Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 143 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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143 deren Röcke und Zöpfe nur so flogen, rasten in einer Wolke von Staub, die nach Knoblauch, Branntwein und neuen Schafspelzen duftete.' Das Alles berührte ihn nicht im mindesten; er war ganz Ohr, mit geschlossenen Lippen und glühenden Augen lauschte er den Tönen, die dem klagenden Chmbal, die seiner bewegten Seele entströmten. Er war ein Künstler, zu dieser Stunde. Teufel! Ein Musiker ist mein Abrahamek auch, und welche Feuerseele steckt in diesem kleinen Körper, dev nach nichts aussieht, dem man kaum ein herzhaftes Wort zutraut! Aber mein Abrahamek malte, kutschierte, schmiedete schnurrige Reime, musizierte, und mein Anzug wurde noch immer nicht fertig. Ich mußte selbst zu ihm gehen. Das kleine, hübsche Haus, in dem er wohnte und seine Werkstatt aufgeschlagen hatte, gehörte ihm; seine Frau hatte es ihm zugebracht. Er selbst war ursprünglich ein, armer Talmudschüler, und er hätte auch jetzt noch lieber mit den Anderen hinter der Schule disputiert, als Fracks und Uniformen gefertigt. . . Als ich eintrat, hockte er auf einem großen Tische oben und nähte mit wildem Eifer. „Ich bin schon dabei," schrie er, „morgen haben Sie alles." „Es wäre auch wirklich an der Zeit." „An der Zeit? Ist der Frack nicht etwa schon fertig? Veigele, wo ist der Frack? Sie sollen ihn sehen. Veigele!" Ich war neugierig, die Frau dieses Mannes zu sehen. Da war sie, eine mittelgroße, volle Brünette, mit fein geschnittenen, reizvollen Zügen. Sie trug eine Stirnbinde mit funkelnden Juwelen, welche mit dem frischen Glanz ihrer Augen und Wangen wetteiferten, und eine Pelzjacke von feurig rotem Samt. Ihre weißen Arme lagen in den weichen, dunklen Aermeln wie aus Marmor gebildet. Sie grüßte mich mit einem fast schalkhaften Lächeln und ging dann sofort auf ihren Mann los. „Was willst du denn wieder?" begann sie kurz und ungeduldig, gleich einer kleinen Monarchin, die man in wichtigen Regierungsgeschäften gestört hat. „Der junge gnädige Herr will seinen Frack sehen." Sie holte den Frack, breitete ihn siegesgewiß vor mir aus und sagte triumphierend: „Was für ein Stück! So arbeitet dieser Unglücksmensch, wenn er will, aber wann will er denn? Alle Monat einmal, dann wird wieder gemalt, gereimt, musiziert, lauter so brotlose Künste! Wir könnten in Equipagen fahren, wenn er nur wollte." „Was braucht ein Mensch Pferde und Wagen?" sagte Abrahamek; „hätte Gott gewollt, daß wir fahren, hätte er uns erschaffen ohne Beine." „Da hören Sie den Menschen," rief Veigele entrüstet und stemmte die Arme unter ihrer Pelzjacke in die weichen, runden Hüsten, „so ist er den ganzen Tag; wie im Traume umhergehen und Gott weiß was für Torheit ausbrüten, das ist seine Sache. Schneidern sollte ich wohl für ihn, aber ich tue es nicht; genug, daß ich mein Haus in Ordnung halte. Aber jetzt sollen Sie Ihre Sachen bekommen, junger Herr, und sollte ich ihn zur Arbeit prügeln wie einen Esel!" Sie gab ihm mit der kleinen Faust einen resoluten Stoß in die Rippen und flog dann hinaus. „Eine hübsche Frau," sagte ich. „Ja, hübsch ist sie schon," murmelte Abrahamek vor sich hin. „Und sie scheint auch gescheit." „Gescheit ist sie auch." „Aber böse!" „Je nachdem," sagte Abrahamek; „die Frauen sind im Grunde nicht wert, daß man sich viel um sie bekümmert, und auch nicht, daß man sich über sie ärgert, aber diese da," er pfiff vor sich hin, „die muß man schon bemerken, die sorgt dafür, und wissen Sie, wenn man sich schon will quälen lassen von einer Frau, so muß sie danach sein, und diese ist danach." „Du bist wohl sehr zufrieden mit Deiner Frau?" „Warum soll ich nicht sein zufrieden? Wer ist glücklich? Der mit seinem Lose zufrieden ist. Es ist eine ordentliche Frau. Der Graf Skarbek küßt ihr immer die Hände. Warum soll er sie nicht küssen? Sind es doch ein paar Händchen wie von weichem Samt!" Wie kommt der Mensch zu diesem allerliebsten Weibchen? dachte ich, als ich den kunstreichen Abrahamek verließ, und> ein Philosoph ist er auch, der richtige jüdische Sokrates aM der „Klaus". Uebrigens diese Xantippe ließe ich mir auch gefallen. Zu welchem Zweck mein Abrahamek von einem gütigen Geschick eigentlich erschaffen und bestimmt war, habe ich nie erfahren, ich weiß ebensowenig, wozu er eigentlich Talent besaß; aber zum Schneidern entschieden nicht. Am nächsten Tage lieferte er mir wirklich die Kleider ab, dafür hatte die hübsche Veigele allerdings gesorgt; was sie aber nicht hindern konnte, war, daß ihm, während er Zuschnitt und nähte, Gott weiß was für Gestalten, spaßige Verslein und süße Melodien durch den Sinn gingen. Der Frack warf natürlich abscheuliche Falten und war viel zu lang; dafür war das Beinkleid zu kurz und die Weste zu eng. Aber deshalb will ich doch nicht mit Dir rechten, mein guter Abrahamek, und wäre es auch nur um Deines reizenden Weibchens willen, das so schöne, freundliche Augen und Händchen hat wie weicher Samt. Der kleine Mtz. Von Dr. A. Ackermann. ie Treppe stürmt der kleine Fritz hinauf Und freudestrahlend tritt er in die Stube. Zum Vater eilt er hin in raschem Lauf, Und dieser fragt erstaunt: „Was gibt's, mein Bube?" „Ein neuer Schüler trat heut' bei uns ein! Ich Hab' ihn mir zum Freunde schon gewonnen. Er will mir manchmal auch behilflich sein; Wir haben in der Pause schon begonnen." Der Vater hört beglückt die Freudenmär Und, wie zum Zeitvertreib nur, fragt er leise, Als ob die Botschaft ihm so wichtig war', Wie dieser neue Freund und Helfer heiße. Und prompt gibt Fritz zur Antwort: „Moritz Cohn!" Und als der Vater dieses Wort vernommen, Zuckt's über sein Gesicht wie Zorn und Hohn. Als hätt' er eine Züchtigung bekommen. Und spottend ruft der Vater: „Moritz Cohn! Ein Sproß vom Stamme Sem ist das, ein Jude! Vor dem nimm Dich nur recht in acht, mein Sohn, Rück' mir mit solchem Pack nicht auf die Bude!" Da senket Fritz betrübt das junge Haupt, Und traut sich nicht, das Auge zu erheben — Des Vaters Wort, das ihm die Hoffnung raubt, Fährt wie ein Eishauch in sein warmes Leben!