Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 139 (sequence 9)
- Language
- German
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mm 139 -- und belebt. Der kleine „Schammes", das Kind, hat die großen, die Chanukalichte angezündet. Israeliten, die sich früher von ihren Glaubensgenossen ganz abgeschlossen hatten, wenden sich ihnen wieder zu, zeigen Interesse für Gemeindeangelegenheiten, besuchen den Tempel, den sie früher „ostentativ" gemieden oder nur an den ganz hohen Feiertagen ausgesucht hatten. Und wenn man genauernachforscht, dann erkennt man, daß nicht lediglich die Not der Zeit, die Angriffe der Feinde dies vermocht haben — denn diese bestehen nach wie vor und haben so manche eher zum Abfall veranlaßt — sondern daß die Kinder die Eltern dem jüdischen Leben wiedergewonnen haben durch ihr freudiges. Bekennen und Eintreten für das Judentum, daß die Eltern, durch das Beispiel der Kinder aus ihrer glaubensfremden Gleichgültigkeit aufgeweckt, ihr jüdisches Herz wiederentdeckt haben. Bereits vor 130 Jahren ist die jüdische Jugend schon einmal in geschichtlich bedeutsamer Weise als „Erzieherin" aufgetreten. Bekanntlich brachte damals die Pentateuch-Uebersetzung Mendelssohns eine vollständige Umwälzung in dem Geistesleben seiner Glaubensgenossen hervor. Es wurde in besseren jüdischen Kreisen allmählich Ehrensache, den Kindern in „Moses Dessau Deutsch" und in „Moses Dessau Pentateuch" Unterricht geben zu lassen. Die Lehrer mußten sich mit ihm bekannt machen, und auf diese Weise wurden Lehrer und Schüler unvermerkt in die Sprache und damit in das Geistesleben ihrer Zeit eiugeführt. Die Kinder aber wirkten zu Hause wieder aus ihre Eltern ein. Durch die Pentateuch-Uebersetzung, welche ihnen die Kinder ins Haus brachten, wurde ihr Gesichtskreis ein freierer und weiterer. Sie wurden an der Hand des Bibelwortes in das deutsche Schrifttum eingeführt, lernten deutsch sprechen und denken und die Schönheit und Reinheit der Form, in der ihnen die bereits bekannten Gedanken der Bibel entgegentraten, liebgewinnen. So wurde für Mendelssohn die Schule das Wrrl-- zeug, mit dem er auf seine Glaubensgenossen und das deutsche Geistesleben bahnbrechend, belehrend und aufklärend einwirkte. Wenn ihm nun, als Lohn für seine, unsterblichen Verdienste um das Judentum und sein deutsches'Vaterland, jetzt ein Denkmal errichtet werden soll — spät zwar kommt es, doch es kommt — und als Platz für das Denkmal der Vorgarten der jüdischen Knabenschule in der Großen Hamburger Straße Berlins ausersehen ist, wem möchte da nicht dieser Platz sinnig gewählt erscheinen? Vielleicht würde Mendelssohn in seiner Bescheidenheit sich selbst diesen Platz ausgesucht haben. Denn wie er in seinem Fleiße und in seinem Bildungsdrange stets ein Vorbild für die Jugend war, so war ihm die Beschäftigung mit dem Kinde der Jungbrunnen, aus dem er neue Kraft schöpfte für seine reformatorische Tätigkeit. Und wer sein segensreiches Schaffen und Wirken mit Verständnis verfolgt, der wird erkennen, daß er sich vor allem als „Führer der Jugend" fühlte und von der Ueberzeugung durchdrungen war: „Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft." l Dir Oorlir des Judentums.' Ä^ie Betrachtung der jüdischen Geschichte führte einen der edelsten deutschen Geister zu dem Ausspruch: „So etwas läßt fich nicht dichten, solche Geschichte mit allem, was h Auf Veranlassung des Großloge des „11. O. SS! B." für Deutschland ist jetzt eine gut angelegte und ebenso, ausgestattete Anthologie: