Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 129 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Er hielt diesen Vortrag in deutscher Sprache, die ihm, obwohl er ein ganz korrektes Englisch schrieb, im mündlichen Vortrage stets geläufiger blieb. Dieser Vortrag erschien im Drucke unter dem Titel: „Jüdische Fragen. Ein Beitrag zur Klärung derselben." Chicago 1896. Genau so wie im Jahre 1878 spricht sich Felsenthal für ein Judentum ohne Dogmen aus, aber aus einem ganz anderen, man darf sagen: aus einem entgegengesetzten Grunde. Der Felsenthal von 1878 erklärt das Judentum als eine astgemein theistische Weltanschauung, um Proselyten den Eintritt zu erleichtern und die nationalistische Färbung des. Judentums abzustreisen, der Felsenthal des Jahres 1896 spricht sich für ein dogmenloses Judentum aus, weil das Judentum nicht dogmatisch, sondern national bestimmt sei. So verhält sich der Felsenthal des Jahres 1878 zu dem des Jahres 1896 wie Hirsch Kalischer zu MoseS Heß. Kalischer verlangt in seinem „Derischath Zion" 1862 die Renationalisierung der Juden, weil ihnen in der Diaspora das Judentum verloren gehen müsse; Heß verlangt in seinem säst gleichzeitig erschienenen „Rom und Jerusalem" dasselbe, weil sich das Judentum trotz politischer und kultureller Emanzipation nicht abstreifen lasse. Herzls „Judenstaat" erschien in denselben Jahre, als Felsenthal seine „Jüdische Fragen" veröffentlichte; er hatte die Broschüre aber damals im Juli, als er den Vortrag hielt, noch nicht zu. Gesichte bekommen. Die Entstehungsgeschichte weist auf ganz andere Faktoren hin. Im Dezember 1894 hielt Leo N. Levi, ein.angesehener Advokat, später Präsident des B’ne B'ritb-Ordens (1856—1904), einen Vortrag auf der Generalversammlung des amerikanisch-jüdischen Gemeindebundes in New Orleans, in welchem er die Zerfahrenheit des jüdischen Bekenntnisstandes beklagte. Jsaac M. Wise, der sich durch manche gegen die Reform gerichteten Spitzen in Levis Rede verletzt fühlte, war doch weitherzig genug, um einzusehen, daß Levis Klagen in dem amerikanischen Judentum Widerhall fanden und schlug daher schon auf der Rabbinerversammlung in Rochester, 1895, eine Prinzipienerklärung vor, was Felsenthal bekämpfte. Die Animosität stieg so weit, daß Felsenthals Vortrag nicht in den Protokollen der Konferenz von Milwaukee, sondern erst in denen des darauffolgenden Jahres erschien (Yearbook of the Central Conference of American Rabbis, Cincinnati, 1898, pp. .54—73). Denselben Gedanken vertritt Felsenthal auch in seinen „Jüdischen Thesen", die zuerst in der von mir herausgegebenen Monatsschrift „Deborah", 1901, und dann noch einmal in der „Festschrift zum siebzigsten Geburtstage A. Berliners", Frankfurt a. M. 1903, erschienen. Es ist ewig schade, daß wir das Erscheinen des Korinther- und des Galaterbriefes nicht genau datieren können, und daß wir nicht wissen, welche äußeren und inneren Tatsachen zwischen Maimonides" „Mischne Thora" mit seinen detaillierten Opservorschristen und dem „Moreh Nebuchim" mit seiner rationalistischen Auffassung des Opserkultus als einer temporären Konzession an das Heidentum liegen. Den Zionisten war ein solcher Konvertit aus den Reihen der Veteranen des Resormgedankens natürlich hoch willkommen, und sie ernannten ihn auch zum Vizepräsidenten der . „Federation of American Zionists“; aber ganz abgesehen von seinem hohen Alter