter Freund, dabei aufmerksam machen, daß alle Uebersetzungen des Gebetbuches, die ich bisher kennen lernte, sich in der Uebertragung des Adaun aulom — verzeihen Sie die unwissenschaftliche Schreibung; sie ist Ihnen wohl geläufiger — irren. Es singt in seinen ersten Versen 'von der ewigen Einheit Gottes, der Grundwahrheit unserer Religion. Da muß es heißen: „Herr der Welt, der schon regierte, bevor noch irgend ein Gebilde geschaffen war! Als nach seinem Willen das All erstand, ward (schon) sein Name König genannt. Und nachdem nun das All vollendet ist — nicht: Wenn auch dereinst das All vergeht — wird der Erhabene doch allezeit allein König bleiben." Also immer neue Welten gab es, ehe diese Welt erstand. Das wären vielleicht jene sprungweise in langjährigen — eine Million Jahre mehr oder weniger spielt keine Rolle, „denn tausend Jahre sind wie der gestrige Tag, wenn er ganz, auch mit der Wache der Nacht, vorübergegangen" — Perioden hervorgetretenen Neubildungen, mit deren Theorie, wie ich vor einiger Zeit im „Berliner Tageblatt" las, ich glaube Professor Riedl die Welt überraschte. Also nicht die Darwinsche ununterbrochene Entwicklung der Welt, sondern nach Jahrtausenden von Ruhejahren, in denen die erste Schicht schlummerte, plötzlich die Erscheinung einer neuen Welt, nach deren geraumer Perennierung sich wieder etwas anderes hervordrängte, und so fort. Ganz so, wie es die Bibel erzählt von den sechs Tagen der Schöpfung. Der Kern der Theorie blieb das System. Und genau genommen — die Thora

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