Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 130 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- ISO -— „Ein schlechtes, ein schlechtes Geschäft", brummt Reb Jecheskil und taxiert nach dem Augenmaß mit Hilfe des Stockes in der Luft, wie weit die Hölzer vom Ufer abliegen. „Man muß nach Janoschy gehen und .Bauern holen", sagt er. „Je mehr Bauern, desto besser. Und so wie das Eis sich zu rühren ansängt, muß man das Holz aus dem Wasser ziehen. Mag's kosten, was es will — es hilft nichts." „Was denn? Wenn das Eis sich erst rührt, nimmt es das Holz wie ein Federchen mit", sagt Reb Chaim mit einer Art verhaltenen Stolzes auf sein Wasser. „Es liegt nicht weit vom Ufer, höchstens zwei oder drei Ellen." „Man inufj sich beeilen — jeden Augenblick kann das Eis von oben her da sein", sagt Reb Chaim schon im Gehen. Reb Jecheskil gab ihm einen Fünfrubelschein, damit er Branntwein aus dem Dorfe mitbrächte, und ging selbst in das Stübchen zurück. Ein Duft von Kartoffeln und Bohnen erfüllte das Stübchen — Chaims Frau wußte von früher her, daß die Kaufleute sich nach ihren Bohnen die Finger leckten. Sie war ganz in ihre Küchenarbeit vertieft, während Rotte, der seine Stiefel ausgezogen hatte, in einem Winkel am Herd saß, seine Fußlappen trocknete und sich mit der Hausfrau von Heiratsgeschichten unterhielt. Chaims Frau hatte ihm eine ihrer Nichten aus Janoschy als Braut vorgeschlagen, ein sehr schönes, gesundes Mädchen mit ein paar Hundert Gulden Mitgift. Falls der Kaufmann noch über Sabbat dabliebe, wollte sie ihre Nichte herüberholen. Rotte saß da, hörte mit ernster Miene ihre Worte und nickte dazu mit dem Kopfe; vorläufig wollte er bei der Alten ein gutes Mittagessen herausschlagen. Er verstand seine Sache sehr gut, und die Alte war bald gegen ihn ganz familiär geworden. Neb Jecheskil trat herein, und die beiden brachen ihr Gespräch ab. Reb Jecheskil fand den Tisch bereits gedeckt, und zwar mit einem ganz merkwürdigen Tischtuch, das wie eine Bettdecke aussah. Das Besteck, das für ihn hingelegt war, bestand aus einem alten, abgegriffenen Blechlöffel und Messer und Gabel ohne Griffe. Ein hausbackenes Roggenbrot lag auf dem Tische, daneben stand ein Salzfaß. Reb Jecheskil wusch sich die Hände und sprach das Tischgebet. Chaims Frau reichte ihm den dampfenden Teller. Reb Jecheskil aß ein wenig davon und schob den Teller zur Seite. Der Rest war für Rotte... Reb Jecheskil betete eilig und ging zu den Hölzern hinaus. Er blieb am Ufer stehen und wartete. Weit und breit schweifte sein Blick umher. Das Wasser rinnt vom Ufer herab und überflutet das Eis. Aus der Ferne hört man ein Knackern Eine mächtige Eisscholle, so breit wie der halbe Fluß, kommt heran und will weiter. In einer Rinne zwischen zwei Schollen rauscht das Wasser hervor, strömt brausend heraus -und sprengt die Eisdecke, über die es sich ergießt. Eine neue Welle kommt daher und flutet über das Eis hin. Dann hört man wieder das Knacken; das Eis spaltet sich, ein riesiges Stück davon stellt sich quer empor und wird sogleich in Lausend Stücke zerschellt. In starkem Strome quillt die Flut unter der gefrorenen Decke hervor, reißt die Eistrümmer mit sich fort, treibt mit ihnen sein Spiel und wirbelt sieim Reigen zwischen zwei Wellen, die einander haschen und sich gegenseitig ins Gesicht schlagen. Dort strömt schon die Flut und sprengt das Eis am Ufer, wo die Hölzer liegen. Reb Jecheskil hört schon das Knacken. Das Eis ist schon geborsten, aber es