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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 140 (sequence 10)
Language
German
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Erst als die Weltgeschichte zum Weltgerichte sich erhob, entflammte der Zorn der Dichter über die Verfolgungen, denen Israel zu allen Zeiten und in allen Landen ausgesetzt war. Ihr Weltschmerz umfaßte auch das tiefe Leid Israels. So war es denn auch der erste moderne Dichter des Weltschmerzes, Lord Byron, der in seinen „Hebrew Melodies“ das tragische Geschick Israels besungen hat. Durch ihn wurde der große „Judenschmerz" eine neue und weite Provinz im Reiche des Weltschmerzes, der die allgemeine Völkerpoesie des vorigen Jahrhunderts mit einem Ausdruck des meerestiefen, aus den Widersprüchen und dem Elend des Lebens entspringenden Leides erfüllt. Es war daher nur selbstverständlich, daß der erste Dichter der modernen Weltschmerzpoesie diesem Leid der Juden seine innigsten Lieder geweiht hat. Lord Byron schlug zuerst den Ton an. der in die Klage sich zusammendrängt: „Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimat, Juda nur — die Gruft!" Und nicht weniger natürlich war es, daß dieser Ton einen mächtigen Widerhall in den Herzen aller der Sänger fand, die für die Freiheit der Menschen und für das Recht der Völker eintraten. Die Poesie der Juden selbst hat allerdings schon seit Jahrhunderten das Leid Israels und seine große Mission besungen. Mehr als anderthalb Jahrtausende umspann die Dichtung mit dieser Klage. Anderthalb Jahrtausende, in denen Angst und Wehe, Unglück und Sorge in Israels Wohnstätten herrschten, während die Stimme der Versöhnung oder gar ein Freudenklang nur selten hineindringen durfte. Der Psalmvers: „Wenn ich dein vergäße, Jerusalem!" bleibt der große Gedanke, der durch diese ganze Poesie wie ein roter Faden sich zieht, mag sie nun Israel der Rebe, der Olive oder der Taube vergleichen, mag sie seine Lehre als das Licht unh. die Rose preisen, mag sie von bitterer Sorge im hilflosen Aikter oder vom Glück des Lebens und seiner Vergänglichkeit oder auch von den großen messianischen Hoffnungen des Judentums, die mit dem Gedanken der Welterlösung zusammenfallen, sprechen. Es ist aber hier wie dort derselbe Grundton, der aus der Hagada der alten Zeit, aus den Legenden des Talmuds, aus den Sagen des Midrasch, aus den Pijjutim und Selichot des Mittelalters herausklingt. Und derselbe Ton zieht auch durch die moderne Hagada, wenn man die poetische Ströinung der neuen Zeit so nennen darf. Den jüdischen Dichtern der neuen Zeit bleibt Byrons Poesie lange vorbildlich. Dieser Dichtung fehlte der Glaube an den Genius Israels; ihr Lied war nur eitle Klage, der gramschwere Ausdruck vernichteter Hoffnungen, verwehter Träume. Erst als die Periode der Scham und der Verachtung vorüber und die Morgenröte der Erkenntnis wie der Selbstachtung herausgestiegen war, als bedeutende Forscher das Bild der jüdischen Geschichte und Lehre von dem Staub, der sich in Jahrhunderten darauf gelagert, reinigten, erst da erfüllte sich auch die Poesie des Judentums mit neuem Inhalt. Zwar spielt kein Genius mehr die Harfe von Zion, die die Leviten einst an die Weiden Babels aufgehängt, weil sie das alte Lied nicht in der Fremde singen wollten, aber eine Schar begeisterter und lieblicher Sänger stimmte nun das neue Lied, Schirah Chadascha an, das der Psalmist einst verheißen hat, und das nun nicht mehr eine eitle Klage, sondern ein Spiegelbild der Vergangenheit, ein Trostlied