Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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erweitert, nach verschiedenen WechselfLllen in die berühmte Oxforder Bibliothek gelangt war. Auf Empfehlung Max Müllers wurde er sodann Unterbibliothekar an der Bibliothek der Königin Viktoria im Schlosse zu Windsor, eine Stellung, die er bis 1872 bekleidete, in welchem Jahre er aks Professor des Sanskrit am?r6siä6ney Oollegs nach Madras berufen wurde. In dieser Stellung verblieb er 21 Jahre läng, bis 1893, um dann Nordindien und Kaschmir zu bereisen und über China. Japan und Nordamerika nach Europa zurückzukehren. Er ließ sich in Berlin nieder, wo er 1895 als Dozent an der Universität für die nichtarischen einheimischen Sprachen Indiens, die sogenannten dravidischen Sprachen, zugelassen wurde. Oppert war einer der bedeutendsten Gelehrten in seinem Fache. Die Zahl seiner Werke ist sehr groß. Eins der letzten war „Tharschisch und Ophir". Der Heimgegangene war ein glaubenstreuer Jude, der an allen Angelegenheiten unserer Gemeinschaft warmen Anteil nahm. Seit 1896 war er Kurator der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums". Ehre seinem Andenken! s. Berlin, 15. März. Am 13. d. M. fand in Weißensee die Beisetzung der Frau Hermine Minden geb. Oppenheim, die das achtzigste Lebensjahr überschritten hatte, unter großer Beteiligung statt. Namentlich war die Reformgemeinde vertreten, die der Verewigten eine besondere Ehrung zuteil werden ließ, da sie vom Tage der Eröffnung des ersten Gottesdienstes sich als ein treues Mitglied bewährt hatte. Mit Genugtuung blickte die Gemeinde auf sie, die Bildung mit Gottesfurcht zu vereinigen wußte. Ihr Bildungstrieb erinnerte an die nachmendelssohnsche Periode, die den Ausgang suchte aus der alten Zeit in die neue. Zum Text seiner Gedenkrede nahm Prediger Dr. Lewin das Wort der Alten: „Wer andere zu Taten anregt, ist womöglich noch größer, als wer die Taten selbst vollbringt." Durch ihre in sich geschlossene Persönlichkeit habe sie auf alle, die in ihre Nähe kamen, anregend gewirkt, zumal aber auf Gatten und Sohn, die beide sich mit freudiger Aufopferung in den Dienst der Gemeinde gestellt hatten. Im Mindenschen Hause habe zuerst die Idee des Jugendgottesdienstes und manche andere religiöse Idee greifbare Gestalt gewonnen. In wahrhaft ergreifender Weise schilderte der Redner das Wesen und die Wirksamkeit der seltenen Frau, deren schönes Lebensbild mit den Worten Salomonis (31, 31) gekrönt ist : Ihr Glück hat sie verdient! Ehre ihrem Andenken! Pose«, 6. März. Wiederum ist ein jüdischer Lehrer aus unserer Provinz an die hiesige Stadtschule berufen worden. Es ist dies Herr Lehrer Sander in Birnbaum. Im ganzen sind jetzt sieben jüdische Lehrer an unserer Stadtschule angestellt. Zehn oder zwanzig Jahre zurück würde niemand daran geglaubt haben. — Dagegen vermindern sich die selbständigen Gemeinden- und öffentlichen Volksschulen in unserer Provinz zusehends. Dies macht, daß die wohlhabenden Juden ein merkliches Verlangen nach der Großstadt haben- Zuweilen sind es auch die sozialen und geschäftlichen Verhältnisse, die das ihrige dazu beitragen. So hat z. B. Rekle als selbständige jüdische Gemeinde zu existieren aufgehört,' in dieser Woche hat die Lewinsche Familie ihren Wohnsitz von dort nach Berlin verlegt. Nur eine Familie wohnt noch daselbst. s. Hoheusalza, 12. März. Zum ersten Kantor und Schächter der hiesigen Shnagogengemeinde wurde Kantor Rehfeld aus Filehne in Posen einstimmig gewählt. Herr Rehfeld wird am 1. Mai seine neue Stelle Hierselbst übernehmen. — In der kürzlich hierselbst unter dem Vorsitz der Frau Fabrikbesitzer Erna Levy abgehaltenen Generalversammlung des hiesigen Israelitischen Frauenvereins wurde der Beschluß gefaßt, für die innere Ausschmückung der Bundeslade in der neuen Synagoge von dem Vereinsvermögen den Betrag von 4000 Mark zu diesem Zweck zu bewilligen. — Das Fest der goldenen Hochzeit feierte am 3. d. M. der hier allbekannte unp beliebte Rentier und Stadtverordnete Moritz Hendelsohn mit seiflep Gemahlin in Frische und Gesundheit im Kreise der Familienmitglieder und zahlreichen Bekannten, welche von' nah und fern herbeigeeilt waren, um dem allseitig geachteten Jubelpaar ihre Glückwünsche darzubringen. Die Behörden, Vereine, Gemeindemitglieder, alles war vertreten, um dem Jubelpaar seine Glückwünsche zu übermitteln. Vor allen gratulierten eine Abordnung der städtischen Körperschaften, bestehend aus dem ersten Bürgermeister ^reinies, Stadtverordnetenvorsteher Dr. Levy und stellvertretenden Vorsteher Baumeister