Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Gedenkrede, in der es unter anderem heißt: „Wenn ich einmal sterbe, so beklagt mich nur nicht, ich habe ein so wunderschönes Leben gelebt, daß nur Grund zur Freude, nicht zur Klage ist." Das sind die Worte, die ich vor kurzem erst aus dem Munde des Dahingegangenen gehört habe. Wenn ein Mann so freudig die Summe seines Lebens gezogen hat, so sollen wir dieser so lebensfroh an uns gerichteten, so warm in unserem Innern klingenden Aufforderung auch entsprechen. Wir haben in der Tat angesichts des hier vollendeten Lebens weit mehr Grund, wie schon eben hervorgehoben wurde, zur Dankbarkeit, zur Erhebung der Herzen gegen die Vorsehung, daß sie einen solchen Mann seinem Hause, seinem Vaterlande, seiner zweiten Vaterstadt gegeben hat, als daß wir uns kleinmütiger Trauer hingeben sollten. Gestatten Sie ' mir als Vorstand desjenigen Kreises, in dem der Verstorbene im letzten Jahrzehnt seines Lebens sein größtes Glück außerhalb der Familie gesunden hat, dem herzlichen Gefühle des Dankes nicht . nur der . Kollegen des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung, sondern auch der ganzen Stadt Königsberg und vieler Kreise der Bürgerschaft, denen er teils im weiteren Sinne, teils in unmittelbarem Sinne Gutes getan hat, Ausdruck zu geben. Gestatten Sie mir, hervorzuheben, daß das, was der geistliche Redner als das eigenste Wesen des Verstorbenen hervorgehoben hat, auch in seiner Amtstätigkeit hervorgetreten ist. Neben den hervorragenden geistigen Eigenschaften bewunderten nur an ihm seine kluge Erfahrung, seine erfreuliche Frische, sein liebenswürdiges Wesen. Wir wissen, daß er die Hauptfreude in seiner Tätigkeit gefunden hat, die ihn fast täglich mit menschlicher Not und menschlichem Leid zusammengeführt hat. Viele, viele Menschen werden in Königsberg am heutigen Tage mit uns in dem Dahingegangenen einen Wohltäter beklagen. Gestatten Sie mir noch, meinerseits zu versichern, wie schon aus berufenem Munde hervorgehoben wurde, daß uns der Verstorbene auch ein Vorbild gewesen in der treuen Art, wie er sein Judentum betonte. Gerade heute, wo die Zweifel am Religiösen viele Menschen so weit ergriffen haben, daß sie kaum den Mut finden, ihre religiöse Gesinnung überhaupt zu zeigen, wo gerade das Judentum so vielen Verunglimpfungen ausgefetzt ist, ist es ein Schmuck und eine Zierde für einen Mann, wenn er. wie unser lieber Magnus es getan hat, sich als deutscher Jude fühlt. Er hat damit der Sache des Judentums nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt einen Dienst geleistet. Dieses Beispiel aufrechten Mannesmutes werden wir uns stets vor Augen Halten- So zieh denn dahin, was sterblich an Dir ist. Was Du uns gewesen bist, das wollen wir treu für alle Zeit bewahren!" Diese Rede war ein echter Licluseb Haschern. Als nächster Redner trat Justizrat Holz an den Sarg, um im Namen der Synagogengemeinde dem teuren Dahingeschiedenen den letzten Gruß nachzurusen. Den letzten Nachruf widmete dein Verstorbenen sein Sohn Walter Magnus. Ein Chorgesang beendete die Feier im Trauerhausek. Thoru, 4. März. In der hiesigen Stadtverordnetenversammlung fand süngst bei der Etatsberatung eine interessante Debatte statt über die Unterstützung jüdischer Armen durch die Stadtgemeinde. Der Stadtverordnete D. Wolfs hatte erfreulicherweise den Mut. zu behaupten und zu beweisen, daß die jüdischen Armen nicht gleichmäßig behandelt werden mit den Armen anderer Konfessionen. Von den in den Etat eingestellten 38 000 Mark werden an die jüdischen Armen im ganzen nur 350 Mark ausgegeben. Dagegen protestierte er in ebenso entschiedener wie würdiger Weise. Der Oberbürgermeister Dr. Kersten suchte zwar jede gehässige Absicht in Abrede zu stellen; auch der Dezernent des Armenwesens, Stadtrat Falkenberg, gab sich alle Mühe, jene Vorwürfe zu entkräften — es gelang ihnen aber nicht, zumal der Stadtverordnete Feilchenfeld gleichfalls das falsche Prinzip der Verwaltung den jüdischen Petenten gegenüber entschieden tadelte und ausdrücklich betonte, daß seine wie die Ausführungen des Stadtverordneten Wolff nicht vom konfessionellen Standpunkt aus gerichtet waren, sondern nur dazu dienen sollten, tatsächlicheUngerechtigkeiten' jüdischen.Armen gegenüber zu beseitigen. Schließlich schlug der Stadtverordnete Dreher vor, der jüdischen Gemeinde eine gewisse Summe, etwa 400 Mark,- zu zahlen, damit diese ihre Armen selbst unterstützte. Dieser Antrag wurde auch vom Stadtshndikus