Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 134 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie steht denn eigentlich die Sache nach dieser Richtung' hin bei den Behörden? In. einem schweizerischen Blatte war jüngst eine kleine Gerichtsverhandlung-zu lesen, die auch für. diese Verhältnisse als charakteristisch gelten kann. Vor einem aargauischen Bezirksgericht standen zwei Juden, die sich wegen des Kostenpunkts ihres Prozesses nicht sofort einigen konnten. Der Vorsitzende drängte aber zur raschen Erledigung und erklärte: „Meine Herren, wir sind doch nicht hier, um zu schachern. Die beiden Hebräer sollen sich auf privatem Wege zu einigen suchen." Genau so wie dieser Richter handeln oder denken zum mindesten manche Behörden, die von jüdischer Seite zur Entscheidung religiöser Differenzen innerhalb unserer Gemeinschaft angerufen werden. Und das muß jedem guten Juden die Schamröte ins Gesicht treiben! Warum sollte es denn nicht möglich sein, daß gerade so, wie es kürzlich in Bayern geschehen ist, auch in Hessen oder in Baden, ja überall im deutschen Vaterlande, unsere religiösen Kämpfe durch einen friedlichen Ausgleich einsichtsvoller Männer beider Richtungen beigelegt werden könnten? Kein Zweifel, bei gutem Willen wird und muß dies möglich sein. Selbst die Agitation bei Gelegenheit des preußischen Schulunterhaltungsgesetzes wäre vermieden worden, wenn anstatt des Mißtrauens etwas mehr Wohlwollen auf der anderen Seite geherrscht hätte, das sicher zu einem beide Teile befriedigenden Uebereinkommen geführt und statt des ungenügenden wahrscheinlich ein erfreulicheres Resultat gezeitigt hätte. y : Daraus erwächst aber mit unwiderstehlicher Kraft die Mahnung und die Warnung an alle Gemeinden, an ihre religiösen und weltlichen Führer, sowiean alle, welche mjüdischen Angelegenheiten das Wort ergreifen, vor allem den Frieden und die Einigkeit 31t wahren und zu erhalten. Jede Richtung innerhalb des Judentums hat ihre Berechtigung: „Diese wie jene sind ein Ausdruck des Gottesgeistes, der in unserer Gemeinschaft waltet." Kein wirklich liberaler Jude wird ernstlich daran denken, die strenggläubige Richtung zu verdrängen oder gar unterdrücken zu wollen. Mit demselben Recht darf aber auch die freie Richtung die Achtung und Anerkennung beanspruchen, die ihr jene kleine, aber starre Orthodoxie noch immer vorenthält. Auf diesem Gebiete gelten vor allem die Worte des weisen Nathan: „Nur muß der Eine nicht den Andern mäkeln, — nur muß der Knorr den Knubben hübsch vertragen — nur muß ein Gipfelchen sich nicht vermessen — daß es allein der Erde nicht entschossen." Wenn man immer und überall diese weise Mahnung beherzigen wollte, dann könnte es gar keine Reibungen zwischen den beiden dominierenden Richtungen geben. Gewiß, an eine dogmatische Einigung im modernen Judentum ist nicht mehr zu denken; wohl aber könnte trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ein modus vivendi gefunden werden, durch den beide Richtungen zu ihrem guten Rechte kämen. Wie einst vom alten, so sollte es auch vom modernen Israel heißen: Jeder bei seiner Fahne, alle aber um das Heiligtum geschart, um es zu erhalten und zu schützen! Wenn man bei jedem Streit und in allen Kämpfen sich doch nur vergegenwärtigen wollte, welchen hohen Wert und welche tiefe Bedeutung unsere Alten dem Frieden und der Eintracht innerhalb der Gemeinden beigelegt haben, wie sie selbst zu den größten Konzessionen bereit waren, um nur jede Zwietracht unter den Bekennern desselben Glaubens zu vermeiden, wie sie mit Stolz immer das Wort Davids