Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 128 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Amerikas einen so wesentlich gesonderten Charakter gab-und der deutschen Sprache den historischen Boden in den Gemeinden entzog. Noch im Jahre 1890 wurde in den jüdischen Zeitungen Europaseine Warnung gegen das Anwachsen der Einwanderung veröffentlicht, die damals sich aus 25 000 Köpfe belief, während sie im Jahre 1906 auf 156000 angewachsen war, und im letzten Jahre infolge der ökonomischen Krise auf 106 000 gefallen ist. Diese Einwanderer sind zu etwa zwei Dritteilen Russen und sonst zum weitaus größten Teile Galizier und Rumänen, während die Deutschen eine verschwindend kleine Fraktion darstellen, die natürlich sehr schnell in der eingeborenen und amerikanisierten Bevölkerung aufgeht. Hatten die Ereignisse Felsenthals Prognostiken schnell überholt, so hatte er selbst sich nach einer anderen Richtung zu korrigieren. Das Problem der Mischehe, welches in Europa so akut geworden ist, stellt dem amerikanischen Judentum eine viel schwierigere Aufgabe. Statistische Daten besitzen wir freilich nicht; aber wenn in Berlin das Verhältnis der Mischehen zu rein jüdischen Ehen sich wie 1 zu 6 stellt, so dürste in amerikanischen Großstädten — und der weitaus größte Teil der amerikanischen Juden, lebt in Großstädten — ein dem Judentum noch ungünstigeres sein. Von der gesellschaftlichen Erfahrung aus zu urteilen sind die Verluste, welche das Judentum erleidet, hauptsächlich in zwei gesellschaftlichen Schichten zu suchen, unter den Reichsten und Vornehmsten einerseits und unter der ärmsten Arbeiterbevölkerung anderseits. Die ersteren gehen natürlich dem Judentum absolut verloren, wie etwa die Belmonts, Pulitzer, der Herausgeber der „World", Abraham Jacobi, der berühmte Kliniker, Jacques Loeb, der Biologe, Isidore Rahner, der Senator, James Speyer, der Bankier und viele andere. Unter den jungen Leuten, die ohne bestimmtes Ziel hier einwandern, und wie sie der Zufall verschlägt, als Hausknechte in einem Hotel, als Bahnarbeiter, als Hausierer und Krämer in weltabgelegenen Holzschlägen oder Bergwerken ihr Brot finden, sind die Mischehen, und damit der völlige Untergang jeder jüdischen Reminiszenz, sehr häufig; jedoch kommen sie vereinzelt auch in dem Mittelstände unter der bodenständigen eingeborenen Bevölkerung hier ziemlich. häufig vor, da bei dem gemeinsamen Unterricht beider Geschlechter in den höheren Schuten und Universitäten und endlich bei dem freien ungezwungenen Verkehr junger Leute untereinander die Gelegenheit, sich einander zu nähern, viel häufiger gegeben ist. Mit -Mädchen geht ja die Sache leichter; die Braut wird ins Judentum ausgenommen, wenn alle Teile zufrieden sind; mit Männern hat das aber einen gewaltigen Haken an dem Volksbewußtsein, welches selbst in Amerika — mir will es sogar scheinen noch mehr als in Europa — an der Beschneidung festhält. In einem solchen Falle hatte Felsenthal ein Gutachten abzugeben. Der Rabbiner M. Spitz, jetzt in St. Louis, damals in Milwaukee, hatte in einer solchen Frage ein Rundschreiben an verschiedene Rabbiner gerichtet, und Felsenthal beantwortete es in einer Broschüre: „Zur Proselytenfrage im Judentum", Chicago 1878. Sein Standpunkt ist für seine spätere Anschauung höchst bedeutsam. Er will in jeder Weise den Eintritt in das Judentum erleichtern, hält die Beschneidung für durchaus nebensächlich, indem er an dem Beispiel Hillels die ethische Auffassung des Judentums als das Wesentliche ansieht und mit Geiger (Jüdische Zeitschrift, VIII, 26) die Erleichterung der Aufnahme männlicher Proselyten verlangt. In einem Anhang zu derselben Broschüre tritt er aber trotzdem für die Dogmenlosigkeit des Judentums ein, die er später unter ganz anderen Voraussetzungen verteidigte. Felsenthal hatte sich im Alter von 65 Jahren in