Kelch eckpfohlen und der Oberbürgermeister beendete die Debatte, indem er .eine Prüfung dieses Vorschlags zusagte. Auch in anderen Städten mit stärkerer jüdischer Bevölkerung sollte man suchen, dasselbe Resultat im Interesse der Armen zu erlangen. An den Kommunalsteuern in Höhe von 344 000 Mark sind hier die jüdischen Einwohner mit 93 000 Mark beteiligt. - kp.. Aus der Provinz Posen, im März. Die Begründerin und langjährige Leiterin des israelitischen Frauenvereins in Jano witz, Frau Fannh Sch mul, ist kürzlich im Alter von 61 Jahren gestorben. — Die Generalversammlung des Vorschußvereins in Ostrowo hat jüngst den Oekonomierat D. Goldstein zumDirektor und den Kaufmann B. Wegner zum Mitglied des Aussichtsrates gewählt. — Ein aus der kleinen Gemeinde Schwarzenau stammender Kaufmann William Morris , ist vor kurzem nach 24-jähriger Abwesenheit aus Amerika besuchshälber heimgekehrt und hat der jüdischen Gemeinde nebst den Armen 500 Mark als Spende überwiesen und ferner die Verpflichtung übernommen, einem mittellosen Jugendfreunde in Schwarzenau jährlich 300 Mark zu gewähren. — Im besten Mannesalter starb in Wreschen neulich der Kaufmann Michael Gans, der sich insbesondere den Interessen des dortigen Esrielvereins als Vorstandsmitglied und Rendant widmete. An der Bahre des Verstorbenen sprach ein Sohn desselben, der Rabbiner in Preußisch-Stargardt ist. — In Tuchel ist eine der beiden jüdischen Lehrerstellen an der Stadt-(Simultan-)Schule durch Versetzung des Lehrers Neufeld nach Posen, da die Zahl der jüdischen Kinder nur. 25 beträgt, in eine evangelische Lehrerstelle umgewandelt worden. — Die einklassige jüdische Schule in Filehne ist aufgehoben worden. Die jüdischen Kinder werden vom 1. April cr. der siebenklassigen evangelischen Schule daselbst einverleibt. — In Ostrowo ist unter dem Vorsitz des Bankiers M. Spiro ein Verein zur Förderung jüdischer Interessen ins Leben getreten, dem gleich nahezu 100 Mitglieder beigetreten sind. Zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde Dr. med. Peiser, zum Schriftführer Lehrer I. Koerpel und zum Rendanten Mühlenverwalter Hermann Ziegler gewählt. — Kattowitz, im März. Am 2. d. Mts. fand in Gleiwitz unter Vorsitz des Herrn Rabbiner Dr. Cohn-Kattowitz eine Sitzung des Verbandes der Rabbiner Oberschlesiens statt. Aus dem Verbände sind ausgeschieden Dr. Norden infolge seiner Berufung nach Elberfeld und Dr. Baeck infolge seiner Berufung nach Düsseldorf. Neu eingetreten sind die Rabbiner Dr. Goldmann-Oppeln und Winter- Myslowitz, die vom Vorsitzenden besonders begrüßt werden. — Herrn Amtsgerichtsrat Glogauer-Breslau, dem früheren Vorsitzenden des oberschlesischen Gemeindebundes, ist in Würdigung seiner Bemühungen um die Förderung des Religionsunterrichts in den kleineren Gemeinden vom Verbände eine Adresse überreicht worden. — Eingehend besprochen werden die Punkte der Tagesordnung, die die Wanderpredigten und die Revision des Religionsunterrichts betreffen. Bezüglich der Predigten in den rabbinerlosen Gemeinden wird beschlossen: 1. An den Orten, an denen Schulrevisionen stattfinden, werden die zuständigen Revisoren aus Wunsch der betreffenden Gemeinden gelegentlich der Schulrevision auch predigen. 2. .Die Namen der Orte sollen festgestellt werden, an denen keine Revision stattsindet, weil keine Schulkinder vorhanden sind, aber eine Predigt gewünscht wird. — Der Vorsitzende spricht sodann ausführlich über die Geschichte der Einrichtung der Revision des Religionsunterrichts. Durch gemeinsame Verhandlungen des Verbandes der Synagogengemeinden Oberschlesiens und des oberschlesischen Rabbinerverbandes ist vor mehreren Jahren eine regelmäßige Inspektion des Religionsunterrichts in den rabbinerlosen Gemeinden Oberschlesiens eingeführt worden; die Revisionen werden von den Mitgliedern des Verbandes in regelmäßigen Abständen vorgenommen. In letzter Zeit ist aus Veranlassung des Verbandes von einer Kommission ein Lehrplan für diese Schulen ausgestellt worden. ä. Lublinitz, 7. März. Am Eingänge des Dorfes Czieschowa erhebt sich ein großes, hohes Gebäude aus Holz, welches das Aussehen eines Gotteshauses hat und älter als die Dorfkirche ist. Es war dies früher die einzige Synagoge für die in den Kreisen Tarnowitz, Lublinitz und Rosenberg zerstreut lebenden Juden, die an ihren Feiertagen sie stets zahlreich besuchten. Der bisherige Kultusbeamte der Synagoge war wiederum der einzige Jude im Dorfe und führte mit seiner Frau im Rabbinerhause ein wahres