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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · p. Seite 132

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
Seite 132 (sequence 14)
Language
German
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„Das Mehl ist nicht schlecht," sagt er, „der Teig — hm .'. Er rümpft die Nase. „Weit vom Wasser?" „Drei Werst. An die zweihundert Sack. Direkt am Wasser: „Bis wann?" . / „Mitte April." „Zu teuer. Einen Fünfer herunter . . ." Neb Mordche runzelt die Stirn — ein Zeichen, daß er nicht darauf Eingehen kann. Reb Jecheskil schneidet sich ein Stück Brot ab — nicht, um zu essen, sondern nur, mir irgend etwas zrr Lun! Notte hustet in seinem Winkel am Herd - man scheint ihn vergessen zu haben, und er möchte die anderen an seine werte Person erinnern. Chairns Frau bringt das Wasser zum Waschen der Hände. Einen Augenblick schweigen die beiden Männer, dann blinzeln sie einander zu. „Nun, Neb Jecheskil?" „Nun, Reb Mordche?" Endlich gibt einer nach und fängt an: „Meine Herren, wir wollen beten..." -Sie beten alle nriteinander. Dann erhebt sich Reb Jecheskil als erster vom Tisch und fragt mit wohlwollendem Lächeln: „Nun, junger Mann, hast Du was gelernt?" „Warum nicht?" gibt der Jüngling zur Antwort. Der Vater ist zufrieden und lächelt. „Er kommt aus der Jeschibo", bemerkte er. „Bei welchem Abschnitt bist Du?" Der Jüngling gibt ihm Bescheid. „Ah! Ein sehr schöner Abschnitt! Etwas mit Kommentaren?" Und ohne die Antwort des Jünglings abzuwarten, wendet er sich zu seinem Vater und sagt leise: „Der Kleine gefällt mir!" „Ein feiner Kopf", sagt Reb Mordche, mit einem Kopfnicken nach dem Sohne hin. „Nun, ich möchte doch den Roggen kaufen. Ihr meint wohl, ich braucht ihn? Durchaus nicht! Aber nun.... so .. weil ich schon hier bin . . , kann ich mit Holz ein Geschäft machen ... was? Man muß eben kaufen, wenn sich was zu kaufen, bietet." . „Nun, warum nicht?" „Der Fünfer soll aufs Fuhrgeld sein." „Wenn ich aber nicht kann?" Reb Jecheskil holt aus einer verborgenen Tasche ein großes Paket hervor und nimmt daraus ein paar Hundertrubelscheine, die er Reb Mordche reicht. „Was soll man tun, wenn man nicht kann?" stöhnt Reb Mordche und nimmt das Geld. Das Geschäft ist gemacht. — Gott half. Wie aus geheimen Befehl hatte das Eis die Hölzer gemieden, die, in dem Strudel geschüttelt, herumgeworfen und untergetaucht, sich doch Nicht von der Stelle gerührt hatten. Reb Jecheskil stand am Ufer und sah das Wunder, das Gott an ihm getan hatte. Der Herr hatte ihn nicht verlassen. Zwei Tage lang hatten die Bauern gearbeitet, um das Holz zu bergen. Mit eigenen Augen durfte er das Wunder Gottes schauen! Am Donnerstag nahm Reb Jecheskil von Reb Mordche Abschied. Reb Mordche mußte noch über Sabbat bei Chaim bleiben, da er nicht über den Fluß konnte. Und als Notte in seiner Pelzjacke, die Soldatenmütze schief auf dem Kopfe, oben auf dem Bock saß lind seinen Herrn erwartete, kam Chaims Frau auf die Stufen hinaus, sah auf Notte und schüttelte ihren in ein graues Tuch gehüllten alten grauen Kopf. Sie ist sich über etwas klar geworden: solch ein Kerl also ist das, dieser Notte! Gegessen hat er bei ihr, die besten Bissen hat sie ihm vorgelegt, hat gedacht, er werde zu ihr in Verwandtschaft treten, wird ihre Nichte heiraten — und nun sitzt er so mir nichts dir nichts auf' dem Bock, und die Pferde werden ihn davontragen. Er hat sie betrogen, solch ein Kerl ist er! Und doch kann sie gar keine Forderungen gegen ihn geltend machen, denn was tut er schließlich? Erfährt mit seinem Herrn davon — was soll, er denn sonst tun? Hier bei ihr Zurückbleiben? Und doch hat sie ihren Grund, den Kops zu schütteln — und so steht sie denn da auf den Stufen, sieht Notte an und brummt mit zitterndem Unterkiefer vor sich hin: „Solch ein Kerl ist das . . . Wozu solch ein Kerl fähig ist!" Notte hatte den Kopf abgewandt und starrte irgendwohin ins Blaue. Er tat, als ob er nichts bemerkte, und pfiff seinen Pferden. „Wie steif er dasitzt aus seinem Bock!" sagt sie mehr mit den Bewegungen ihres Kopfes als mit dem Munde. „Was? Wie? Hm? Vollgefresfen hast Du Dich, voll- , getrunken hast Du Dich, hm — was?" schalt die Alte und schüttelte den Kopf. „Ein Prachtkerl, der Notte! Einfach ein Prachtkerl! Hat sich vollgegessen, hat die Alte betrogen — so wahr ich lebe! Eine Partie wollte-sie ihm aufhängen!" sagte Reb Chaim, auf Notte zutretend, und klopfte ihn auf die Schultern. „Nun, was denn, Neb Chaim?" Notte zuckt mit den Achseln und blinzelt mit den Augen. „Wenn einem die Leute geben, so nimmt man eben." „Alter Narr! Du sollst so leben!" sagt die Alte und läuft ins Stübchen zurück. Bald kommt Reb Jecheskil im Schuppenpelz heraus und besteigt den Wagen. . „Bleibt mir gesund!" ruft Notte zum Fenster hin, während die Pferde sich in Bewegung setzen. „Fahr gesund und brich Dir Arme und Beine!" flucht ihm die Alte nach, im Herzen fühlend, daß ihr Unrecht geschehen. Notte antwortet ihr mit einem Peitschenknall... Literarische Mitteilungen. — Dr. C. Seligmann: Festpredigt anläßlich der zweiten Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden, gehalten in der Hauptsynagoge zu Frankfurt a. M. (Von dem Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. dem Druck übergeben.) Eine ganz ausgezeichnete, Rede, sowohl dem Inhalt wie der Form nach! Nicht nach der Methode üblicher Gelegenheitsreden mit der ganzen „Blechmusik der deutschen Sprache" auftretend, sondern logisch fein gegliedert und dabei doch von edlem Schwung durchglüht. Der Redner erblickt die ideale Doppelaufgabe des Verbandes zunächst darin: zu sittlicher Gesinnungstüchtigkeit und edlem Stolze die deutschen Juden zusammenzufassen und eine öffentliche Meinung zu schaffen, die jeden unter ihren Bann zwingt, der jeder sich beugen müßte, wie der Offizier vor der Standesehre", sodann aber: „das sittliche Gewissen dem deutschen Volke zu wecken"! Die Art der Ausführung dieser beiden Gedanken ist, wie gesagt, meisterhaft und macht die Predigt zum Muster einer Gelegenheitsrede. ' Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. .... - .

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