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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 142 (sequence 12)
Language
German
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„Der junge Herr studieren wohl in Wien?" „Ich habe schon äusstudiert." „Schon ausftudiert? So jung! Was für ein Kopf! Also haben der junge Herr ein Geschäft in Wien?" „Nein." „Am Ende schon ein Amt?" „Etwas dergleichen." „Schon ein Amt! So jung! Was für ein Kopf! Der junge Herr werden wohl Kreishauptmann werden oder Hosrat, wenn Gott Ihnen Gesundheit schenkt. Und dann wird sich auch finden eine Braut für den jungen Herrn, jung, schön und reich, oder haben der junge Herr schon gefunden, was Ihr Herz verlangt?" So ging es fort, und dabei versenkte Abrahamek seine kleinen grauen Augen in meine Seele wie zwei Harpunen. „Der hat unstreitig Talent zum Untersuchungsrichter," dachte ich, „wenn er ein ebenso guter Schneider ist, kann ich mir gratulieren." . . . Als ich jedoch in den nächsten Tagen in die Tabaktrafik ging, um Zigarren zu kaufen, bot sich mir ein neues, überraschendes Schauspiel dar. Abrahamek, mein Schneider, saß ohne Lalar, in Hemdärmeln vor der Tür auf einem niederen Schemel; vor ihm war ein glattgehobeltes Brett ausgestellt, das an einem Stuhl lehnte, und auf diesem Brett malte er mit Hilfe eines großen Pinsels, einiger mit verschiedenen Farben gefüllter kleiner Töpfe und einer großen irdenen Schüssel, in der er seinen Pinsel wusch. Und was malte er? Eine Türkin mit großen schwarzen Augen, im grünen Turban und roten Hermelinkaftan, die mit gekreuzten Beinen auf einem blauen Polster saß und aus einem langen Tschibuk dampfte. „Was machen Sie da?" „Sie sehen doch,, junger Herr," erwiderte Abrahamek gekränkt, „ich tu" malen." „Was wird das?" „Was soll das werden? Ein neues Schild für Frau Baranowska." „So hieß nämlich die ärarische Witwe, der die Trafik gehörte. „Ist das Ihr erstes Meisterstück?" „Hab" ich doch schon gemalt die Tafel, die hängt beim Mauthaus," antwortete Abrahamek und reckte sich in die Höhe, ein beleidigter Rafael, „und das Schild zur.schönen Polin sür den Kaufmann in der Lembergerstraße und die Sonnenuhr beim Herrn Pfarrer. Haben Sie schon vielleicht gesehen eine Sonne, die so natürlich scheint wie meine Sonne? Hier gewiß nicht, vielleicht in Wien." Ich muß gestehen, daß Abrahamek in der Tat Talent zum Malen hatte: der Dampf, den die Türkin vor sich hinblies, glich allerdings mehr einem Kranz schmutziger Hobelspäne, aber sie hatte ein ganz hübsches Gesicht, und auch die schöne Polin machte diesem Namen alle Ehre. Diese edle Kunst war indes lange nicht das Non plus ultra von Abrahameks Gaben. — Bei einer Hochzeit in einem reichen jüdischen Hause lernte ich Abrahamek von einer ganz anderen Seite kennen. Er hatte nicht nur. des Erwerbes willen, sondern aus besonderer Gefälligkeit, wie er sagte, die Stelle des Marschalik übernommen. Und was war das für ein Spaßmacher! Alle Narrenweisheit vergangener 'Zeiten schien in ihm auss neue erstanden; das war der dem Sarkophag entstiegene leibhaftige Till Eulenspiegel. Er begnügte sich nicht mit den üblichen Witzen, er respektierte die Tradition ebensowenig wie Stand und Würde der Gäste, nichts schützte vor den Pfeilen seines Spottes, die nach allen Seiten hin sicher trasen. Jedes