wiederholten: „Und wo gibt es denn ein so einiges Volk aus der Erde wie dein Volk Israel!" dann würden Zwietracht und Haß bald einem friedlichen Einvernehmen weichen, dann würde die' gegenseitige Achtung der verschiedenen Richtungen sicher zu eitlem eintrücht gen Nebeneinanderleben und gedeihlichen Zusammenwirken führen, das uns leider gegenwärtig abhanden zu kommen droht, und dessen wir in den kommenden Zeiten doch vielleicht gar sehr bedürfen werden. Vereinte Kraft macht stark und auch eure kleine Gemeinschaft unüberwindlich. ' Das sollten wir alle erkennen; und darum ist es eine heilige Pflicht aller, denen das Wohl und die Zukünft des Judentums am Herzen liegt* die Mahnung des deutschen Dichters überall zu verkünden und zu beherzigen: „Seid einig, einig, einig!" Die Woche. Berlin- 18. März. Ä^er Tod des Herrn v. Helldorf-Bedera, der im Alter von 70 Jahren gestorben ist, ruft die Erinnerung an eine der traurigsten Episoden in der Geschichte der konservativen Partei wach, an deren Neuorganisation der Verstorbene 1876 im wesentlichen beteiligt war. Merkwürdig, daß kein politisches Blatt diese Tatsache bisher erwähnt hat! Wenn aber die „Kreuzzeitung" behauptet, daß ihm das Gros seiner Partei erst nach dem Rücktritt Bismarcks die Gefolgschaft versagt hätte, so ist das nicht richtig. Die Entfremdung zwischen Herrn v. Helldorf und der konservativen Partei datiert von der Zeit, wo diese das Tivoli-Programm ausgenommen, gegen das sich Herr v. Helldorf mit aller Entschiedenheit gewendet hatte. Er war eben ein anderer Konservativer als -die von heutzutage, wo die antisemitischen Witzchen und Provokationen des Herrn Diedrich Hahn auf der Rechten ein so dankbares Publikum finden. Er kannte den Judenhaß nicht und kämpfte jederzeit gegen den Antisemitismus. Das konnten seine Parteigenossen nicht vertragen und auch nicht dulden. Es kam zu immer tieferen Meinungsverschiedenheiten und schließlich zum Rücktritt Helldorfs aus den leitenden Stellungen innerhalb der Partei, die dem Antisemitismus nun fast durchweg huldigt, während Herr v. Helldorf bis zum Tode ein Gegner dieser Bewegung blieb. Das soll ihm unvergessen sein! Durch süddeutsche Zeitungen geht die Nachricht, man habe von jüdischer Seite den Versuch gemacht, auch Rabbiner zu dem Besuch evangelischer Geistlicher in England zuzuziehen. Ebenso wurde auch versucht, katholische Geistliche zur Teilnahme an diesem Besuche zu veranlassen. Wie der „Reichsbote" mitteilt, ist die Teilnahme der Rabbiner bereits zurückgewiesen worden und die katholischer Priester wird wohl schon an der hierarchischen Etikettenfrage scheitern. Das Blatt ist der Ansicht, daß eine „ernsthafte verständnisvolle Begrüßung" nur zwischen englischen und deutschen evangelischen Christen stattfinden könne. Die Anwesenheit von Katholiken bei solchen Begrüßungen könnte für beide Teile nur störend wirken. Wie das Blatt hört, würden sich die hervorragendsten evangelischen Persönlichkeiten zurückziehen, wenn die ganze Gesellschaft nicht einen rein evangelischen Charakter behalte, der von vornherein als selbstverständlich galt. - Wir halten die ganze Nachricht für eine Ente. Uns ist nicht das Geringste davon bekannt, daß man von jüdischer Seite sich bemüht hätte, deutsche Rabbiner zusammen mit evangelischen Pastoren zum Besuch in England zu veranlassen. * lieber die ru ssifchen Paßvorschriften für deutsche H a n d lu n g s r e i s e n d e j ü d i sch e r K 0 n f es s i 0 n ist der Handelskammer zu Oppeln aus ihre Eingabe anden Minister für Handel und Gewerbe folgender Bescheid zugegangen: