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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 147 (sequence 5)
Language
German
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147 V des Botschafters Mc: Cormick, was ist es? Nicht nur hat das Staatsdepartement unsere Position aufgegeben, jetzt sind nicht einmal mehr russische Beamte an der Grenze nötig, um den strengen Befehl ihres Kaisers auszuführen. Unser eigener Staatssekretär besorgt es hier, indem er unseren eigenen Bürgern Pässe verweigert, ihnen den Schutz unserer eigenen Regierung entzieht. Und warum? Weil sie Juden sind. Wer hat jenes Zirkular unterzeichnet? Ist es der Zar? Nein, es ist Elihu Root, unser eigener Staatssekretär. Warum, fragt der Redner im weiteren Verlauf seiner Rede, verweigert man den Juden die Pässe? Sind sie Feinde der Nation? Man durchblättere die Listen unserer Armee, und die Frage beantwortet sich von selbst. Sind sie Anarchisten? Aber sie sind dach in der ganzen Welt bekannt als .die fleißigsten und konservativsten Leute. Ich bestreite entschieden und absolut das Recht des Staatsdepartements, das Rundschreiben vom 28. Mai 1907 zu erlassen, und ich erhebe ferner Einspruch gegen seine Anmaßung, nach dem Religionsbekenntnis eines amerikanischen Bürgers zu fragen. Wenn die Regierung amerikanischen Bürgern nicht die vertragsmäßig ihnen garantierten Rechte sichern kann, wenn sie eines der Hauptrechte des. amerikanischen Bürgers abhängig machen nmß von der Zustimmung eines ausländischen Regenten, sollen sie eß nur sagen, sollen sie es dem Volke ins Gesicht sagen. Ich will Ihnen, meine Herren, ausmalen, ums das eigentlich bedeutet. Es handelt sich nicht nur um eine Beleidigung und Herausforderung der Juden, die in den Vereinigten Staaten geboren worden sind und die in den denkwürdigsten und ehrenvollsten Kapiteln unserer Geschichte eine Rolle gespielt haben mögen, sondern auch um eine ganze Klasse amerikanischer Bürger, die früher Untertanen des russischen Kaisers waren. Ein Achtel der amerikanischen Einwanderer sind jetzt russische Inden. In Litauen gibt es nicht eine Familie, die nicht nahe Verwandte in der neuen Welt hat. Zehntausende von ihnen sind ans dem Lande der Verfolgung geflohen. Ein neuer Exodus hat stattgefunden unter dem Regiment eines Herrschers, der furchtbarer war als der Pharao. Zehntausende dieser Leute sind, fern von den Bayonetten der Kosaken, fern von den Szenen des Aufruhrs und des Mordes, sicher untergebracht in unseren! gastlichen Lande und helfen' an dem Wohlstand von uns allen Mitarbeiten. Sollen wir ihnen für immer jede Gelegenheit versperren, einmal nach den Schauplätzen ihrer Kindheit zurückzukehren? Können wir ihnen das Recht absprechen, denen, die sie zurückgelassen haben, eine Hoffnungsbotschaft für die Zukunft zu überbringen? Können wir ihnen das Recht entziehen, in Rußland eine ihnen gesetzlich zugefallene Erbschaft anzutreten? Das steht nicht im Einklang mit der Behauptung unserer Souveränität. Das steht in krassem Widerspruch mit unseren Grundsätzen nationaler Politik. Im Mittelalter mußte der Jude in allen sogenannten christlichen Ländern auf Brust und Rücken ein Abzeichen tragen, so daß die in den Straßen spielenden Kinder ihn sofort erkennen und ihn verspotten konnten. Heute im zwanzigsten Jahrhundert, hat in einen: Lande, das groß geworden ist infolge seiner grundsätzlichen Anerkennung der Gleichheit der Glaubensbekenntnisse, unsere eigene Regierung den Juden das Abzeichen wieder angeheftet. Wieder wird der alte Ruf „Hep, Hep!" laut. Sollen wir dulden, daß sein Echo in unserem Staatsdepartement widerhallt? Wollen wir, daß die Welt erfahre, daß wir zwei Klassen von Bürgern haben, eine christliche und eine jüdische? Daß der Christ Vollbürger ist, der Jude nur ein Bürger durch Gnade unseres Staatssekretärs und des Kaisers von Rußland? Oder sollen wir dem Titel amerikanischer Bürger die Gloriole wiedergeben, auf die er durch seine Geburt Anspruch hat? ..... Nun, meine Herren, in den Zeiten des alten römischen Reichs ward die stolze Erklärung: „Clivis Romanus surn" respektiert in der ganzen zivilisierten Welt von den Grenzen des Partherlandes bis zur Ultima Thule von Britannien. Ich bitte Sie, dafür zu sorgen, daß in der