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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
Seite 127 (sequence 9)
Language
German
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gründeten. Der Name mag von der Bewegung in Frankfurt geliehen worden oder, wie eine ähnliche Organisation in Baltimore, von dem Wunsche inspiriert gewesen sein, den Reformgedanken innerhalb der bestehenden Gemeinde zur Geltung zu bringen. Darauf deutet zunächst die Broschüre hin, welche Felsenthal unter dem Titel „Kol Kore Bamidbar. Ueber jüdische Reform. Ein Wort an dieFreunde derselben", in Chicago 1859 veröffentlichte. Felsenthal nennt sich darin einen „Radikalreformer", der sich sehr scharf gegen die gemäßigten Reformer ausspricht, deren Reform sich auf die ästhetische Umgestaltung des Gottesdienstes beschränkt. Wen er unter den letzteren meint, weiß ich leider nicht; ich habe jedoch Grund zu vermuten, daß er hauptsächlich auf Jsaac M. Wise anspielt, da er in dem Anhang zu einer Broschüre ein Gutachten von Samuel Adler einholt, der das Einhornsche Gebetbuch mit Gründen empfiehlt, welche ziemlich klar gegen das damals erschienene und schnellpopulär gewordene „Minhag Amerika" von Wise gerichtet sind. Der „Radikalreformer" Felsenthal spricht sich jedoch sehr entschieden nicht nur für die Feier des traditionellen Sabbats in der Synagoge aus, sondern verlangt auch, daß in dem Lande, wo dem Erwerbsleben der Juden keine gesetzlichen Schranken gezogen sind, jeder Jude auch in seinem Privatleben den Sabbat feiere. Der „Radikalreformer" verlangt auch nicht nur die Feier der mosaischen Festtage, die mit Ausnahme des Neujahrs- und Versöhnungstages von der ans dem Reformverein hervorgegangenen Gemeinde längst aufgegeben worden sind, sondern auch die Auszeichnung von Rosch Chodesch, Chol Ha-Moed, Chanuka und Purim und sogar des neunten Ab im Gottesdienste, die, wenn man von den Schulfeierlichkeiten ain Chanukafeste in den Religionsschulen absieht, heutzutage selbst in gemäßigten Reformgemeindeu aufgegeben sind. Im übrigen nimmt er auch dem Ritual gegenüber eine nicht entschieden negative Stellung ein; er verlangt nur das Fallenlaffen des Tallith, weil derartige Symbole nicht mehr eine eindrucksvolle Sprache zu dem modernen Menschen reden. Die kleine Schrift blieb ein Ruf in der Wüste, soweit es ans die Gemeinde Ansche Maarab ankam, aber der Erfolg blieb nicht aus, und obwohl die Vorboten des Bürgerkrieges die Aufmerksamkeit von diesen Kämpfen ablenkten, kam doch im Jahre 1861 eine Reformgemeinde unter dem Namen „Sinai Congregation" zustande, die am 20. Juli desselben Jahres inkorporiert wurde. Ihre Statuten waren auf den Prinzipien des Reformvereins gegründet, und ihr erster Prediger war Felsenthal, der fortan dem Geschäftsleben definitiv entsagte. Sein Gehalt betrug 1200 Dollar und wurde später auf 1500 Dollar erhöht. Der Umschwung, welchen amerikanische Verhältnisse seither genommen haben, äst nicht zum mindesten dadurch charakterisiert, daß dieselbe Gemeinde ihrem gegenwärtigen Rabbiner Dr. Emil G. Hirsch ein Gehalt von 17 000 Dollar bezahlt, allerdings das höchste Gehalt, welches eine amerikanische, und wohl überhaupt eine jüdische Gemeinde bisher bezahlt hat. Felsenthal blieb nur drei Jahre in der Gemeinde. Bei der Erneuerung des Vertrages wollte ihn diese nur auf ein Jahr Wiederwahlen, was er ausschlug, um die Predigerftelle. bei der damals neugebildeten Zionsgemeinde anzunehmen, der er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1887 Vorstand. Das Schicksal dieser Gemeinde zeigt ebenfalls ein Bild des sich so rasch entwickelnden Städtelebens. Die Synagoge der Zionsgemeinde war damals in dem sashionablen Wohnviertel der Stadt gelegen, während die Synagoge der Sinai-Gemeinde im Gesellschaftsviertel lag, wo heute die 15 bis 20 Stockwerke hohen Wolkenkratzer dicht nebeneinander stehen. Die Sinai-Gemeinde zog