der Gegenwart, ein Losungswort der Zukunft wurde. Sobald die Dichter des Judentums aus dem reichen Schatz der Hagada, der Geschichte und der Gegenwart schöpfen konnten, ergoß sich ein heller Lichtstrahl echter Poesie in ihre Dichtung, der ihr ein eigentümliches und originelles Gepräge verliehen hat. Wenn nun hier in diesem Buche die Stimmen der Klage und des Elends, aber auch der Freude und der nimmer rastenden Liebe und der großen Zukunftshoffnungen von neuem gesammelt und dem Geschlecht gewidmet werden, das berufen ist, den neuen Morgen zu schauen, so hegen-wir die Zuversicht, daß dieses Saitenspiel der Dichtung überall Liebe und Versöhnung wecken und Israels Jugend nicht nur zu dem Quell seiner Poesie, sondern auch zu der Mündung des Stromes führen wird, der unsere großen Hoffnungen in das Meer der Weltversöhnung tragen soll. Gustav Karpeles. --G<- Mulrkslilche Juden sn itslienilchrn höken der Nensillanre. Von Fr. Katt. ie fruchtbaren Jahre der Renaissance, welche in Italien wahrhaft glänzende Zeiten herbeiführten, brachten an. den Hof von Mantua Künstler, die in ihrer Eigenart als Musiker so Vortreffliches leisteten, daß die anfänglichen Widerwärtigkeiten, mit denen sie ihres Glaubensbekenntnisses halber zu kämpfen hatten, bald der reinen Freude wichen, welche ihnen in Gestalt eines Beschützers, ja man kann sagen eines Freundes, des jeweiligen Landesfürsten, zuteil wurde. Wir sprechen hier von den jüdischen Hofmusikern der Herzöge von Mantua, welche in weltlicher Musik ganz Außerordentliches in der Komposition brachten, desgleichen als ausübende Künstler, Lautenspieler, Violinisten, Sänger und Sängerinnen, jene rauschenden Feste verherrlichten, von denen Vasari schwärmt, und denen zuliebe Fremde ein Vermögen boten, um ihnen beiwohnen zu können. Alfonso dem Weisen gebührt das Verdienst, desgleichen dem edlen Guglielmo Gonzaga, Beschützer der gelehrten Juden zu werden. Von 1562 bis 1628 zählt diese glanzvolle Periode. Was galt diesen Fürsten das gelbe Abzeichen der Fron am Kleide und Barett dieser künstlerisch veranlagten Juden — sie beachteten es nicht, für sie war eben das Wissen maßgebend. Francesco, Ferdinands, Dincenzo II. und Ferdinand von Guastalla, selbst der Ausländer Carlo Gonzaga, gewährten diesen Israeliten Freiheiten, welche den Neid der Bevölkerung erregen und später dann auch zur Vertreibung der Juden aus Mantua führen. Vor allen Dingen sind es drei Instrumente, die in vorzüglicher Weise von diesen jüdischen Musikern gespielt werden: die Harfe, Laute und Mandoline, endlich die Violine, welches Instrument in einer späteren Periode, von der noch die Rede sein wird, Salomon de Rosst in geradezu vollendeter Art behandelte. Abramo dall' Arpa (1542) spielt die Harfe, zeigt sich als darstellender Künstler und wird vom Hose außerordentlich freigebig dotiert. — Er trägt gewöhnlich ein purpurnes, goldgesticktes Gewand, auf dem Haupt den Lorbeer, und wirkt gleichzeitig mit seinem Neffen, dem jungen Abramino, bei Festen mit, die ihresgleichen an Glanz und Vornehmheit suchen. Gondolas werden arrangiert, bei denen die beiden im schimmernden Mondlicht, auf silbernen Staatsgaleeren, der Barke des Kardinals von Bologna, Eminenz Gaötano, folgen; zauberische Harfenklänge durchzittern die Nacht, man raunt sich zu: „Jetzt kommen die Hebräer", und wirft ihnen Blumen in das Schiff. Jacopo Massarano ist ein vorzüglicher Lautenspieler, Sopranist und Tanzvirtuose; er leitet die Festlichkeit am Hofe

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