Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- Seite 152 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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.-- 152 -* * . . Wiener jüdischen Zeitnngen. Ich öffne eine "und finde 'hier, endlich einmal, einen mutigen Artikel von einem tapferen geistlichen Vertreter des Judentums unserer Residenz. Was ich in meinen Briefen schon so oft ausführte, finde ich in diesen feurigen Worten bestätigt. Hören Sie, was dieser Treffliche sagt: „Unser Judentum ist blutleer und unklar, kraftlos, weder religiös noch national. ... Unser Judentum braucht Männer von eiserner Ueberzeugungsfeste und Tatkraft . . . Unser Judentum kann keine Schwätzer brauchen, die Pfauenräder schlagen." (Sehr gut!) Unser Judentum schreit nach Einheit und Vereinigung . . . »lejaseker LoedaeKo". So stimmen wir dem Rufer im Streite zu. Aber dieser wackere Rufer wird ja doch nur ein Rufer in der Wüste, ein Prediger in der Wüste bleiben. Denn unsere Herren vom „Bunde" und außerhalb des „Bundes" hören lieber das Geschwätz von Pfauenradschlagern als das kräftige Wort der Wahrheitsfucher. Wie oft haben wir den Mangel an einer Organisation im. Judentum in diesen Briefen beklagt? Man hat uns sogar Animosität gegen Vorstände und Rabbiner vorgeworfen, wenn wir die kleinliche Eitelkeit dieser Herren in jenes Licht stellten, in das sie gehört, in das Licht der Lächerlichkeit. Ein klassischer Kronzeuge ist uns nun zu Hilfe gekommen, wir bestätigen freudigst, daß er mit feuriger Zunge das verkündet, was wir — Rufer in der Wüste — schon so oft wiederholten. Diese famose „Bund"sitzung hat auch in seinem Munde die indignatio zum Verse gemacht. Wer im Namen des Judentums spricht, muß vor allem selbst Jude sein, das Herz auf dem rechten Platze haben, und sein Mandat von dem jüdischen Volke besitzen, nicht von einem kleinen Kreise von Männern, denen das Judentum eine Art Sport ist, den man zeitweilig betreibt . . . zum Beispiel, wenn bei „Gedächtnisfeiern" die Tränendrüsen der Zuhörerschaft in Aktion gesetzt werden. Acht Herren können über das, was dem Judentum nottut, nicht beraten. Wir brauchen eine große Versammlung jüdischer Volksmänner, die, was sie reden, auch in die Tat zu übersetzen gewillt sein werden. Und wir müssen eine mutige, gut unterstützte jüdische Presse haben, in der jeder zu Worte kommt, der etwas im Interesse des Judentums zu sagen hat. Die erhabene Aufgabe einer großen jüdischen Zeitung liegt aber nicht darin, nur wenigen Wohlbegüterten, sondern allen, dem Volke in seiner Gesamtheit zu dienen. Solange man bei uns nicht erkennen wird, daß eine aus acht Herren bestehende Bundesvertretung unmöglich alles das wahrnehmen kann, was uns frommt, vielmehr das gesamte Judentum für seine Organisierung sorgen, mitberaten und beschließen muß, wird uns keine Hilfe werden. Inzwischen ist es gut, daß erleuchtete Geister endlich zu der Anschauung gelangen: So geht es nicht weiter. Immer größer wird die Zerfahrenheit, immer ärger die Indolenz. Darum gestatte uns der „Bund" einen Vorschlag. Er berufe einen großen „Judentag" ein. Tagesordnung des Judentags sei: Beschlußfassung über die großen Fragen, die das gesamte Judentum Oesterreichs,' meinetwegen mit Einschluß Galiziens, berühren. Das wird dann das erste Verdienst des „Bundes" sein, das er sich in der Tat erwerben kann. Iwri. Lur Charakteristik Lhylocks. Von Rabbiner Dr. Rosenthal-Cöln. IPine befreundete Dame, Frau Therese Fränkel von hier, hat mich auf zwei Stellen im Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter aufmerksam gemacht, die für die Shhlock-Frage von großem Interesse sind. ’ In beiden Fällen handelt es sich um Aeußerungen Zetters; Goethe geht nicht weiter darauf ein. Zelter, der von irgendwelcher Voreingenommenheit für Juden und Judentum weit genüg entfernt war, schreibt in