Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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72. Jahrgang.; Nr. 12. Berlin, 20. März 1908. Vetlsge zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums". korrrlponLkn?kn und Mschrichten. Deutschlsnd. L2 Berlin, 17. März. Seitens der hiesigen jüdischen Gemeinde sind Ostern 1905 Kurse eingerichtet worden, welche bezwecken, Semiuaristinnen Gelegenheit zu bieten, sich auch in sämtlichen Fächern des jüdischen Religionsunterrichts und in der Methodik dieser Disziplin auszubilden. Die Dauer der Kurse, deren Besuch unentgeltlich ist, beträgt, entsprechend der Dauer des Seminarbesuchs, bei vier Stunden wöchentlich drei Jahre. Am Ende der Ausbildungszeit soll eine Abschlußprüfung stattfinden und über deren Ergebnis den Teilnehmerinnen ein Zeugnis ausgestellt werden. Der Besuch der Kurse ist auch geprüften Lehrerinnen gestattet. Der Unterricht findet Montag und Donnerstag nachmittag statt. Leiter der Kurse ist der Rektor der Mädchenschule der hiesigen jüdischen Gemeinde Herr Dr. Gutmann, Küiserstraße 29/30, der Anmeldungen entgegennimmt und zu jeder weiteren Auskunft gern bereit ist. s. Berlin, 16. März. Das Stiftungsvermögen der Stadt Berlin ist im letzten Jahre erheblich gestiegen. Frau Henriette Loewe.nstein geb. Schmey vermachte dem Magistrat 20,000 Mark. Die Zinsen sind für arme, hilfsbedürftige Personen ohne Unterschied der Religion zu verwenden. Rentier Moritz Salomonsohn vermachte der Stadt 30,000 Mark, deren Zinsen jährlich am Geburtstage des verstorbenen Kaisers Friedrich an Arme in Beträgen von 100 bis 200 Mark gezahlt werden sollen. Frau Cäcilie Langner geb. Mendelssohn übereignete 15,000 Mark; die Zinsen sollen zur Hälfte einem Berliner Studierenden, zur anderen Hälfte einer Braut jüdischer Religion als Mitgift zusallen. Rentier Sigismund Samuel vermachte eine halbe Million für eine Samuel-Stiftung; aus den Zinsen sollen Arme unterstützt werden. 8. Berlin, 15. März. Der Verband für jüdische Wohltätigkeitspflege. hat eine Ausknnststelle errichtet, welche allwöchentlich Montag, Dienstag und Donnerstag nachmittag von 5—6 Uhr im Hause Rosenstraße 24 geöffnet ist. Die Auskunftstelle soll allen denen, welche die Hilfe der Wohlfahrtseinrichtungen in der jüdischen Gemeinde anrufen wollen, zur Auskunft und Beratung zur Verfügung stehen. 8. Berlin, 8. März. Heute fand im Sitzungssaal der jüdischen Gemeinde ein Delegiertentag des Verbandes der deutschen jüdischen Krankenpflegerinnenvereine statt, der eine große Anzahl von Teilnehmern und Teilnehmerinnen versammelte. Vertreten waren folgende Vereine, die sich mit der Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen befassen: Großloge für Deutschland U. O. B. B. VIII Berlin; ferner die Vereine: Berlin, Beuthen O.-Schl., Breslau, Hamburg, Köln, Mannheim, Metz, München, Nürnberg, Stuttgart, Frankfurt a. M. Ein erfreuliches Einverständnis wurde namentlich in bezug auf die gründliche Ausbildung der Schwestern erzielt, welche künftig mindestens eine 1^jährige Lehrzeit zu absolvieren haben werden. Die staatliche Prüfung der Schwestern wurde als obligatorisch festgesetzt. Eine Anzahl von Bestimmungen zugunsten der Schwestern und Schülerinnen wurde getroffen. Vom 1. Januar 1909 an erhalten die älteren Schülerinnen ein erhöhtes Taschengeld und die Schwestern ein Anfangsgehalt von 360 Mark, das mit den späteren Dienstjahren steigt. Auch die Pensionsverhältnisse sollen eine Aufbesserung erfahren, doch soll diese Frage erst auf dem nächsten Verbandstage definitiv geregelt werden. Berlin wurde zum Verbandsvorort bestimmt, doch sind Anfragen wegen Aufnahme von Schülerinnen und ' dergleichen nicht dahin, sondern an die einzelnen Vereinsvorstände r zu richten. Die sehr eingehenden Debatten währten von 10 bis 6 Uhr. Wir können dieses einmütige Bestreben, gebildete jüdische Mädchen und unabhängige Frauen in immer größerer Zahl dem schönen Beruf der Krankenpflege zuzuführen, nur mit Genugtuung begrüßen, ebenso den Eifer, mit welchem die bestehenden Vereine den