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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 72. Jahrgang. Nr. 12. Berlin, 20. März 1908. Begründet von Rabbiner Ir- Ludwig Philixxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Merlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. ■ Redakteur: Gustav Rarpeles. LrM einig! Berlin, 18. März. s war vorauszusehen, daß nach der Periode des wüsten Radauantisemitismus, in der um des lieben Friedens willen mit Recht alles zurückgestellt worden, was die einzelnen Richtungen innerhalb des Judentums seit fast einem Jahrhundert trennte, die Kämpfe der beiden religiösen Parteien wieder mit gleicher Heftigkeit entbrennen würden wie vorher. Haben doch beide ein vitales Interesse daran, das Judentum nach einer Periode der inneren Stagnation, in der alle Kräfte zum Kampfe gegen den gemeinsamen äußeren Feind sich vereinigen mußten, zu neuem Leben wieder zu erwecken. Das alles ist so selbstverständlich, daß nur Toren sich darüber wundern können, wenn jetzt innerhalb des deutschen Judentums . vor allem Orthodoxe und Liberale in neuem Kampfe einander gegenüberstehen. Allen, die die Verhältnisse kennen, war es klar, daß die Differenzen zwischen diesen beiden großen Richtungen noch lange nicht ausgeglichen und der religiöse Friede aus Grund der Gewissensfreiheit und der Wahrung des Besitzstandes für jede einzelne Richtung noch nicht völlig gesichert sei. Das alles und noch mehr haben wir gewußt und erwartet; aber wir hätten doch geglaubt, daß man aus den Lehren der Geschichte mehr entnommen habe, als dies tatsächlich geschehen ist. Wir haben uns in der Hoffnung gewiegt, man werde endlich einmal einsehen, daß ein nach außenhin geeinigtes Judentum in den großen Kämpfen, die leider noch lange nicht zu Ende, ja die uns vielleicht erst noch bevorstehen, eine ganz andere Stellung einnehmen würde, als ein in sich zerklüftetes und zersplittertes. Diese Hoffnung scheint sich aber nicht zu erfüllen. Man hat auch aus der Geschichte des Judentums in den letzten hundert Jahren eigentlich nicht gelernt, daß namentlich in großen Gemeinden beide Richtungen in religiöser Gleichberechtigung friedlich nebeneinander bestehen können, wie wir dies in Berlin, Breslau, Hainburg, Frankfurt a. M., Mainz und anderen Orten beobachten können. Statt dessen hören wir von neuem den Ruf nach Trennung, und eine kleine, aber einflußreiche'Partei innerhalb des Judentums macht abermals die verzweifeltsten Anstrengungen, um wo es nur möglich ist, eine solche herbeizusühren. Ueberall da, wo diese Partei Boden fassen zu können glaubt, gibt es Streitigkeiten und Kämpfe, Angriffe und eine häßliche Agitation, die schließlich darauf hinausläuft, die Behörden und Regierungen zur Entscheidung der religiösen Fragen anzurusen. Es erinnert dies an eine der traurigsten Epochen unserer Geschichte, die alle aufrichtigen und frommen Juden längst für überwunden hielten, weil sie glaubten, ja glauben mußten, daß wir nach den Erfahrungen des letzten Vierteljahrhunderts am allerwenigsten Grund oder Veranlassung haben, an das Wohlwollen jener Behörden und Negierungen in religiösen Angelegenheiten zu appellieren, die in der Zeit des Sturmes für unser menschliches und bürgerliches Recht keinen Finger gerührt haben. Ja, man brauchte nicht einmal die Lehren der Geschichte in Erinnerung zu. bringen. Es genügt, auf Beispiele der Gegenwart zu verweisen. In Bayern hat es vor kurzem Differenzen zwischen Orthodoxen und Liberalen gegeben. Fast schien es, als wollte man auch dort zum Kadi laufen. Es ist dies aber glücklicherweise vermieden worden, weil einsichtige Männer auf beiden Seiten das Schmachvolle einer solchen Handlungsweise erkannten und den Frieden innerhalb der bayerischen Judenheit auf der Basis eines gegenseitigen Uebereinkommens wieder hergestellt haben. Es ist ein ehrenvolles Zeugnis für die bayerische.Orthodoxie, daß sie sich von den Sirenenklängen der Fanatiker nicht hat umgarnen lassen, daß sie sich davor scheute, den Behörden das gefährliche Mandat zu übertragen, die Kriterien der Rechtgläubigkeit im Judentum zn wahren und in verschiedenen Instanzen darüber zu entscheiden, ob dieser oder jener Rabbiner als orthodox und diese oder jene Gemeindeinstitution als den religionsgesetzlichen Vorschriften des Schulchan Aruch entsprechend erklärt werden kann. Einer der Führer der bayerischen Orthodoxie in diesem Kampfe hatte, auf die Gefahr hin, von seinen eigenen Gesinnungsgenossen als Ketzer angesehen zu werden, den Mut, offen auszusprechen: „Ein orthodoxes Staatsjudentum, ein Judentum, bei welchem die Regierung als Oberkuratelbehörde ängstlich den traditionellen Charakter unserer religiösen Einrichtungen beschützt und bewacht, erscheint nicht nur vom liberalen Gesichtswinkel des Selbstbestimmungsrechts und der Autonomie der Gemeinden aus betrachtet, sondern auch vom orthodoxen Standpunkt aus als eine Gefahr für die Lehren des sinaitischen Judentums." Das ist ein ehrliches, ein offenes, ein großes Wort! Und wir wünschten Ähnlichst, daß es in den Kreisen beherzigt würde, die trotz aller bitteren Erfahrungen auch heute noch den Schutz des Staates für ihre Partei anrufen. Jede Richtung innerhalb des Judentums muß aus sich heraus, aus ihrer Weltanschauung und religiösen Stellung die Kraft ihrer EMenz ziehen. Den Staat oder gar eine Behörde, die nicht einmal den Schutz unserer verfassungsmäßigen Rechte uns gewähren wollte, zum Einschreiten für unsere religiösen Rechte anzurusen, muß jedem ehrlichen Juden geradezu als verwerflich erscheinen.

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