Libanon, Dichtungen für das jüdische Haus, gesammelt daran hängt und davon abhängt, kurz ein solches Volk läßt sich nicht erlügen. Seine noch unvollendete Führung ist das größte Poem der Zeiten und geht wahrscheinlich bis zur letzten Entwicklung des großen, noch unvollendeten Knotens aller Erdnationen hinaus." Das wunderbare Walten höherer Mächte in den Geschicken Israels hat selbst seinen Feinden Bewunderung abgerungen; es mußte den Dichtern wie den Staatsmännern als eines der größten weltgeschichtlichen Rätsel erscheinen. Herder hat mit jenen oben erwähnten Worten das ausgesprochen, was vor allem die Dichter, die das Wunderbare und Gewaltige von jeher ganz besonders ergriffen hat, empfinden mußten, wenn sie die Geschichte der Juden an ihrem geistigen Auge vorüberziehen ließen. Alles war hier wunderbar, ergreifend, von großer Gewalt und Kraft, von den ersten Blättern dieser Geschichte an, die uns in die großen Geheimnisse einer Urwelt führen, bis zu den lieblichen Erzählungen, von den Patriarchen und Helden, bis zu den großen und erhabenen Erscheinungen der Propheten und Psalmisten, bis zu den erschütternden Katastrophen der späteren Leidensgeschichte. Und noch Ergreifenderes tat sich vor ihren Blicken auf, da das Geschick Israels sich erfüllt, da die Stadt zerstört, der Tempel in Flammen ausgegangen, der Staat sich aufgelöst und Judas Volk sich zu seiner großen Wanderung durch die Jahrtausende und in alle Länder der Erde anschickte. Eine Tragödie ohnegleichen beginnt, deren Held Israel ist, eine Kette von Verfolgungen, Leiden und Wanderungen, die mehr als 1800 Jahre sich fortzieht. Aber Israel besteht noch. Wie war dies möglich? Herder hat dieses Rätsels Lösung geahnt, indem er die Geschichte, die Art und die Existenz Israels als den ausgemachten Beweis der Wunder und Werke ansieht, die wir von ihm wissen und haben. In der Tat, nur die Poeten konnten zuerst dieses Rätsel erfassen, wie sich ein Stamm, von allen Völkern des Erdballs verstoßen und von Ost nach West, von Nord nach Süd gejagt und gehetzt, trotz alledem und alledem erhalten und nach säst zweitausend Jahren einer solchen Geschichte, eines solchen entsetzlichen Trauerspiels stärker und frischer auftreten konnte als an dem Tage, da er zusammen mit seinem großen Weltenbuch die Wanderung antrat und alles zurück ließ, was ihm einst heilig und teuer war: die Heimat und den Tempel! Völker und Länder gingen unter, Throne stürzten und Weltteile bebten, sie aber, die Juden, lebten fort und blieben treu der großen Idee, die sie von jeher erfüllte. Das Bewußtsein ihrer großen weltgeschichtlichen Sendung hielt sie aufrecht. Sie hatten eine große Idee, die ihnen ihre Propheten und Lehrer eingeprägt, durch die Welt zu tragen, eine Ueberzeugung zu predigen: daß Gott einzig und sein Name einzig sei, und daß einst ein Tag des Friedens und der Freiheit und der Gotteserkenntnis kommen müsse für das ganze Menschengeschlecht. Diese Anschauung konnte aber den Dichtern aller Völker erst aufgehen, als ihnen die große Geschichte des jüdischen Martyriums in ihrem vollen Zusammenhang vertraut wurde. Das Mittelalter kannte eine solche Geschichte nicht. Sie wurde erst geschrieben, als die Sonne der neuen Zeit aufging, und die Geschichtsschreibung wie die Dichtung sich von den Schicksalen des einzelnen denen der Gesamtheit zuwenden konnten. von Robert Hirschfeld, erschienen. Als Einleitung zu diesem Werke diente die oben mitgeteilte Betrachtung über das Wesen und den Inhalt der Poesie des Judentums. Die Red.