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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 146 (sequence 4)
Language
German
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worfen und schließlich wegen seines Glaubensbekenntnisses zurückgewiesen werden dürfen von den Grenzen eines Reiches, mit dem wir in Frieden leben, und das feierliche Verträge mit uns abgeschlossen hat? Ich möchte die Aufmerksamkeit des Hauses auf die Tatsache lenken, daß das Recht amerikanischer Bürger, in Rußland zu reisen und sich aufzuhalteu, nicht abhängt von den Einfällen und Launen eines unglücklichen Autokraten, sondern auf Rechten basiert, die uns durch den Vertrag von 1832 gesichert sind und gebilligt werden von der ganzen aufgeklärten Welt. Jener Vertrag gibt Amerikanern und Russen gegenseitig das Recht, in dem Gebiete des anderen Landes zu reisen und sich aufzuhalten und während ihres Aufenthaltes denselben Schutz zu genießen wie Angehörige des betreffenden Landes. Das Recht der Amerikaner, nach Rußland zu gehen, ist daher unzweifelhaft. Dennoch hat man in Rußland sich das Recht herausgenommen, eine ganze Klasse amerikanischer Bürger lediglich wegen ihres Glaubensbekenntnisses auszuschließen. Die russische Regierung behauptet jetzt, daß, da sie selbst scharfe repressive Gesetze gegen die Juden in ihrem Reiche erlassen habe — übrigens lange nach dem in Rede stehenden Vertrage — auch amerikanische Juden nicht berechtigt sein können, mehr Vorrechte zu genießen wie die Juden im eigenen Lande. Gegen eine solche unerhörte Auslegung haben wir stets mit Entrüstung Einspruch erhoben. Mari wagt es natürlich nicht, amerikanische Bürger mit derselben .Maßlosigkeit zu verfolgen, an die russische Juden gewöhnt sind, so schließt man ihnen einfach trotz des Vertrages die Türe vor der Nase zu. Zur Zeit des Abschlusses des Vertrages wurden die Juden in Rußland gerecht und rücksichtsvoll behandelt. . . . Infolge der Teilung Polens erhielt Rußland plötzlich eine ungeheure jüdische Bevölkerung. Eine ganze Zeit wurde diese noch gut behandelt. Eine vernünftige innere Politik förderte die Assimilation der Juden mit der übrigen Bevölkerung. Jüdische landwirtschaftliche Kolonien wurden gegründet. Die Juden wurden veranlaßt, die Universitäten zu beziehen, was als eines der besten Mittel betrachtet wird, die jüdische Exklusivität zu durchbrechen. Angesehene ausländische Inden wurden eingeladen, sich in Rußland niederzulassen und dort Grund und Boden zu kaufen oder zu pachten. Bis zum Jahre 1860 — also etwa 80 Jahre hindurch — wurden die Juden in Rußland sogar begünstigt. In jenen Zeiten des Liberalismus und der Toleranz wurde der Vertrag von 1832 mit den Vereinigten Staaten geschlossen. Wie kommen die heutigen russischen Bureaukraten dazu, nach einein solchen Vertrage sich das Recht herauszunehmen, eine ganze Klasse amerikanischer Bürger zu drangsalieren, zu demütigen und zurückzuweisen, deren einziges Ver° brechen die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion ist? Nicht einen Schatten von Vernunft, nicht ein Atom von Wahrheit oder Gerechtigkeit können sie für sich anführen. Wenn ein amerikanischer Staatsmann 1832 gewagt hätte, diesen Vertrag zu verteidigen in dem Glauben, daß er damit einer ausländischen Negierung einen verächtlichen Vorwand gäbe zu einer unterschiedlichen Behandlung unserer Bürger, dann würde die Verachtung seiner Zeitgenossen ihn sofort aus dem öffentlichen Leben hinweggefegt haben. Eine so undemokratische, so unrepublikanische, so unamerikanische, so ganz und gar mit unseren Regierungsgrundsätzen in diametralem Widerspruch stehende Auffassung würde ihn mit Recht als national ehrlos gebrandmarkt haben. Rußland hat inzwischen seine Judenpolitik gänzlich verändert und eine Schreckensherrschaft eingerichtet, die sie zwischen den Mühlsteinen der Armut und der Verzweiflung aufgerieben hat. Her Druck und die Geheimpolizei haben die Juden ins Elend gestürzt. Sie sind Gegenstand des Mitleids der ganzen Welt geworden. Ein wirres Gewebe von über tausend Gesetzen und Polizeiverordnungen umgibt heute den russischen Juden, so daß er kaum noch sagen kann, ob er überhaupt noch Rechte hat, ausgenommen das bloße Recht zu existieren, und auch dieses Rechts noch kann er beraubt werden. Heute ist die ganze jüdische Bevölkerung Rußlands, etwa fünf Millionen Menschen, in den Städten des Rayons zusammengepfercht. Hier, leben sie in größtem Elend und in Armut. Der Besuch russischer Universitäten ist ihnen praktisch versagt. Staats- und Bernfskarrieren sind ihnen so gut wie verschlossen. Die Freiheit, von Stadt zu Stadt zu