voller geistiger und körperlicher Frische vom Amte zurückgezogen; er blieb dabei - ein emsiger Arbeiter, der allen Bewegungen auf jüdischem Gebiete mit großer Aufmerksamkeit folgte. Das Auftreten des jüdischen Nationalismus zurzeit der Chowewe Zion- Bewegung betrachtete er mit jenem mitleidigen Lächeln, welche alle Männer der alten Schule dafür hatten. In einem- Aufsätze über Zunz, den er in der „Illinois Staatszeitung" am 10. August 1884 zum 90. Geburtstage von Leopold Zunz veröffentlichte, spöttelte er über diejenigen, welche die Aufgabe des Judentums in einer Renationalisierung statt mit Zunz in der Pflege der jüdischen Wissenschaft sehen. Ein Jahrzehnt später hatte das Anwachsen des Antisemitismus eine Aenderung in seiner Anschauung hervorgebracht. Allerdings mag auch eine innere Ursache mitgewirkt haben, die gerade unter den pensionierten Rabbinern, wie Marcus Jastrow und Gustav Gottheil, denselben, die an der Eliminierung des nationalen Messiasgedankens aus dem Gebetbuche eifrig mitgearbeitet hatten, dem Zionismus Fürsprecher warb. Die Herren waren von den Wirkungen des Reformgedankens enttäuscht; die Verschönerung und Verstandlichmachnng des Gottesdienstes hatte nicht den erwarteten Erfolg gebracht; die jungen Leute würden keine eifrigen Besucher des Gottesdienstes, die älteren Leute, welche in den fünfziger Jahren mit echtem Eifer an der Umgestaltung des Judentums gearbeitet hatten und lebendiges Interesse an Predigt und jüdischer Literatur nahmen, starben aus, und allerendlich trat ein menschliches Gefühl als wirksame Kraft ein: die Herren sahen sich gerade auf Grund des Reformprogrammes von jüngeren Kräften überholt. .Felsenthal weiß ich, soweit man überhaupt das Seelenleben eines Menschen beurteilen kann, von dieser Schwäche frei; ich hörte ihn nie über Zurücksetzung klagen oder das jüngere Geschlecht herabsetzen, obwohl er, als ein echter Gelehrter, Scharlatanerie haßte, und erst wenige Wochen vor seinem Tode machte er mich auf den Schnitzer eines amerikanischen Rabbiners aufmerksam, der in einer gelehrten Abhandlung uns erzählt, daß nach dem mosaischen Gesetz eine kinderlose Witwe von dem Bruder ihres Gatten, „Jibbum" genannt, geheiratet werden soll. Wenn sich der „Jibbum" weigert, diese Ehe zu vollziehen,, tritt die Chalizah ein, welche heutzutage auch bei orthodoxen Juden „gewöhnlich" an die Stelle der Ehe tritt. Felsenthal erinnert anBossuets „Talmud par M.Mischnah", aber bei solchem Tadel, den er doch nur privatim aussprach, lag ihm jede einseitige Beurteilung fern; er entrüstete sich nur als ehrlicher Mensch über die amerikanische „Blnff"-Methode. Ein sehr amüsanter Zwischenfall in dieser Hinsicht ist mir in besonders angenehmer Erinnerung. Der verstorbene M. L. Rodkinson, der Typus der dilettantischen Literaten, die um jeden Preis etwas Sensationelles produzieren wollen, war zum Zwecke seiner Talmudübersetzung auf die Idee verfallen, alles im Talmud, was ihm nicht paßte, als eine christliche Einschiebung auszugeben. Felsenthal in einer sehr gelungenen Rezension von Rodkinsons Talmudübersetzung schlugvor, solche christliche Einschiebsel auch in der Bibel aufzusuchen; so sei miW ^212 Psalm 74,12 eine Interpolation, da in diesen Worten der Paul der Heilslehre an gedeutet sei. Bei der Gründung der Sinai-Gemeinde, die im wesentlichen Felsenthals Werk war, wurde das Prinzip ausgesprochen, daß die Bitte um Wiederherstellung des Opferkultus, der Glaube an einen persönlichen Messias, die Wiederausrichtung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina ebenso wie die Hoffnung auf leibliche Auferstehung aus den Gebeten zu streichen seien. Einige dreißig Jahre später hatte sich diese Anschauung bei Felsenthal gründlich geändert. Im Jahre 1896 wurde er aufgefordert, bei der in Milwaukee stattfinöenden Rabbinerversammlung einen Vortrag zu halten.