lag es nicht in Felsenthals Natur, eine Rolle im öffentlichen Leben zu spielen. Er schlug sogar nach seiner Pensionierung einen Ruf als Lehrer an das „Hebrew Union College“ aus, obwohl er physisch und geistig sich bis in sein hohes Alter eine merkwürdige Frische bewahrt hatte. Im Herbst 1905 wurde er plötzlich von einem schweren Blasenleiden heimgefucht, das eine chirurgische Operation nötig machte; er bestand sie ganz merkwürdig gut; sie befreite ihn jedoch nur von der augenblicklichen Gefahr. Er litt arge Schmerzen und mußte sich im vorigen Herbst von neuem einer Operation unterziehen. Seine Geistesstärke läßt sich aus einem Briefe beurteilen, den er mir am 21. Oktober 1907 schrieb. Es heißt darin: „Seit ich zum letztenmal an Sie geschrieben habe, habe ich einige sehr leidensvolle Tage durchlebt. Zum zweitenmal mußte ich eine außerordentlich gewagte chirurgische Operation an mir vornehmen lassen. Drei Aerzte waren bei derselben anwesend. Ich selbst war natürlich in narkotischen Zustand versetzt worden, und bei der Operation selber empfand ich keinen Schmerz. Aber die Nachwehen! Doch sind die Folgen glücklich überstanden und die Operation war — manche sagen eine gelungene, andere eine mißlungene — gelungen, denn sie hat mich von der „Todesgefahr" befreit; mißlungen, denn sie hat meine „Lebensgefahr" verlängert." Am 28. Dezember, dem Felsenthäts Geburtstag vorausgehenden Sabbat, war ich in Chicago, wie alljährlich seit seinem 80. Geburtstage, um in dem „Jesaiah Temple" der Gemeinde, welche sich aus den ehemaligen Mitgliedern der Ziongemeinde gebildet hatte und der Felsenthal angehörte, zu predigen. Er besuchte den Gottesdienst, und am darauffolgenden Tage nahm er an dem Familienfeste zur Vorfeier seines Geburtstages Anteil. An seinem Geburtstage wurde er von der Influenza auf das Krankenlager geworfen, das er nicht mehr verlassen sollte. Nach zehntägigem Leiden starb er am Abend des 12. Januar eines sanften Todes. Ein liebenswürdiger Mensch, ein persönlich hochachtbarer Charakter und ein echter deutscher Gelehrter, wird er denen, die ihn kannten, in liebevoller Erinnerung leben, und in der Geschichte des amerikanischen Judentums wird er seinen Platz als einer der besten Pioniere behaupten. Eisgang. Von S ch a l o m As ch. II. notte betrachtet das Stübchen und sucht etwas an der Tür. Chaims Frau hatte sich wegen des Holzhackens mit ihm gezankt. Bald knistert in der Küche ein Feuer, an dem eine Suppe für den Kaufmann gekocht wird. Die Frau sieht vom Herd aus, wie der Kaufmann am Tische ein nachdenkliches Gesicht macht, und sie beginnt ihn zu trösten. „Macht Euch wegen der Hölzer keine Sorgen, Kaufmann! Gott wird helfen und Eure Ware vor dem Wasser retten." Reb Jecheskil wandte den Kopf nach der Frau um. Sie, eine Frau, tröstet ihn! Er schämt sich vor sich selbst und geht auf den Hof hinaus. „Führt mich zu den Hölzern, Reb Chaim", sagt er zu Chaim, der eben mit zwei vollen Wassereimern vom Brunnen kommt. „Und Du, Notte, komm auch mit." Chaim trägt die Eimer in den Stall. Dann gehen sie alle drei zu den Hölzern hinter dem Häuschen. Wenn man es nicht, gerade wußte, würde man es gar nicht geglaubt hasten, daß dort Holz lagerte. Halb war es ins Eis eingebettet, und von oben her mit Eis zugedeckt^ Nur lange Bretter und starke Seile find sichtbar, -mittels deren das Holz an den dicken Bäumen am Ufer festgebunden ist,