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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 138 (sequence 8)
Language
German
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13fr -- Behandlung der Armen machen sollte, so müßte dem mit allen gesetzlichen Mitteln entgegengetreten werden, und da bedeuten die Ausführungen der beiden jüdischen Stadtverordneten bereits den völlig richtigen Weg. Sollten die Armenkommissionsvorsteher oder Armenpfleger — wie das ja häufiger auch anderwärts vorkommt — gelegentlich die Neigung zeigen. Juden anders zu behandeln als Christen, so muß sofort mit aller Energie bei dem Magistrat und eventuell bei der Aufsichtsbehörde dagegen eingeschritten werden. Die Wohlfahrtspflege der jüdischen Gemeinde hat erst dann einzutreten, wenn die gesetzlich verpflichtete Behörde ihre Schuldigkeit erfüllt hat; die jüdische Gemeinde will und soll ergänzend eintreten und ihren Armen etwas über das gesetzlich festgestellte Mindestmaß der Existenzmöglichkeit hinaus gewähren, aber sie will nicht eine Unterstützungsanstalt der Städte sein, denen sie ihre Verpflichtungen abnimmt. Nimmt eine Gemeinde eine Subvention zur selbständigen Versorgung der jüdischen Armen an, so wird eine Trennung der Bürger nach Konfessionen als berechtigt anerkannt und ein gut Teil der Arbeit zur Förderung der wirklichen Gleichstellung der Juden wieder illusorisch gemacht. Die Milche Jugend sls LrLieherin. Von Sanitätsrat Dr. Simon Scherbel in Lissa i. P. jI uf einem Chanukahfeste, das kürzlich die jüdischen Turner des Lissaer Gymnasiums veranstaltet haben, hat Rabbiner Dr. Bäck das schöne Wort gesprochen: „Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft; deshalb ist mir für die Zukunft des Judentums nicht bange, wenn nur die israelitische Jugend zu ihm hält." Der bedeutende Forscher der jüdischen Geschichte weiß, welchen Einfluß zu allen Zeiten die Strömungen in der jüdischen Jugend auf die Kulturentwicklung. des jüdischen Volkes, auf den Gang der Ereignisse in der jüdischen Geschichte gehabt haben, und wie hoch der Idealismus der Jugend für die Zukunft des israelitischen Volkes zu bewerten ist. In den Makkabäern, den kraftvollen, tapferen Heldengestalten des jüdischen Volkes, die wie mit wuchtigen „Hammerschlägen" den syrischen Feind niederschmetterten, sieht die heutige selbstbewußte jüdische Jugend ihre Ideale. Deshalb schließen sich ihre Reihen fester zusammen, um dem verderblichen Abfall entgegenzuavbeiten, um den jüdischen Gedanken zu hegen, um die Erinnerung an die Großtaten der Ahnen nicht vergessen zu lassen. Deshalb pflegen sie die körperliche Uebung, suchen sich zu stählen, zu kräftigen und widerstandsfähig zu machen. Jahrhunderte hindurch hat man den Juden ihre schwachen, verkümmerten Gestalten zum Vorwurf gemacht, ohne zu bedenken, wieviel die geschichtlichen Verhältnisse zu dieser mangelhaften körperlichen Entwicklung beigetragen haben, und daß in der Stickluft und Finsternis des Ghetto kein körperliches Gedeihen und Aufblühen, keine körperliche Kräftigung möglich war. Wie die Blume nur in Luft, Licht und Wärme gedeiht, so auch der Mensch. Als die Schranken des Ghetto fielen, als die Sonne der Humanität und Gedankenfreiheit ihre belebenden Strahlen auch auf Judas Söhne ergoß, als der frische Luftzug, der in den Errungenschaften der neuzeitlichen wissenschaftlichen Forschungen atmet, auch in die dumpfen Judengaflen drang, da hat sich auch die jüdische Jugend aus sich selbst besonnen. Sie atmete auf, wie von einem schweren Alp befreit; sie dehnte und streckte ihre Glieder und merkte, daß es nicht gut tut, nur den Geist