seiner robusten, grobkörnigen Manier, die den Stempel der subjektiven Wahrheit an sich trägt, und daß der Mann, der jahrzehntelang im Mittelpunkt des Berliner Musik- und Theaterlebens stand und von Goethe der innigsten Freundschaft gewürdigt wurde, zu einem Urteil über diese Frage befähigt und berechtigt war, wird jeder zugeben müssen, mag er auch sonst über die kunstgeschichtliche Bedeutung Zelters seine eigene Meinung haben. In beiden Fällen, das ist wichtig, handelt es sich nicht um akademische Erörterungen, sondern um die Wiedergabe von Eindrücken, die Zelter von einer nach seiner Ansicht mißglückten, beziehungsweise zutreffenden Shylock-Darstellung empfangen hat, und zwar durch die zwei bedeutendsten Schauspieler seiner Zeit: Jsfland und Ludwig Devrient. Am 24. Januar 1813 schreibt der Begründer der Berliner Singakademie:^ „Doch hat es mir kein so schlimmes Blut gegeben, als die gänzliche Vergreifung unseres Virtuosen*) an dem Charakter des Shylock, woran man freilich wohl sieht, daß niemand weiter kann, als sein Fell weit ist. Ich habe mir.diesen Juden immer als einen wahren Kaufmann vorgestellt, der vollkommen recht hat und nichts sucht als sein Recht, welches ihn durch sogenannte Billigkeit und Tugend geschmälert wird, und. kurz dem Rechte geschieht unrecht! Das ist die Pointe der Moral des Stücks! Das hat der Dichter gewollt; er mag gewollt haben oder nicht. Der ganze Haß eines Juden geht dahin, einen Menschen zu vertilgen, der den Handel verdirbt. Darin hat der Jude, der Handelsmann, Recht, und der sogenannte Kaufmann Antonio ist nichts mehr als ein tugendhafter, intoleranter Schwätzer, der nicht weiß, wie er reich geworden ist und im Uebermut seines humanen Kitzels doch den Reichtum für das Höchste hält. Diesen Venetianischen Juden nun zu einem knotigen, lausigen Wasserpolacken erniedrigt zu sehen, ohne irgend ein Verdienst an ihm erkennen zu lassen, und doch eine Schar edler Menschen, ja den Dogen selber und den ganzen Staat in gewaltiger Bewegung zu sehen — das kann mich zum Zorne reizen, ja ich kann mich kaum darüber zufrieden stellen." Zelter schreibt ferner am 13. Mar 1815: „Gestern habe ich unseren neuen Schauspieler Devrient den Shylock spielen sehen. DerBehfall, den ihm unser Publikum bisher reichlich mitgetheilt hat, bezog sich besonders auf Judenrollen, indem er das Jüdische Deutsch mit großer Vollkommenheit spricht. Dies fand nun auch hier statt, doch nicht auf Jsflands Art, der die Lacher zu gewinnen wußte; die Rolle ward wahrhaft tragisch, von vorn herein bis ans Ende, und ich habe nichts Schöneres in der Art gesehen. Dabei war er höchst wahr costumirt, wie ein Jude und wie ein Venetianischer Jude; so stand, so schritt, so trug er sich, so kroch er nach seinem Rechte, nach seinem Stande, und stellte einen rechten Kaufmann dar, wie ihn Venedigs Gesetz zu seyn erlaubt. Dabey blieb er die nämliche Person und zugleich ein ganz anderer Mann, nachdem^er mit dem Antonio, mit dem Dogen, mit der Portia oder mit seiner Tochter sprach. Besonders soll nicht vergessen werden, wie er das Ende seiner gestrigen Rolle zu halten wußte. Von da an, wo er, das Messer in der Hand, den Spruch des jungen Rechtsgelehrten hört, bemerkte ich im Publicum den Effect eines Versöhnungsacts; ein unwillkürliches Mitleiden drängt sich aus, insofern jeder im Tiefsten fühlt, daß der Jude eigentlich vom Rechte betrogen wird, und so ist der Kerl vom Theater wie ein untergehender Mond, und hinterläßt einen Antheil, den sich Niemand laut gesteht und desto tiefer fühlt, der aber ganz unmöglich wird, wenn die Rolle nicht mit dem bittern religiösen Ernst gespielt wird, der ihr zukommt." *) Dieser „Virtuos" ist Jsfland, wie sich aus dem Briefe Goethes vom 15. Januar (in Geigers Ausgabe des Goethe-Zelterschen Briefwechsels erst nach dem Antwortschreiben Zelters abgedruckt) ergibt.