Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 141 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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141 zu Ferreira, der Erbprinz Vincenzo nimmt ihn dorthin mit. — Die Damen vergöttern diesen bildschönen Menschen, man erlaubt diesem Gaukler, im Ritterwams zu erscheinen, silberne Sporen klirren an seinen weißledernen Stiefeln, im violetten Seidenrock, dessen gelbe^ geschlitzte Puffen nur leise an den Hebräer erinnern, erscheint er bei Hofe, die goldene Laute im Arm, und singt so herrlich, daß er bei dem großen Bankett an der Seite der Patrizier seinen Platz findet. Im Tanz der Blinden — die Prunkoper „II pa8tor 660" gibt dazu Veranlassung — füllt er seinen Part ganz vortrefflich aus; das Haus, welches er in Mantua bewohnt, ist der Sammelpunkt auserlesener Geister; da klingt es und singt es Nächte hindurch, die Tafel bricht vor Gold und Silber, edler Wein perlt in den Pokalen, die Herzöge sitzen aus brokatenen Sesseln und hören diese herrliche Musik, diese Gesänge, welche ihnen zu Ehren komponiert worden sind. Ein anderes Bild! — Man schreibt das Jahr 1616. Das große Theater in Mantua ist an diesem Frühlingsabend dicht gefüllt. Der fürstliche Hof der Gonzagas ist vollzählig versammelt. Madonna Europa, die Schwester des berühmten Violinisten und Hofkompositeurs Salomon de Rossi, tritt als Ariadne in der Oper „Arianna" von Monteverdi auf. Ihr Sohn Anselmo sitzt unten im Orchester neben seinem berühmten Oheim, desgleichen David da Civita, ein junger Lantenspieler und Komponist. Eine zarte, ätherische Erscheinung ist diese Jüdin Madonna Europa; Silbertöne entlockt sie ihrer Kehle, als sie weinend am Ufer zurückbleibt und ihren Schmerz, gleichsam verhauchend, musikalisch in glänzender Weise illustriert. Nun aber ertönt die Zaubergeige ihres Bruders, Herzog Fernando neigt sich aus der Loge und winkt dem Hebräer zu, er verehrt diesen vollendeten Meister, ihm ist das gelbe Abzeichen erlaffen worden, dieses Brandmal der mittelalterlichen Israeliten, Purpursamt hüllt auch ihn ein, und am Bogen funkeln kostbare Steine. — Welch ein Abend, welch ein Glanz! Die Künstlerfamilie de Rossi, ihre Mitglieder, bilden gleichsam die obersten Bausteine, um die Bedeutung jüdischer Musiker am Hose von Mantua erkennen zu lassen. Als der Verfall eintrat, Mantua von den Deutschen erstürmt wurde, mußten auch sie fort — wie der Wind verwehten ihre Spuren, nur Pergamentblätter in der Mailänder Bibliothek, den Bibliotheken von Upsala und Berlin künden noch von ihrer hohen Begabung. Ihre weltliche Musik, mit welcher wir es hier zu tun haben, hat jenen Stil altitalienischer Weise, den Palestrina und Pergolese sich zu eigen machten, eine zarte, weiche Musik, welche beruhigt und erhebt. De Rossis Gesänge, diesen fürstlichen Beschützern gewidmet, atmen Freude und Stolz; lassen wir hier die Verse folgen, welche Lodoviko Arriabene zu den Komponetten des Komponisten der „Haschirim-Gesänge" dichtete, und die Eleonora, Tochter des prachtliebenden Francesko de Medici, als Huldigungsmadrigal zugeeignet sind, als sie Vincenzo von Gonzaga in zweiter Ehe freite: Beide seid Ihr ein herrliches Paar, Himmlisches Licht Euren Aufstieg gebar. Vincenz — Leonore — Namen so schön, Erde und Himmel davon ertön'. Irdische Gottheiten, ruhmreiche Seelen, Würde und Hoheit niemals Euch fehlen, Von dem Pincio ertönen Mieder — Klänge der Musen — sanfte Lieder. Und beider Namen stolzer Klang Eint sich in meinem feurigen Sang. Spurlos verschwanden diese musikalischen Hebräer aus italienischen Landen, als der Sturmwind in Gestalt von Kämpfen und Belagerungen sie gleichsam hinwegfegte wie dürre Blätter im Herbst. Wo mögen sich die Rossis hingewendet haben, nachdem Salomon 40 Jahre hindurch seinem Herzog ausgezeichnete Dienste geleistet hatte, vielfach zu befreundeten Fürsten mit seiner Künstlerschar geschickt wurde, um an diesen Höfen, wie bei dem edlen Herrn von Mirandola, festliche Veranstaltungen verherrlichen zu helfen? Vielleicht wanderten sie nach Holland oder England aus, wo man noch oft diesem Namen begegnet; immerhin aber haben diese Juden, deren Kunst etwas in der prachtliebenden Renaissance bedeutete, ihren Fürsten treue Dienste geleistet, und aus den Saiten der Harfe ertönt's in machtvollen Klängen, wie Eduard Birnbaum in seiner vortrefflichen Arbeit zuletzt sagt, dem wir die Anleitung zu dieser Skizze verdanken: Erwache meine Ehre! Erwache Harf' und Zither! Mein Schneider flbrshsmek. Aus dem Nachlaß von Leopold v. Sacher-Masoch. as er eigentlich war? Ich weiß es heute noch nicht, aber es steht fest, daß er als Schneider zu mir kam, und ebensowenig kann ich leugnen, daß er mir wirklich Kleider gemacht hat. Ich war nach Jahren wieder einmal in der Heimat, in einer galizischen Kreisstadt an der russischen Grenze, und wohnte in dem kleinen Hause meines Onkels. Bei schönen: Wetter ging ich auf die Jagd; wenn es regnete, las ich Walter Scott. Es gab indes auch Tage, an denen es nicht schön war und nicht regnete; an solchen lag es nahe. Besuche zu machen in Familien, die das Glück hatten, einen Magnet zu besitzen in Gestalt einer reizenden Frau oder eines hübschen Mädchens. Zu solchen Besuchen war ein neuer Gesellschaftsanzug nötig, und so wurde Abrahamek zitiert, um mir denselben anzufertigen. Als er eintrat und mich begrüßte, machte er mir in keiner Richtung den Eindruck eines Menschen, mit dem sich eingehender zu beschäftigen verlohnen würde. Er war klein, hager, unansehnlich, hatte ein schmales Gesicht mit einer krummen Nase, unter der schwarzsamtenen Jarmurka ein paar fuchsige Stirnlöckchen und einen langen schwarzen Talar wie die anderen galizischen Juden. Er zog ein paar schmutzige Streifen Papier heraus, nahm nur das Maß, hörte alle meine Anordnungen an, ohne nur mit dem Äuge zu zucken, und setzte sich dann, ohne mich zu fragen, mir gegenüber an den Tisch. „Also, der. junge Herr kommen von Wien?" begann er. „Ja, von Wien." „Eine schöne Stadt." „Ja, eine schöne Stadt." „Und bleiben jetzt hier bei Ihrem Herrn Onkel?" „Nein." „Es gefällt Ihnen wohl nicht hier?" „Das nicht..." „Aber es gefällt Ihnen bester in Wien?" „Auch das ist es nicht."