Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 126 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Rabbiner Dr. Jakob stellte das Bild des von der Volkslaune hin- und hergetriebenen Aron dem des wahrhaft zur Führung berufenen, zielbewußten Mose gegenüber. Alle seine Ideale brachte dieser in Verbindung mit dem Gotteshause und dem Gottesdienste. Als wichtiges Mittel der Verinnerlichung des Judentums pries der Redner die hebräische Sprache. Ihr jüdischen Jünglinge, so rief er aus, Euer Latein und Griechisch pfände nötigenfalls von anderen Seiten die reichste Pflege, wem vertrauen wir aber unsere hebräische Sprache an? Würden deren Urkunden vernachlässigt, es gäbe in 50 Jahren kein Judentum mehr! Herr Rabbiner Dr. David führte aus: Er möchte Aron in Schutz nehmen; sein friedliches Wirken in oer ganzen Gemeinde kam allen zugute und machte ihm alle zu Freunden. Die Persönlichkeit des geistigen Führers nützt aber der von ihm vertretenen Sache; mit ihm sinkt auch diese, mit ihm steigt sie auch. Herr Rabbiner Dr. Neumark ^begrüßte die Tatsache, daß ein religiöses Fest einer solchen Teilnahme begegne, die sogar auf die Nachbargemeinden übergreife. Leider sei diese Annäherung von Gemeinden so selten, obgleich ihre inneren Angelegenheiten in so vielen Punkten sich berührten und durch persönlichen Austausch der Meinungen und Erfahrungen ganz anders gefördert werden könnten als jetzt. Nach gemeinsam gesungenen Liedern und Vortrügen des Synagogenchors (darunter des Hajaum harat aulom aus der Neujahrsliturgie in Lewandowskischen Kompositionen) setzte der zweite Teil der Ansprachen ein. Herr Rechtsanwalt Abel verlas ein Begrüßungsschreiben des Zentralvereins-Vorstandes und gab den Wünschen desselben und des Essener Literaturvereins in vollendeter Weise Ausdruck. Wie eine Fanfare klangen die begeisterten Worte des Herrn Julius Marx, Vorsitzender des über 200 Mitglieder zählenden jüdischen Jugendvereins. Für den Hilfsverein der deutschen Juden sprach sodann Herr Lehrer Abraham. Sein Verein will die schöne Gewohnheit des Wohltuns beleben, die leider für unsere osteuropäischen Brüder noch lange vonnöten sein wird. Die Ferienkolonie gratulierte durch ihren Vorsitzenden Herrn Dr. med. Cohen, der Krankenpflegerinnenverein durch den Schatzmeister Herrn Karl Herzberg. Endlich ließ Herr Hauptlehrer Graf. ernste und heitere Bilder aus dem Leben der früheren jüdischen Privatschule am innern Auge der Festteilnehmer vorüberziehen. Zum Danke für alle Wünsche und Gaben ergriff Herr Kommerzienrat Hirfchland mehrmals das Wort und sprach an der Hand der Akten von dem historischen Weihefest vor 100 Jahren, um dann auf die Gegenwart überzugehen und seine Ansprache in ein begeistertes Hoch auf unfern Kaiser ausklingen zu lassen. Herr Rabbiner Dr. Samuel, dem selbst ein ehrendes Hoch ausgebracht wurde, erwiderte mit einem stürmisch aufgenommenen Hoch auf den Vorstand, insbesondere den unermüdlichen verdienstvollen Vorsitzenden. Erst spät trat das Büfett und dann der Tanz in seine Rechte. Erwähnen möchten wir noch, daß einige Mitteilungen über die der Feier zugrunde liegenden Tatsachen der Richtigstellung bedürfen. Die Einweihung des „neu erbauten Tempels" fand am 26. Februar 1808, also während der Franzosenherrschast statt; der vollziehende Rabbiner war Löb Aron Scheuer von Düsseldorf, nicht dessen Freund Löb Karlsburg von Krefeld. Rabbiner Scheuer verherrlichte das Fest durch hebräische Strophen, die im Original verloren, aber in der Uebertragung vom Schullehrer Isaak Marynzer vorhanden sind. Sie bilden die Einleitung und den Abschluß einer äußerst seltenen Druckschrift, der von dem genannten Isaak Marynzer gehaltenen deutschen Weiherede, einer der ältesten aus jüdischen Gotteshäusern (verlegt bei Hofdrucker G. D. Bädeker in Essen 1808). Das