in eindringlicher, scharfsinniger Gedankenarbeit zu üben, daß auch der Körper der Pflege und Kräftigung bedarf, daß es mit Recht heißt, wie es Juvenal gelehrt' hat: mens sana in corpore sana, „nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist". Aber die männliche jüdische Jugend, die in ihren Turnkünsten und Turnspielen, in ihren Muskelübungen und Reigentänzen Frische, Kraft, Elastizität und Haltung wiedergewonuen hat, hat dabei niemals vergessen, was sie dem Lande schuldig ist, in dem sie, geboren ist, in dem sie wohnt, dessen Segnungen sie genießt, und an dessen Gedeihen sie dereinst Mitwirken soll. . „Pro patria est, dam ludere vfdemus“ — „dem Valerlande gilPs, während wir zu spielen scheinen", so rufen die jüdischen Jünglinge aus, und fürwahr, in der jüdischen Jugend ist stets das Schillersche Wort lebendig gewesen: . „Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen, Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft." Daß die geistige Arbeit unter der Wiederbelebung der körperlichen Tätigkeit und ihrer nachdrücklichen Pflege bei der jüdischen Jugend leiden könnte, brauchen wir wohl nicht zu befürchten. Wir dürfen mit Recht annehmen, daß diese als Gegengewicht einen um so größeren Fleiß in die Wagschale für die Beurteilung ihrer Leistungen legen wird; denn selbst Schriftsteller, die. den Juden nicht gerade freundlich gesinnt sind, haben anerkannt, daß das Wissen stets in hoher Ehre bei den jüdischen Jünglingen stand, und daß ausdauernde Anstrengung in geistigen Dingen und ein gesunder Ehrgeiz sie alle Hindernisse überwinden läßt und dem Ziele ihrer Ausbildung zuzuführen vermag. Wir brauchen also nachteilige Folgen aus der stärkeren Hervorkehrung und Pflege der körperlichen Uebung bei der männlichen jüdischen Jugend ebensowenig zu befürchten, wie wir eine böse Rückwirkung auf Wirtschaft, Küche und sonstige wichtige Hausfrauenbetätigung aus dem Zusammenschluß unserer jüdischen Mädchen in „Jnngfrauenvereinen" änzunehmen brauchen. Im Gegenteil dürften diese in den verschiedensten jüdischen Gemeinden jetzt gegründeten „Jungfrauenvereine" nur Gutes stiften; denn sie sind aus wahrhaft jüdischem Empfinden und Streben heraus entstanden. Sie wollen die Geselligkeit pflegen, soziale Gegensätze ausgleichen, humane Zwecke fördern, den Sinn für jüdische Literatur und Geschichte beleben, besonders aber die Kenntnis der großen Bedeutung allgemein verbreiten, die das jüdische Weib für die jüdische Kultnr, für die jüdische Familie, für die jüdische Dichtung und die Weltpoesie gehabt hat. Die Heldin, das Ideal dieser Jungfrauenvereine ist Deborah, die gottbegeistertk Prophetin und Richterin in Israel, die heldenhafte Befreierin ihres Vaterlandes von fremdländischer Herrschaft — die jüdische Jungfrau von Orleans. Wahrlich, die Worte Goethes in „Iphigenie": ' „Ein jeglicher muß seinen Helden wählen. Dem er die Wege zum Olymp hinaus Sich nacharbeitet", haben in den Herzen der jüdischen Jugendeinen tiefen, mächtigen Widerhall gefunden. Die Makkabäer — die Helden der jüdischen Jünglinge, Deborah — die Heldin der jüdischen Jungfrauen; so „große Muster wecken Nacheiferung". Einen Erfolg-aber hat die jüdische Jugend jetzt schonerrungen: die Kinder sind zu Erziehern ihrer — Eltern geworden. Das jüdische Interesse, das in den Kindern mehr als früher wachgeworden ist, die Begeisterung für .jüdische Ideale, jüdische Geschichte, jüdisches Wesen hat rückwirkend vielfach auch in dem Hause der Eltern die mattgewordene Flamme der jüdischen Religion und der jüdischen Glaubensgemeinschaft neu entfacht'

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