Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 Kosten erwachsen durch die Lieferung von Gegenständen nicht, da jeder Posten durch die angestellten Arbeiter aus der Wohnung abgeholt wird. kl. Hamburg, 5. März. Die Generalversammlung deS Israelitisch-Humanitären Frauenvereins in Hamburg fand unter zahlreicher Beteiligung im Logenheim' unter Vorsitz des Herrn Gustav Tuch statt. Frl. S. Werner hielt zunächst ein anregendes Referat über „die Berufswahl der Mädchen". Sie wies im wesentlichen nach, daß Eltern wie Töchter, dem Zuge der Zeit folgend, von der Notwendigkeit überzeugt sein müßten, daß Mädchen wie Knaben heute berufstüchtig zu machen seien. Als selbstverständlich gelte aber für jedes Mädchen die hauswirtschastliche Ausbildung, um dem dereinstigen Beruf als Mutter und Hausfrau genügen zu können. Leider zeige sich wenig Lust zum Beruf der Krankenschwestern, obgleich er eine Lebensversorgung biete. In dem vortrefflich organisierten Hamburger Schwesternheim fehle es an Arbeitskräften, und ähnliche Erscheinungen sind auch in anderen derartigen Anstalten zu beobachten. Im Handelsfach sind allerdings viele junge Mädchen anzutreffen, ohne daß sie immer durch hinreichende Vorbildung für eine sichere wirtschaftliche Selbständigkeit gesorgt hätten. Da eine große Anzahl von ihnen aus der Fremde kommt, in der Großstadt vereinsamt und schutzlos ist, hat der Verein den Entschluß gefaßt, ein israelitisches Mädchen he im zu gründen, wo jedes arbeitende junge Mädchen geborgen, gut verpflegt, erzieherisch günstig beeinflußt und liebevoll beraten werden soll. Auch ein Hospiz für durchreisende, im Arbeitsleben stehende Frauen wird mit dem Heim verbunden sein. Die Rednerin schildert die geplante Einrichtung des Mädchenheims und schließt ihre mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen mit einem warmen Appell an die Anwesenden, den Verein in seinen Bestrebungen zur Errichtung eines jüdischen Mädchenheims nach besten Kräften zu unterstützen. Sodann erstattete Frau Dr. M. Fink den Jahresbericht. Aus demselben ergibt sich die wachsende Mitgliederzahl und die zunehmende Arbeit des Vereins, der wieder viele gebrochene Existenzen aufrichtete, Kranke in Sanatorien schickte, Strebsamen Stipendien gewährte, ferner Ferienkolonien und Jugendspiele errichtete. Die Vereinsleitung verfolgt das Prinzip, nicht nur vorübergehende Hilfe zu leisten, sondern ist darauf bedacht, seinen Schützlingen dauernden Erwerb zu verschaffen. Die Inanspruchnahme des Arbeitsnachweises ist so umfangreich geworden, daß nunmehr eine besondere Abteilung für weibliche Stellensuchende eröffnet werden muß. Aus dem von Herrn Paul Laskar erstatteten Kassenbericht war die erfreuliche Tatsache zu ersehen, daß hinsichtlich der Ausgaben und Einnahmen der Vereinsbetrieb eine gesunde und ausreichende Ausdehnung erfahren hat. Bei den am Schluß vorgenommenen Vorstandswahlen wurde der ausscheidende Vorstand per Akklamation wiedergewählt. ’■ 6. Lübbecke, 8. März. Der hiesige Israelitische Frauenverein beging vor einigen Tagen sein 60 jähriges Jubiläum. Die Feier bestand in einem Festgottesdienst am Sabbat und dem nachfolgenden Festakt in der Schule. Der Leiter und Schriftführer der Frauen-Chewra, Herr Lehrer Lazarus, begrüßte die Erschienenen, dankte ihnen für das dem Verein allezeit bewiesene warmherzige Interesse und wies nach, daß derselbe — einer der ältesten der Provinz — durch seine mannigfache segensreiche Wirksamkeit den Vereinen größerer Gemeinden sich würdig anreihen könne. Dann wandte Redner sich an die ältesten Damen, die an diesem Gedenktage auf eine 50jährige Mitgliedschaft zurückblicken, hob ihre Verdienste, von denen so manche synagogale und mildtätige Stiftung zeugt, gebührend hervor und überreichte den Jubilarinnen: Frau Caroline ' Hecht, Frau Jeannette Rosenberg, Frau Friederike Löwenstein, das Diplom der Ehrenmitgliedschaft. Im Namen der Gefeierten richtete Frau Jeannette Rosenberg herzliche Dankesworte an die Versammlung wie an Herrn Lazarus für feine längjährige, treue Mitarbeit. Als Jubiläumsgabe wurde die Anschaffung mehrerer Gaskronen zur Beleuchtung und Zierde der Synagoge beschlossen. Es bleibt noch zu erwähnen, daß die Jubilarin Frau Friederike Löwenstein auch viele Jahre dem Borstande des vaterländischen Frauenvereins angehörte, welches Ehrenamt ihre Schwiegertochter, Frau Fanny Löwenstein, nunmehr bekleidet. l. München, 16. März. Vor einigen Tagen verstarb hier die Witwe Therese Scherer, geb. Steinhart, 83 Jahre