größten Wert sowohl auf eine vorzügliche Ausbildung als auch nuf eine geachtete und auskömmliche Stellung der jüdischen Krankenpflegerinnen legen, wie dies in der Delegiertenversammlung zum Ausdruck gebracht worden ist. Eine Fülle reichsten Segens strömt aus der Wirksamkeit der jüdischen Schwester, nicht nur auf die armen Mitglieder der Gemeinde. vielmehr auch auf die wohlhabenden Kreise, welche in Fällen schwerer Krankheit ihrer Familienangehörigen die Sehnsucht empfinden, von einer jüdischen Schwester gepflegt zu werden. Möge es doch in immer weiteren Kreisen unserer Glaubensgenossen zur Erkenntnis kommen, daß dieser hohe Beruf noch so vielen Mädchen eine ehrenvolle Existenz und vielen Tausenden von Kranken Hilfe und Aufrichtung bringen könnte. Den Frauenvereinen in unseren Gemeinden fiele nach unserer Meinung in erster Reihe die ernste Aufgabe zu, hier fördernd und aufklärend zu wirken, insbesondere den Eltern, welche noch mit mancherlei Vorurteilen über den Stand einer Krankenpflegerin behaftet sind, den Rat zu erteilen, ihre Töchter diesem Beruf zuzuführen. 8. Berlin, 17. März. Der Hilfsverein für jüdische Studierende hielt seine Generalversammlung am 11. d. M. ab, dem Tage, an welchem 1812 die Juden in Preußen Bürgerrecht gewannen. Der gedruckte Bericht betrauert den bisherigen Vorsitzenden Prof. Emanuel Mendel. Der Verein unterstützte 1907 nicht weniger als 147 Studierende der.Universität, des Polytechnikums, der Landwirte schaftlichen Hochschule, der Hochschule für Musik und der Handelshochschule mit zusammen 25 785 Mark. Statutengemäß dürfen die Stipendien nur leihweise bewilligt werden; wie gute Früchte die Gaben früherer Jahre gezeitigt haben, ergibt am besten die Summe der Rückzahlungen, sie betrug 1907: 10 £51 Mark. — Der Vorstand wurde wiedergewählt; den Vorsitz führt Justizrat Arn. Seligsohn, das Schristführeramt Professor Dr. F. Liebermann. e. Berlin, 11. März. Am 10. d. M. tagte die 36. Generalversammlung des Hilfsvereins der Rawitscher im „Altstätter Hof". Der erste Vorsitzende, Vorstandsmitglied der hiesigen Handelskammer und Vorstandsmitglied der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr Leopold Vadt, begrüßte die zahlreich Erschienenen mit herzlichen Worten. Er hob hervor, daß die drückenden Zeitverhaltnisse auf den Verein mächtig einwirken und daß die in Deutschland lebenden, aber zerstreuten Landsleute ein gutes Werk tun, wenn sie Mitglieder eines solch humanen, segensreich wirkenden Vereins werden. Es fehlen noch viele, aus deren Mitgliedschaft man rechnen darf. Der Rendant Herr Bankier Jacob Pasch, betonte, daß Legate, Subventionen usw. der Rawitscher Landsleute sich mehr bemerkbar machen müßten und anregende Beispiele im Laufe der Zeit gegeben würden. Man hofft, daß beim Lesen der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" viele Landsleute wieder auf die Vereinsschöpfung zurückgeführt werden. Herr Adolph Cohn ^hatte, als langjähriger Sprecher, einen ernsten und und heitern Vortrag gewählt und hiermit seine Landsleute in die richtige Stimmung versetzt. Der sehr ehrwürdige Herr Rabbiner Dr. Ungerleider hatte telegraphisch seine lieben Rawitscher begrüßt. Wieder gewählt wurden mit Einstimmigkeit Herr Leopold Badt, Herr Jacob Pasch und Herr Dr. Rothstein. 8. Berlin, 17. März. Gestern ift. hier der bekannte Sanskritist und Jndologe Professor Dr. Gustav Oppert im 72. Lebensjahre gestorben. Ein jüngerer Bruder des 1905 verstorbenen Assyriologen Julius Oppert, war er 1838 in Hamburg aus angesehener Familie geboren. Dem Beispiel seines Bruders folgend, wandte er sich dem Studium der orientalischen Sprachen zu, dem er von 1854 ab allf den Universitäten Bonn, Leipzig, Berlin und Halle oblag. Nachdem privatisierte er einige Jahre in Berlin und Hamburg, bis er 1866 als Assistent an der Lodlehanischen Bibliothek in Oxford angestellt wurde, wo er auch die Sammlung hebräischer Manuskripte zu katalogisieren Hatte, die sein Vorfahr. S. Oppenheimer, zur Zeit der Türkenkriege anzulegen begonnen Hatte und die, später mehrfach