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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
Seite 131 (sequence 13)
Language
German
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131 Er trug eine Samtmühe über den Löckchen und ein seidenes Halstuch. In seinem Gesichtsausdruck und seinem Benehmen lag eine gewisse wohlhabende Anmut und Ruhe. Reb Jecheskil fand sogleich Gefallen an ihm. Er ging aus die beiden zu und streckte ihnen die Hände entgegen: „Friede sei mit Euch, ihr Landsleute!" „Friede sei mit Euch!" „Von hier?" fragte einer von den beiden Männern, oder vielleicht auch beide zugleich. „Ich bin aus Konska-Wola, wir müssen über den Fluß," spricht der Schwarzbärtige. „Ich bin aus Kazmierz und habe Holz auf der Weichsel liegen," antwortet Reb Jecheskil. „Wie? Neb Jecheskil Gombiner aus Kazmierz am Ende?" „So ist's. Und Ihr — wer seid Ihr denn aus Konska- Wola?" „A—ah! Reb Jecheskil Gombiner!" wiederholt der andere freudig überrascht und erhebt sich vom Stuhl. „Ich bin Mordche Konsker." „Reb Mordche Konsker aus Konska-Wola!" wundert sich Reb Jecheskil. „Ei, ei!" Er tritt näher und reicht ihm noch einmal die Hand. „Sind die Balken noch eingefroren im Eis?" „Ja, sie lagerten den ganzen Winter im Eis. Man konnte nichts machen, sie waren ganz eingeschneit. Jetzt wird man sehen, was man tun kann, ünd Gott für alles danken." „Ein schönes Geschäft — Gott, der himmlische Vater, soll uns davor bewahren!" „Die eine Hälfte ist schon heraus, mit Gottes Hilfe, die Bauern sind nicht faul." Ein Weilchen schweigen beide still und sinnen, die Hände auf den Tisch gestützt, nach. In der Stube ist es still. Nur das Rauschen des Wassers, das mit ernstem Trotz gegen das Eis ankämpft, dringt von draußen herein. Aus der Ferne hallt ein langgezogener Ton herüber, wie aus einem leeren Fasse; die Arbeiter rufen einander etwas zu, der Ton aber klingt zusammen mit dem Rauschen des Wassers und schallt wie aus einer anderen Welt herüber. Reb Jecheskil ist still in eine Ecke gegangen und verrichtet sein Abendgebet. Gleich darauf folgt Neb Mordche seinem Beispiel. Nun gehen alle drei betend im Stübchen hin und her. Von Zeit zu Zeit stöhnt Reb Jecheskil: „Herr im Himmel!" Dann bleiben alle drei an der Wand stehen und wiegen sich leise betend hin und her. In der Stube ist es ganz still geworden, nur Nottes Schnarchen ertönt aus einem versteckten Winkel und durchzittert die Luft. Chaims Frau sitzt am Herd und wirft Späne ins Feuer; und die Späne knistern. Sie sieht zu den Kaufleuten hinüber und ist ganz von Respekt erfüllt. Solche reiche Kausleute beten in ihrem armen, verfallenen Stübchen! Ta muß doch Gott selbst in ihrem Stübchen sein! Und sie — Gott straf sie dafür! — legt Späne ins Feuer, als ob gar nichts wäre. Und hastig schiebt sie ihr Haar unter das Kopftuch. Da plötzlich, als alle gleichsam in stillem Gebet erstarrt sind, ertönt draußen ein Rauschen und Schäumen, wie wenn ein Meer sich ins andere ergösse. Dann ist's einen Augenblick still. „Halt fest! Halt fest!" tönen laute Rufe. Die Stimme schallt, wie wenn jemand mit der Faust gegen das Fenster schlüge. Chaims Frau ist schon draußen — Rotte ist aus dem Schlaf erwacht und sieht sich einen Augenblick um, ob's vielleicht brennt. . . Dann besinnt er sich plötzlich und läuft hinaus. Die drei stehen noch immer da und beten. Der Jüngling kann sich nicht halten und will das Gebet unterbrechen, er will hinaus aus dem Stübchen, aber wie er die beiden Männer unbeweglich auf ihren Plätzen stehen sieht, scheut er zurück. Er will das Gebet fortsetzen, doch er fühlt sich verlegen vor Gott und ist ratlos. Plötzlich geht die Tür auf und Chaim stürzt, atemlos herein. „Herr, schon der dritte Balken ist weggeschwommen!" Die Juden stehen da und beten. Einen Augenblick sehen Chaim und der Jüngling einander an und schweigen. Das Gebet ist aus, und die Männer machen drei Schritte rückwärts. „Wie steht's?" fragt Neb Jecheskil. „Bist vom Gebet ausgetreten. Du Heide!" ruft Neb Mordche und hebt die Peitsche gegen seinen Sohn. „Es ist da . . . weggeschwommen. . . ." „Weggeschwommen!" „Man hatte eben angefangen, Schwellen von der dritten Lage zu nehmen, da kam ein riesiges Eisstück, wie ein itugeheuer, und weg war's, heidi — nach Danzig." „Ist viel gerettet?" „Vierzig, fünfzig Schwellen." „Gelobt sei Gott dafür —" Er besinnt sich plötzlich, daß er das Schlußgebet noch nicht gesprochen, und sagt es, im Stübchen auf- und abgehend, her. Er spuckt aus, und seine Hand greift nach dem Notizbuch in der Brusttasche. Kaum mit dem Gebet fertig, zieht er feinen Pelz aus und geht eilig hinaus. Die Nacht draußen ist so dunkel, daß man an dem Himmel dort oben und dem Gott, der darin wohnt, fast Zweifel haben möchte . . . Das Wasser strömt — man sieht nichts, wie wenn eine ungeheure Kraft gekommen wäre, um die ganze Welt zu verschlingen. Reb Jecheskil ist erschrocken. Er läßt die Arbeit einstellen, man soll das Holz nicht weiter bergen. Man solle sich über Nacht auf Gottes Gnade verlassen und die Holzlagen ruhig angebunden am User lassen. Er hofft, daß Gott ihm helfen wird. Und mit ruhigem Herzen, im Vertrauen auf Gottes Gnade, geht er zurück in Chaims Stübchen, um sein Abendbrot zu essen und in Gemeinschaft mit den anderen nach Schluß der Mahlzeit das Gebet zu sprechen. Die Kaufleute saßen schweigend beim Essen, jeder in seine Kalkulationen vertieft. Von draußen hörte man das Heulen des Windes und das Rauschen des Wassers. Reb Jecheskil. schaut ganz gleichgültig drein. „Wie steht's bei Euch mit den Noggenpreisen?" fragt er Reb Mordche, um die auf ihn eindrängenden Gedanken zu verjagen. „Bei uns? Roggen? Kein Körnchen bekommt man 31t sehen. Wer soll Roggen haben?" Noch eine Weile herrscht Schweigen. „Ich habe zwar etwas für mich, so ein Bißchen . . ." „Wie teuer?" fragt Reb Jecheskil. „Zweiunddreißig Gulden —zweihundertvierzig Polnische..." „Zweiunddreißig? Teuer! In unserer Gegend ist er viel billiger." Und wie, wenn sie sich vorher verabredet hätten, nimmt Reb Mordche ein Säckchen und öffnet es. Reb Jecheskil steckt, während er weiter spricht, die Hand in das Säckchen, nimmt ein paar Körnchen heraus, steckt eins davon in den Mund, zerbeißt es, knetet es mit zwei-Fingern und leckt darqn.

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