rührt sich noch nicht. Die Masse ist zu groß und zu mächtig, als daß das Wasser sie bewegen könnte. Das'Wasser kämpft mit ihr> es schickt eine Welle nach der andern gegen sie vor, die Masse aber rührt sich nicht. Kleinere Eisstücke werden von ihr gelöst, zerbersten - in Splitter und verschwinden im Strudel. Die Masse selbst steht noch eine Weile starr — dann aber beginnt es unter ihr zu dröhnen, und das Eis zerspringt in kleine Stücke. Das Holz kommt zum Vorschein; Balken ist an Balken gebunden, jetzt aber lösen sie sich voneinander. Reb Jecheskil sieht sein Vermögen in Gefahr. Die einzelnen Teile streben auseinander, die Seile reißen sich knarrend von den Bäumen los. Die letzte Minute. Reb Jecheskil tritt näher ans Wasser heran, er streckt die Hand aus, er will es sesthalten und sieht sich um, ob die Bauern nicht schon kommen. Aber niemand kommt. Das Wasser strömt und eilt, das Eis berstet — sein Vermögen, Herr Gott im Himmel, sein Vermögen! Jetzt kommt Reb Chaim mit einer ganzen Schar von Bauern gelaufen. Reb Jecheskil sieht sie von weitem und macht ihnen Zeichen mit den Händen. Die Bauern kommen heran mit Texten. Brecheisen, Ketten und Stricken. Reb Jecheskil faßt wieder Mut. Er läuft voraus auf das Eis; das Wasser ist unter seinen Füßen, aber er achtet nicht darauf — mit Gottes Hilfe wird alles gut werden!- Die Bauern folgen ihm, niemand fragt nach Lohn noch sonst was, nur das Holz gilt^s zu retten. Man schwingt die Aexte gegen die Balken, man kappt die Stricke, rnan löst die Balken von einander, das Eis bricht sich, man hackt und zieht an den Seilen, wer achtet auf etwas? Man springt von einem Stamm auf den andern und rettet, soviel man kann, ans Ufer. Um die einzelnen Balken bindet man neue Stricke und befestigt sie stärker am Ufer. Und das Wasser hat sich über das Eis ergossen und führt mit ihm Krieg, daß das Auge nicht entscheiden kann, ob auf der Oberfläche des Flusses Eis oder Wasser das Uebergewicht hat. Im Wirbel stürzt eine Scholle über die andere, rennt, gegen sie an. und zerschmettert sie. Plötzlich stellt eine der Schollen sich quer in die Höhe und verlegt den andern den Weg. Sie klettern übereinander, und mitten in der Flut ist plötzlich ein Eisberg entstanden, vor dem das Wasser respektvoll zurücktreten muß. Bald aber haben die Wellen, wie im Komplott miteinander, sich gegen den Berg zusammengeschlossen und ihn zerstört, daß seine Trümmer — heidi — in alle Welt davonschwimmen. Das Wasser zerbricht alles ringsum, und die Bauern fliehen von einem Stück Eis aufs andere. Inzwischen .ist die Nacht herangeschlichen. Der Himmel ist wie in dunklem Gewölk erstarrt, das Wässer aber verrichtet weiter sein Werk, und big Bauern tun gleichfalls das ihrige. Sie haben Reisigbündel in Pech eingetaucht und angezündet, um die Nacht zu erleuchten; unter Führung ihres Aeltesten haben sie Balken nach Balken ans Ufer geschleppt. Das Wasser aber stürzt sich schäumend und rauschend immer wieder auf die Hölzer und sucht die Beute an sich zu reißen. Als bereits die größere Hälfte der Balken geborgen war, schickte Reb Jecheskil den Wagen nach dem Städtchen, um Branntwein zu holen, während er selbst zu Reb Chaim ins Stübchen ging. Bei Tisch traf er einen Juden mit langem schwarzen Bart, in einem langen Pelz. Er saß halb angelehnt auf einem Stuhle und sprach mit einem Burschen von etwa fünfzehn Jahren, mit einem zarten Gesichtchen, das mehr von der Wohlhabenheit seines Vaters als von dem Vater selbst verriet.