Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 135 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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„Auf den Bericht vom 12. Dezember 1907 erwidere ich Ihnen im Einvernehmen, mit dem Herrn Minister der auswärtigen Angelegenheiten folgendes: Die. Behauptung, daß nichtdeutsche ausländische Handlungsreisende mosaischer Religion in Rußland besser behandelt werden als die deutschen, ist schon wiederholt, auch beiden Etatsdebatten im Reichstag, aufgestellt worden; es hat sich aber niemals ein Anhalt für die Wahrheit dieser Behauptung ermitteln lassen. Im' Gegenteil finden, wie die früher und auch noch in neuester Zeit auf solche Behauptungenhin erforderten Berichte der kaiserlichen Missionen im Auslande ergeben, die für deutsche Juden geltenden russischen Paßvorschriften in gleicher Weise auch auf die jüdischen Reisenden aller anderen Nationen Anwendung. Insbesondere fügen auch die russischen Konsuln in England und Frankreich den ihnen zur Visaerteilung vorgelegten Pässen beim Visavermerk regelmäßig den Zusatz hinzu, daß der Inhaber Jude sei. Bei dieser Sachlage erscheint, es angezeigt, in Zukunft den Quellen derartiger Gerüchte möglichst auf den Grund zu gehen. Ich ersuche daher, den bei Ihnen eingehenden Beschwerden des in Rede stehenden Inhalts in jedem einzelnen Falle genau nachzugehen, den Sachverhalt möglichst protokollarisch festzustellen und darüber zu berichten." .Es wird nun die Aufgabe aller beteiligten Kreise sein, ein reiches Material herbeizuschafsen, auf Grund dessen die Regierung zu weiteren Maßregeln wird schreiten können. Wir glauben, daß es nicht schwer werden wird, solches Material zu finden. Das Deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle stellt uns folgenden Bericht zur Verfügung: Wie bereits früher mitgeteilt, hat die Allianz Isra&ite Universelle eine Expedition nach Abessynien entsendet, die die Lage der dort lebenden Falaschas, eines Völkerstammes jüdischer Abkunft, ihre Sitten usw. erforschen soll. Inzwischen ist Herr Nahum, der Leiter der Expedition, in Abessynien angelangt und hat eine Audienz bei dem Negus Menelik gehabt. Nach dem soeben eingetroffenen telegraphischen Bericht hat Herr Nahum dem Negus zunächst im Namen der Alliance folgende Adresse überreicht: Paris, 27. Dezember 1907. An Seine Majestät Kaiser Menelik, König der Könige von Aethiopien. Majestät! Als Vertreter der Juden Europas und Amerikas haben wir die große Ehre, zu den Füßen des Thrones Euerer Majestät die Versicherung unserer tiefsten Ehrerbietung niederzulegen, zugleich mit unseren wärmsten Wünschen für das Blühen Aethiopiens und mit unseren inbrünstigsten Gebeten für die Gesundheit Eurer Kaiserlichen Majestät und Ihrer Majestät der Kaiserin. Seit langem wissen wir, daß in Eurer Majestät Reich zahlreiche Falaschas leben, die derselben Religion wie wir angehören. Eure Majestät, der alle seine Untertanen mit gleichem väterlichen Wohlwollen beschirmt, erlaubt den Falaschas, ihre Religion frei auszuüben und gibt ihnen köstliche Zeichen seiner Kaiserlichen Gunst. Es ist uns Herzensbedürfnis, Eurer Kaiserlichen Majestät für diese herrlichen Beweise von Toleranz und umfassender Menschenliebe tiefgefühltesten Dank auszusprechen. Wir sind erfüllt von dem Wunsch, die Falaschas genau kennen su lernen, zu erfahren, infolge welcher Ereignisse sie in Euerer Majestät Reich Aufnahme gefunden und in welcher sozialen Gliederung und Formation sie sich daselbst angesiedelt haben. Wir sind ferner bestrebt, uns mit ihrer Geschichte während ihrer Vergangenheit und mit der Rolle bekannt zu machen, die sie in der Entwicklung des äthiopischen Kaiserreichs gespielt haben und festzustellen, welche heiligen Bücher ihr religiöses Leben beeinflußt haben, endlich, wie sie auf einem von unzähligen Kämpfen erschütterten Boden ihre Religion