seiner kleinen, gereimten Gedichte war eine köstliche Blüte seines eigenen Geistes, und wie trug er sie vor,, mit welcher wunderbaren Modulation der Stimme,; mit welchen unglaublichen Gesten, mit welchem verzweifelt komischen Minenspiel! Das prächtig geschmückte Auditorium schüttelte sich förmlich vor Lachen, jedesmal, wenn er eine seiner schnurrigen Raketen hatte steigen lassen, die gleich kleinen Teufeln schwirrten und neckten und doch niemandem wehe taten. Jetzt wandte er sich an die schöne Braut, und sofort lauschte der ganze Kreis in atemloser Spannung. „Das Weib ist bitter, ja, so hört man sagen, In alten wie in diesen Tagen; Vom Weib kommt alles Böse her, 's ist schlimmer noch als Brand und Meer! Will der Rabbiner zur Schule gehen, Darf er kein weibliches Antlitz sehen. Ja, meine Damen, schön und heiß begehrt, Ihr seid doch Alle — keinen Groschen wert. Wie sehr bedau'r ich diesen jungen Mann, Der sich von seiner Qual nicht mehr erretten kann! Bedaur', warum? Die Frage scheint mir wichtig. Ist dieses Weiber-Renommee auch wirklich richtig? Ich sage: nein, und ich kann's auch beweisen, Die Frauen werden mich begeistert preisen. Aus einer Rippe Adams ward das Weib gemacht, Ihr wißt es alle, gebt nun acht! War' eine Ripp' des Mannes schon so schlecht, So bin ich doch gewiß im vollen Recht. Zu sagen: daß der ganze Mann Viel schlechter nur als eine Ripp' sein kann!" Also Talent zum Dichter hat er auch, dieser kleine Abrahamek, sagte ich mir, während ringsum lautes Lachen erscholl und die schönen fiammenäugigen Frauen und Mädchen dem glücklichen Hochzeitsnarren dankbar zunickten. Da traf ich aber meinen Schneider am nächsten Tage auf der Kaiserstraße, wo er ein Dreigespann lenkte, mit dem zwei Edeldamen dahinrasselten. Es war mir wahrhaft - bewunderungswürdig, wie der kleine Mann mit seinen schwachen Händen das gebrechliche Fuhrwerk regierte, hier um ein tiefes Loch, einen, kleinen Abgrund herum, dort zwischen zwei drohenden Pfützen mitten hindurch; es war der reine Eiertanz. „Abrahamek!" rief ich aus, „wenn du'nichts bist, bist du ein großer Kutscher. Wie schade, daß ich nicht Pferd und Wagen habe!" Ich weiß nicht, ob er das Kompliment gehört hat, sonderlich imponiert hat es ihm nicht, denn er begnügte sich, mir herablassend mit dem lockigen Köpfchen zuzunicken. Einen ganz anderen Abrahamek fand ich eines Sonntags in der Vorstadt draußen in einer Schenke, in der die Bauern tanzten. Da war nichts von dem stillen Ernst des Malers, von der Lustigkeit des Hochzeitsnarren oder der Würde des Kutschers an ihm zu entdecken. Abrahamek war mit einemmal traurig geworden. Kein Nerv zuckte in seinem steinernen Antlitz, nicht einmal eine seiner Wimpern, obwohl seine Zähren unablässig flosien, aber nicht die farblosen Wangen hinab. Sie quollen reich und schmerzlich aus dem Cymbal, vor dem er saß, und das er mit zwei kleinen, mit weichem, schmutzigem Leder umwundenen Stäbchen schlug, bald sanft und schmeichelnd, als spiele er mit seinem Kinde, bald kräftig und wild, als gälte es, ein böses Weib durch eine Tracht Schläge zu zähmen. Um ihn kreischten, jammerten und brummten die anderen Instrumente wie eine Menagerie vor der Fütterung, und die Bauern stampften mit den großen Stiefeln, und die Mädchen,

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