alt und wurde auf dem israelitischen Friedhöfe neben ihrem 1896 verstorbenen Gatten beigesetzt. Derselbe nahm eine als Jude heute bemerkenswerte Stellung ein. Er war nämlich 25 Jahre Feldwebel im königlich ersten bayerischen. Schweren Reiterregiment und hierauf 25 Jahre erster königlicher Pedell der Universität München. Heute dürsten Juden in derartigen Stellungen wohl mit der Laterne zu suchen sein! — Der Feuerwehrkompagniekommandant Karl Fried mann in München wurde zum Adjutanten der Freiwilligen Feuerwehr Münchens ernannt. — Der^ königliche Zollassistent Leopold Hamburger in Aschaffenburg wurde zum königlich bayerischen Zolloberkontrolleur in Kaiserslautern befördert. Er war einer der ersten Juden im höheren bayerischen Zolldienst! — Dem ersten Vorsitzenden, der israelitischen Kultusgemeinde Justizrat Abraham Ofner in München wurde der Verdienstorden vom heiligen Michael IV. Klasse verliehen. — Das Vorstandsmitglied der israelitischen Kultusgemeinde Kommerzienrat Lehmann Bernheimer wurde zum Geheimen Kommerzienrat ernannt. — Das königliche Staatsministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten hat die Entschließung der königlichen Regierung der Pfalz, laut welcher der Bezirksrabbiner Dr. Meyer in Zweibrücken seiner Funktionen als Ortsrabbiner der Gemeinde Zweibrücken enthoben war, aufgehoben und die Sache zu neuerlicher Regelung an die königliche Regierung der Pfalz zurückverwiesen. a. München, 12. März. Das Kuratorium der israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg hat, wie bereits kurz gemeldet, an den Landtag eine Petition gerichtet um staatliche Zu. Wendungen zum Fortbestand der Anstalt. In der Eingabe wird ein regelmäßiger Jahresbeitrag von 4000. Mark aus Staatsmitteln erbeten. Die Angelegenheit wurde im Finanzausschuß beraten. Referent Dr. Schädler (Ztr.) erkannte die Opferfreudigkeit der Israeliten voll an und gab auch zu, daß der Staat durch die Würzburger Anstalt entlastet werde. Er sowohl wie der Korreferent Dr. Caffelmann (lib.) sprachen sich sympathisch gegenüber der Petition aus. Kultusminister. Dr. v. Wehner meinte, daß diese Anstalt als eine private zu be trachten sei und daß den jüdischen Lehramtskandidaten ja auch die allgemeinen Lehrerbildungsanstalten offen ständen. Ueberdies seien an der Würzburger Anstalt seines Wissens ziemlich viele „Ausländer". Er könne nicht einsehen, warum man für das orthodoxe Judentum etwas tun solle. Man habe in diesem Etat eine Reihe von Gesuchen privater Unterrichtsanftalten unberücksichtigt lassen müssen. Vielleicht könne er ein anderes Mal die Petition, der er im allgemeinen sympathisch gegenüberstehe, berücksichtigen. Der Antrag der beiden Referenten auf Würdigung wurde schließlich angenommen. o. Karlsruhe, 16. März. Die gestrigen Wahlen der weitlichen Abgeordneten zur israelitischen Synode vollzogen sich im ganzen Lande unter einer sehr erfreulichen umfassenden Beteiligung der Wähler. Während sie 1904 nirgends über 50 Prozent, vielfach aber nur 4 bis 10 Prozent betragen hatte, ist sie diesmal durchweg auf 80 bis 90 Prozent gestiegen. Ueberall wurde unter der Parole „Für oder gegen das neue Gebetbuch" gewählt. Dabei haben auch die Gegner in ihren Wahlaufrufen ihr Festhalten an der Organisation des Oberrats und ihre Anerkennung seiner Tätigkeit nachdrücklich betont. Als Gesamtergebnis läßt sich vorläufig feststellen, daß etwa die Hälfte aller Wähler für, die andere Hälfte gegen das neue Gebetbuch votiert hat. In den Städten Mannheim (430 für, 430 gegen), Heidelberg (76 für, 88 gegen), Freiburg (116 für, 121 gegen), wo die Orthodoxie eine unerhörte Agitation getrieben hatte, schied sich die Wählerschaft in nahezu gleiche Hälften. In Karlsruhe, wo eine demonstrative Stellungnahme der kirchlich interessierten gegen die kirchlich gleichgültigen Kreise zutage trat, sind die Kandidaten der ersteren mit imposanter Majorität (223 gegen 143) gewähltworden. Die Stadtgemeinden Bruchsal, Pforzheim, Konstanz und der Bezirk Heidelberg-Land wählten mit großer Mehrheit Freunde des neuen Gebetbuches. In den einzelnen Wahlbezirken können nach den vorläufigen Ermittlungen die Nachgenannten als gewählt betrachtet werden: I. Stadtrat E. Rothschild in Konstanz, II. Bezirksältester Dr. med. Heilbronn in Gailingen, III. Vorsteher E. Heim in Müllheim, IV. Vorsteher Rechtsanwalt Kaffewitz in Freiburg, V. Bezirksältester H. Epstein in Freiburg. VI. Bezirksältester. I. Lang in Altdorf, VII. Kaufmann Leo Wertheimer in Bühl, VIII. Rechtsanwalt