Grundstück für die neue Synagoge hat die Stadt unter dem inzwischen verstorbenen edlen Oberbürgermeister Zweigert der Gemeinde zum Selbstkostenpreis überlassen. Dieser Akt hochsinniger Denkart beleuchtet zugleich das schöne Einvernehmen der jüdischen mit der gesamten Bürgerschaft, das hoffentlich hierorts erhalten bleibt bis in die fernsten Zeiten.' löernhgrd Frllrnths! (1822-1M8). Ein biographischer Beitrag zur neueren Geschichte des amerikanischen - Judentums. Von Prof. G o t t h a r d D e u t s ch. ie ersten zwei Wochen des neuen Jahres haben dem amerikanischen Judentum schon drei Verluste gebracht, die als biographische Ergänzungen zu der Jewish Encyclopedia verzeichnet werden müssen. Am 5. Januar starb in Baltimore Alois Kaiser, einer der besten Repräsentanten der Sulzerschen Kantorenschule in Amerika; am 9. folgte ihm Abraham Goldfaden, der Vater der jüdisch-deutschen Bühne, und am 12. verloren wir den Nestor der amerikanischen Rabbiner, Bernhard Felsenthal in Chicago, wenige Tage nachdem er sein 86. Lebensjahr vollendet hatte. An Jahren ist wohl Henry Hochheimer in Baltimore, der jetzt in seinem 90. Lebensjahre steht, älter, aber Hochheimer, schwerhörig und nahezu blind, ist, obwohl geistig frisch, doch schon seit Jahren von aller Tätigkeit zurückgezogen, während Felsenthal, obwohl seit fast 20 Jahren im Ruhestande, bis zuletzt an den öffentlichen Angelegenheiten eifrigen Anteil nahm.. Dem jüngeren Geschlechte war er deshalb der letzte Zeuge der wichtigsten schöpferischen Periode des amerikanischen Judentums, und zwar ein ganz besonders typischer Zeuge von der Wirksamkeit des deutsch-amerikanischen Pioniers im jüdischen Gemeindeleben. Bernhard Felsenthal war am 2. Januar 1822 in Münchweiler in der bayerischen Rheinpsalz geboren. Ursprünglich - für einen praktischen Beruf bestimmt, besuchte er die Gewerbeschulen in Kaiserslautern und München, wandte sich jedoch sodann dem Lehrberufe zu und bekleidete eine Lehrerstelle in seiner Heimat. Wie viele seiner Landsleute ergriff ihn das Amerika-Fieber der Reaktionszeit, und 1854 wanderte er nach Amerika aus. Seine Absicht war es, sich dem geschäftlichen Leben zu widmen, aber die Neigung zum Studium und die Schwierigkeit, für einen im Geschäfte ganz unerfahrenen jungen Mann den richtigen Platz zu finden, bestimmten es anders, und er wurde „Minister", wie man hier sagt, einer kleinen Gemeinde in dem Städtchen Madisohn im Staate Indiana, eine Stelle, welcher der des Lehrers und Predigers kleiner deutscher Gemeinden entspricht. Im Jahre 1858 ging er nach Chicago, das damals eine Mittelstadt von etwa 40 000 bis 50 000 Einwohnern war und eine mäßig große jüdische Bevölkerung hatte, die, wie das mehr oder weniger in allen amerikanischen Städten der Fall war, sich in zwei Gemeinden spaltete, von denen die 1847 gegründete Gemeinde Musste Mayriw“, später mehr grammatikalisch „Anshe Maarab“ genannt, dem aschkenasischen, und die 1852 gegründete Gemeinde „6ene Sholom“ dem polnischen Ritus folgte. Die Reform war in den fünfziger Jahren sehr mächtig in den von Deutschen gegründeten amerikanischen Gemeinden, nachdem sie zuerst in der ursprünglich sefardischen Gemeinde von Charleston, Südkarolina, 1842 begonnen hatte. Merzbacher in New Aork, Wise und Lilienthal in Cincinnati, und etwas später die aus Deutschland schon als Vorkämpfer des Reformgedankens herüberberufenen Rabbiner Samuel Adler und David Einhorn kämpften' für das Prinzip einer Umgestaltung des Kultus, die dem unter so gänzlich geänderten Bedingungen Heranwachsenden jungen Geschlecht das religiöse Erbe der Väter erhalten sollte. Felsenthal war der Pionier dieser Bewegung in Chicago. Als Buchhalter in ein Bankhaus eingetreten, verband er sich mit mehreren gleichgesinnten Freunden,' die am 20. Juni 1858 einen „Reformverein,,'