und Tradition haben bewahren können. Deshalb haben wir unter Leitung des Herrn Haim Nahum eine Mission von jungen Gelehrten zusammengestellt, die sich zu den Falaschas begeben sollen, um an Ort und Stelle diese verschiedenen Fragen zu studieren.. Wenn Eure Kaiserliche Majestät die Gnade hätten, unseren Abgesandten Kaiserlichen Schutz zu vergönnen und ihnen die Reisen und Nachforschungen zu erleichtern, könnten sie die Wissenschaft und die Religionsgeschichte mit nützlichen Beiträgen bereichern, und Euerer Majestät wird der Ruhm gebühren, ein Problem der Lösung näher geführt zu. haben, das seit langen Jahren die Gelehrten Europas beschäftigt und bis auf diesen Tag ohne befriedigende Erklärung geblieben ist. Vertrauend auf Euerer Majestät Herrschersinn und Großmütigkeit nehmen wir uns die Freiheit, für Herrn Nahum und seine Kollegen das Allerhöchste Wohlwollen und den Kaiserlichen Schutz anzurufen. Euere Kaiserliche Majestät möge den Ausdruck unserer ehrerbietigsten und tiefsten Huldigung allergnädigst genehmigen. Wie weiterhin aus dem telegraphischen Bericht des Herrn Nahum hervorgeht, konnte sich der Abgesandte der Alliance zu der in feierlichster Form vor sich gehenden Audienz in Begleitung des hierbei offiziell tätigen französischen Konsuls begeben. Der Negus schien sehr angenehm überrascht durch die ihm vorgetragene Adresse und durch ein Huldigungsgeschenk, das ihm Herr Nahum zugleich im Namen der Alliance überreicht hat, und hat gebeten, der Alliance für diese Aufmerksamkeit seinen Dank auszusprechen. In dem sich hieran anknüpfenden Gespräch hat er zugleich in Aussicht gestellt, die erbetenen Schutzbriefe zu erteilen. Somit hat die Sondermission der Alliance ihren ersten schönen Erfolg davongetragen, der für eine baldige Zukunft weitere günstige Ergebnisse erhoffen läßt. Die Lkntrslilstion der Juden m Dreuhen. Von Professor Martin Philippson. nser Zeitalter ist das des Individualismus. Ein jeder steht der Gesellschaft, dem Staate unvermittelt, als Einzelperson gegenüber, die alten Stände und Zünfte, die Geschlechts¬ und Familienverbände, innerhalb deren in früheren Zeiten der Mensch Stellung und Halt, aber auch Zügel und Beschränkung fand, haben ihre Bedeutung verloren. Solche Vereinzelung übt einen starken Antrieb zur Entfaltung des Wesens, zur Entwicklung und Geltendmachung der Kräfte; aber sie läßt dafür, zumal den Schwächeren, schütz- und hilflos in dem nie rastenden Kampfe um das Dasein, läßt jeden Unglücksfall, jede Niederlage verderblichst wirken. Diese üblen Folgen der Vereinzelung hat unsere Gegenwart mit ihrem scharfen praktischen Blick wohl erkannt, sie hat eingesehen, „daß es nicht gut, daß der Mensch allein sei". Und so hat sie an Stelle der früheren angeborenen oder zwangsweisen Vereinigungen die freiwillige Zusammenfassung der Menschen und Kräfte auf allen Gebieten des Daseins gesetzt. Alle Kreise schließen sich zusammen zu innerer Unterstützung und zur Förderung ihrer Rechte und Interessen nach außen, besonders auch dem Staate gegenüber: die gewerblichen Kreise wie die künstlerischen, die literarischen und wissenschaftlichen, die Politischen, die geselligen und sportlichen. Auch die kirchlichen. Jede Religionsgemeinschaft hat sich im Laufe der Zeit, wenn sie ein festes Gefüge nicht schon von altersher besessen, ein solches gegeben, auch die zahlreichen christlichen Sekten, die in den letzten vier Jahrhunderten entstanden sind. Nur die Judenheit entbehrt eines solchen. Es würde zu weit führen, die Gründe hierfür .an dieser Stelle zu erörtern. Genug, es ist so, und viele glauben, daß dies gerade ein Vorzug des Judentums sei. Alle Versuche der Einigung in kirchlichen Dingen sind innerhalb der jüdischen Welt gescheitert. Die Autonomie der Gemeinde, ja des einzelnen Gläubigen ist tief in dem Charakter und den tausendjährigen Gewohnheiten der Juden eingewurzelt.