dann nach dein vornehmer gewordenen südlichen Teile der Stadt und ist heute bereits „down Town“ gelegen, während die Zionsgemeinde in dem westlichen Teile der Stadt geblieben ist, aber ihre Mitglieder nach der Südseite abgegeben hat, die dort eine andere Gemeinde, die Jesaiagemeinde gebildet haben, deren Rabbiner, Dr. Joseph Stolz, Felsenthals Nachfolger war. Die westliche Stadt ist heute das große, von etwa hunderttausend polnischen und russischen Juden bewohnte Ghetto Chicagos. Mit der Wendung in den äußeren Geschicken der Stadt ist eine Wendung in den inneren Verhältnissen Hand in Hand gegangen, welche nicht zum mindesten durch Felsenthals Broschüre: „Jüdisches Schulwesen in Amerika", Chicago 1866, sich charakterisieren läßt. Zu jener Zeit hatten die aus Deutschland eingewanderten Juden bei ihren Gemeinden noch immer Elementarschulen errichtet; hellte hat sich das gewaltig geändert. Die Juden sind ohne Rücksicht auf ihre religiöse.Parteiftellung eifrige Anwälte der Simultanschulen geworden, und ihre geographische Verbreitung über das ganze Land ist eine solche, daß leistungsfähige jüdische Schulen nur in gewissen Quartieren großer Städte möglich waren. Vor vierzig Jahren konnte Felsenthal noch einer höheren jüdischen Schule das Wort reden, die in ihren höchsten Jahrgängen Uebersetzung vom Englischen und Deutschen ins Hebräische und „die genetische Entwicklung der Halachah" rückwärts schauend vom Schulchan Aruch nach der Mischnah und Varaitha lehren sollte. Anderseits ist er aber gegen die Errichtung einer spezifisch theologischen Lehranstalt oder eines Rabbinerseminars; er will statt dessen Lehrstühle an bedeutenden Universitäten für „jüdische Wissenschaft" gestiftet sehen, wenn sie auch für den Augenblick bloß Sinekuren, für Forscher sein würden. Die Rabbiner sollten aus der jüdischen Lehranstalt hervorgehen und zum Zwecke ihrer beruflichen Ausbildung nach Deutschland geschickt werden, und zwar nach Berlin, wo Steinschneider, Lebrecht und Zunz lehren; für Breslau hat Felsenthal nicht viel übrig; denn dort herrsche die Kompromißtheologie; noch viel weniger hatte er für das sogenannte „amerikanische Judentum" übrig. Es brauchte immer Jahrhunderte der Entwicklung, ehe aus einer Niederlassung selbständiges geistiges Leben entstand, und es kann in Amerika nicht anders werden. Das sogenannte amerikanische Judentum ist nur ein Humbug von Leuten, deren Theologie darin besteht, die Klassiker der englischen Kanzelberedsamkeit und die Kirchenlieder jüdisch zu interpretieren, indem man anstatt „Jesus" „Gott" setzt. Felsenthal hatte wie der richtige deutsche Gelehrte sich verrechnet; er beurteilte die Welt von dem Gesichtspunkte seiner Studierstube und von seinen eigenen Idealen aus. Er konnte-selbst sehen, daß Deutschland ebensogut Humbug nach Amerika exportieren könne als England, und daß dieser „Made in (Hermann-Humbug ebenso echtes Gewächs sein könne, wie der auf heimischem Boden erzeugte. In einem Artikel der „Illinois Staatszeitung", welcher Felsenthal oft Beiträge über jüdische Angelegenheiten lieferte, befindet sich eine amüsante Rezension eines von einem deutschen Rabbbiner verbrochenen Neujahrshhmnus, der unter anderem die höchst originelle Bitte enthält: „Heill dein Volk von seinen Brüchen!" Wer sich dafür interessiert, kann die Geschichte auch in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", 1868, S. 930 und 941 Nachlesen. Ein . anderer Faktor, den Felsenthal übersah, war die rasche Amerikanisierung der Juden, die das Deutsche viel schneller fallen ließen, als er antizipierte, und welche besonders die Amerikanisierung der Kanzel mit Eifer betrieben, um den oft gehörten Vorwurf zu widerlegen, daß das Judentum eine Jmportation sei. Was man natürlich nicht voraussehen konnte, war die kolossale Einwanderung aus östlichen Ländern, welche dem Judentum

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