Wettke. Auch der Vorstand der Synagogen-, gemeinde hatte zur Beglückwünschung eine Deputation, bestehend aus den Herren Gemeindevorsteher Stadtrat Salomonsohn und dem stellvertretenden Synägogengemeindevorsteher Sanitätsrat Dr. Warschauer, entsandt. Das Repräsentantenkollegium der jüdischen Gemeinde war durch seinen Vorsteher Stadtrat Latte vertreten, der in einer Ansprache die Verdienste des Jubilars während seiner- 22 jährigen Tätigkeit als Mitglied des Repräsentantenkollegiums der Shnagogengemeinde in gebührender Weise hervorhob. Gemeinderabbiner -Dr. Kohn feierte in seiner Festansprache die Frömmigkeit und den stillen großen Wohltätigkeitssinn des Jubelpaares. Weiterhin gratulierte im Namen des Bethamidraschvereins Herr Rabbiner Dr. Binetter. Ferner brachten noch die Vorstände der hiesigen Hnmanitätsvereine des Israelitischen Frauenvereins und des Jüdischen Armenvereins ihre Glückwünsche dar. p. Breslau, 8. März. Seil einigen Monaten besteht hier eine neue Wohlfahrtseinrichtung, die in weiten Kreisen unserer Gemeinde und Provinz^ verdient, gewürdigt zu werden. Das biblische Gebot: „Tu sollst die Ernte.Deines Feldes nicht völlig abernten, den Armen und dem Fremdling sollst Du sie überlassen", hat einem größeren Komitee, aus verdienstvollen Damen und Herren unserer Gesellschaft bestehend, Veranlassung gegeben, ein jüdisches Brocken haus unter dem Namen „Peah" ins Leben zu rufen. Die. Einrichtung will Brocken aus dem Hause der Besitzenden, welche noch so wertlos erscheinen, wie Bekleidungsstücke, Möbel, Hausgerät, Korken, Bücher, Papier nsw., nach einer Zentralstelle sammeln, dort sortieren lassen und dasjenige, was geeignet erscheint, gegen müßiges Entgelt an Minderbemittelte und würdige Arme abgeben. Sie will durch die erforderte geringe Entschädigung gleichzeitig erzieherisch wirken, indem sie die Bedürftigen von der Bettelei zurückhält und das Bewußtsein des gesunkenen Selbstvertrauens zu heben sucht. Welchen Anklang das junge Unternehmen bereits gefunden hat, beweisen die bis Ende Februar erfolgten 400 Eingänge von verschiedenen Posten, darunter auch eines Klaviers, welches das Komitee einer würdigen Musikbeflissenen gegen nur mäßige Entschädigung abzugeben geneigt ist. Mit großer Genugtuung kann das Komitee auf seine Tätigkeit zurückschauen. Täglich sprechen würdige Petenten vor, auch anderer Konfession — die Einrichtung soll nicht ausschließlich für die Bedürftigen unserer Gemeinschaft Geltung haben — und verlangen Kleidungsstücke, Wäsche usw., die ihnen von den Damen des Komitees billigst abgegeben werden. Arme jüdische Studenten wurden mit Wäsche und Büchern versorgt; unterstützungswerte jüdische Zimmervermieterinnen konnten sich in der Peah für einen sehr geringen Preis ihre Wohnungseinrichtung, und eine bedürftige Braut eine große Anzahl notwendiger Hausgeräte anschaffen. Auch bietet die Peah den Arbeitswilligen Verdienst, indem sie bei sich verschiedene Arbeiter, die sonst kein Unterkommen fanden, beschäftigt und außerhalb der Geschäftsräume Weißnäherinnen, Schneider, Tischler, Schuhmacher usw. Arbeit und somit Verdienst bietet. — Der rasche Aufschwung der Peah ist der besonderen Rührigkeit des verehrten Damenkomitees zu danken; insbesondere hat sich Frau Justizrat Hentschel um die Sache verdient gemacht. Vertreterinnen unserer besten Gesellschaftskreise.haben sich in großer Selbstlosigkeit der Aufgabe unterzogen, mitzuarbeiten, scheuen vor keiner noch so schweren, minder beachteten Arbeit zurück, die sie für sich nicht als entwürdigend betrachten und geben somit auch den untersten Ständen ein Vorbild dafür, daß Arbeit den Menschen, mag er noch so hoch stehen, nicht zu schänden braucht. Neben diesen Damen sei der Tätigkeit des Herrn Eugen Perle gedacht, der seine freie Zeit dem Unternehmen gern und willig widmet, dessen Umsicht-und Tüchtigkeit von allendie ihn kennen, gewürdigt wird und der ein reges warmes Herz für alle Fragen, welche jüdische gemeinnützige Interessen betrafen, erwiesen hat. — An alle unsere Glaubensgenossen in Gemeinde und Provinz und darüber hinaus geht die dringende wie höfliche Bitte, die Wohlfahrtseinrichtung nach Kräften zu fördern und zu unterstützen durch Zuweisung von Brocken, die zumeist ungenützt daliegen, wie durch gelegentlichen Hinweis, daß würdige Bedürftige hier ihren Bedarf an Kleidungsstücken usw. gegen sehr billige Preise decken könnten. Sendungen wie briefliche Mitteilungen find zu richten an das Bureau der „Peah", Schwertstraße 8a, oder an das Lager, Kleine Holzstraße 8/10 p, von wo aus jede erwünschte Auskunft erteilt wirb