ganzen heutigen Welt anerkannt werde, der stolzeste Ruhm in unseren Tagen sei die Erklärung: „Ich bin ein amerikanischer Bürger." „ Aus formellen Gründen wurde eine Resolution mit knapper Majorität abgelehnt (120 -gegen JL01). Aber man erkennt aus der oben mitgeteilten Antwort des Staatssekretärs Root, aus der Rede des Deputierten für New York und aus dem Versprechen, daß durch neue Verhandlungen den. Beschwerden abgeholfen werden solle, wie ernst man in den Vereinigten Staaten eine im Vergleich zu den Beschwerden deutscher Juden untergeordnete Frage behandelt. Dir Mache. Berlin, 24. März. uch die dritte Beratung des Kultusetats ist im Abgeordnetenhause nicht ohne eine Anfrage vorübergegangen, die unsere Verhältnisse betrifft. In der Sitzung vom 19. d. brachte der Abgeordnete Rosenow die folgende' Angelegenheit zur Sprache. Wir haben hier in Berlin ein einziges staatliches Lehrerinnenseminar, an dem alle Schülerinnen der höheren Mädchenschulen ihre Prüfung bestehen müssen. An der Viktoria-Schule hat sich nun eine Anzahl Schülerinnen auf Veranlassung des Rektors zur Aufnahmeprüfung an dem staatlichen Lehrerinnenseminar gemeldet. Eine jüdische Schülerin wurde aber von dem Professor Wychgram, dem Direktor des Lehrerinnenseminars, zurückgewiesen. Als der Vater der Schülerin den Direktor der Viktoria-Schule über den Grund der Zurückweisung befragte, sagte ihm dieser, daß eine Verfügung bestehe, wonach jüdische Schülerinnen nicht mehr zugelassen werden sollen. Der Direktor der Viktoria-Schule fügte hinzu: „Kränken Sie sich aber nicht, nicht nur jüdische, sondern auch katholische Schülerinnen werden nicht mehr zugelassen." (Hört, hört! imZentrum.) DerVater der abgewiesenen Schülerin wandte sich nun an den Minister und bekam die Antwort, daß beim Minister keine Bedenken gegen die Zulassung seiner Tochter vorlägen, und daß das Provinzialschulkollegium in diesem Sinne instruiert werden würde. Mit diesem Antwortschreiben ging der Vater zum Professor Wychgram; dieser erklärte aber, daß bei ihm die Verfügung noch nicht eingetroffen wäre. Das Mädchen wurde deshalb zu der wenige Tage später stattfindenden Allgemeinprüfung nicht zugelassen. Sie wurde aber etwas später allein geprüft und fiel durch. (Heiterkeit.) Ich kann nicht behaupten, daß hier eine böse Absicht Vorgelegen hat, wenn es auch klar ist, daß bei einer Einzelprüfung an den Prüfling viel größere Anforderungen gestellt werden als bei einer Allgemeinprüfung. Immerhin möchte ich feststellen, daß wenige Tage nachher die betreffende Schülerin an dem Lehrerinnenseminar in Boxhagen- Rummelsburg das Examen bestanden hat. (Hört, hört! links.) Ich möchte den Minister um Auskunft darüber bitten, ob denn wirklich das Berliner Lehrerinnenseminar eine evangelisch-konfessionelle Anstalt und nicht wie bisher eine paritätische Anstalt sein soll. (Bravo links.) Auch am folgenden Tage kam der Abgeordnete Rosenow auf die Angelegenheit zurück, da es in der Tat wichtig ist, daß das einzige staatliche Lehrerinnenseminar in Berlin, das bisher paritätisch war, den konfessionell-evangelischen Charakter erhalten soll. Er erreichte wenigstens die Zusage, daß der Minister die Frage prüfen lassen will, ob die Anstalt stiftungsgemäß evangelischen Charakter habe. Wir geben aus dem Parlamentsbericht die betreffenden Stellen hier wieder. Abgeordneter Rosenow: Ich habe gestern erwähnt, daß das einzige staatliche Lehrerinnenseminar, welches wir in Berlin haben, neuerdings die Annahme von katholischen und jüdischen Schülerinnen verweigert hat und daß das Provinzialschulkollegium eine Verfügung erlassen hat, wonach dieses bisher unbestritten paritätische Seminar evangelisch-konfessionell sein soll. Nach den mir von einem jüdischen Mitgliede dieses Hauses gewordenen Mitteilungen ist dieses Seminar seit Mitte der 70er Jahre unbestritten paritätisch gewesen; aus seiner Familie haben verschiedene Frauen und Töchter dies Seminar besucht. Ich habe mir erlaubt, an den Herrn Minister die Frage zu richten, wie von der ihm Nachgeordneten Behörde eine solche Verfügung hat ergehen können. .Die betreffende jüdische Schülerin ist auf Veranlassung des Herrn Ministers nachträglich geprüft worden, i

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