ziehen, wird ihnen vorenthalten, und um das Ganze zu krönen, werden periodisch Pogroms oder halbamtliche Metzeleien veranstaltet, durch die ganze Bezirke im Rayon mit Schwert, Flinte und Brandfackel verwüstet worden sind. Und noch ist das Ende nicht da. Die antisemitische Agitation geht fortwährend weiter und wird heimlich von den Behörden ermutigt. Während des Jahres 1906 sind nach amtlichen Ziffern 22 000 Menschen zu Schaden gekommen in diesen antisemitischen Metzeleien, von denen die meisten durch Agenten der Regierung begünstigt worden sind. Ich wünsche es verständlich zu machen, daß in dieser Beziehung die russische Regierung ganz und gar die Verantwortung trägt. Sich selbst überlassen, ist der russische Muschik freundlich und imstande, mit seinen jüdischen Nachbarn vollständig im Frieden zu leben. Es wird jetzt geglaubt, daß die höchsten Personen im Reiche mit der Bewegung sympathisieren. . . . Aber wie sehr auch die russischen Juden unsere Sympathie erwecken, zunächst müssen unsere Anstrengungen auf den Schutz unserer eigenen Bürger gerichtet sein. In vergangenen Zeiten haben wir uns in die innere Verwaltung fremder Länder zugunsten der unterdrückten Juden eingemischt. Sollen wir für unsere eigenen Bürger weniger tun? Amerikaner brauchen wahrlich nicht unter dem Fanatismus russischer Behörden zu leiden. Russische Polizeiverordnungen dürfen nicht angerufen werden, um Vertragsrechte zu umgehen. Jedem Amerikaner muß an den Grenzen Rußlands die gleiche Behandlung zuteil werden. Ein amerikanischer Jude muß sagen können: Schließt mich aus auf Eure Gefahr oder schließt alle Amerikaner aus, wenn Ihr es wagt. Russische Gesetze haben sich Vertragsrechten unterzuordnen. Zur Verteidigung dieser Rechte schrieb Blaine am 29. Juli 1881 über die Austreibung amerikanischer Juden aus Petersburg: „Die Vertragsverpflichtung steht an erster Stelle, und das Lokalgesetz muß sich fügen ... Wo ein Vertrag ausdrücklich für Ausländer ein Recht festsetzt, kann dieses nicht durch ein heimisches Gesetz eingeschränkt werden ohne ernstliche Verletzung des guten Glaubens, der im Verkehr zwischen Nationen herrscht... Die Negierung der Vereinigten Staaten schließt ihre Verträge mit ausländischen Staaten, um alle Klassen amerikanischer Bürger in gleicher Weise zu schützen"... — Hay. unser vielleicht größter Staatssekretär des Auswärtigen seit John Quiney Adams, schrieb am 17. Juli 1902: „Die Vereinigten Staaten können keine solche unterschiedliche Behandlung ihrer Bürger zulassen und können niemals zugeben, daß ein fremder Staat nach eigenem Gutdünken ein religiöses Glaubensbekenntnis als Grund betrachte, um einen amerikanischen Bürger von der Begünstigung auszuschließen, die allen amerikanischen Bürgern zukommt." Jan Jahre 1904 faßte das Repräsentantenhaus eine Resolution, durch welche Präsident Roosevelt ersucht wurde, von neuem Verhandlungen aufzunehmen, um mit der beklagten Praxis aufzuräumen. Diese Resolution wurde der russischen Regierung durch den Botschafter Mc. Cormi ck übermittelt, und dessen Begleitschreiben ist so deutlich, so wuchtig und so mannhaft, daß ich keinen Anstand nehme, es als das amerikanischste in diesem ganzen Kapitel der Diplomatie zu erklären. Herr Mc. Cormick schrieb: „Diese Resolution gibt nicht nur den Gefühlen des Volkes Ausdruck, sondern auch einem Prinzip, welches ein Grundelement bei uns ist. Aus diesem Grunde war diese Frage, ist sie und wird sie immer sein eine schwebende Frage, die akut werden und eines Tages so vorgebracht werden kann, daß sie ernstlich die freundlichen Beziehungen stören könnte, die stets zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten bestanden haben. Abgesehen von der Ansicht, daß die Behandlung, die Rußland vielen unserer angesehensten Bürger zuteil werden läßt, eine unnötig barsche ist, spielt die öffentliche Meinung, wie Ew. Exzellenz wissen, bei uns sowohl hinsichtlich der auswärtigen Politik wie auch der heimischen Angelegenheiten eine große Rolle, und wenn dann noch ein wichtiges Prinzip in Frage xommt, wie es in den Vereinigten Staaten der Fall ist, dann kann es nicht außer acht gelassen werden von denen, die bisher die engen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und. diesem großen Reiche und seinem erhabenen Herrscher aufrecht erhalten haben!" Starke Worte das, scharfe und mannhafte und würdig, der amerikanischen Nation. Was aber war das Ergebnis? karturiunt montes, nasestur riäieulus mus. Das Resultat all unserer vieljährigen diplomatischen Arbeit, das Resultat der halbverhüllten Drohungen

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