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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
Seite 125 (sequence 7)
Language
German
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Und Literaturvereine! Wer lacht da? Was soll denn diese neumodische Erfindung Berliner Rabbiner und Gelehrten! Wir haben unsere Volksbildungs-, Gewerbe-, Bürger- und kaufmännischen Vereine, in welchen wir mit angenehmen christlichen Mitbürgern so häufig zusammenkonnnen. Und da sollen wir mit Juden uns abschließen? Außerdem was interessieren uns Maimonides, Moses Mendelssohn, die Gaonim und Exilarchen? Bei dieser Interesselosigkeit wird es wohl nicht mehr lange dauern und die von unseren Vorfahren so innig begehrten und als höchste Auszeichnung erstrebten Ehrenämterin der Gemeindeverwaltung werden aufgehoben und dafür ein bezahlter Verwaltungsbeamter angestellt werden müssen; klingt es nicht wie ein Märchen, wenn erzählt wird, wie eine echt jüdische Frau, die infolge ihres hohen Alters lange Zeit bettlägerig war, ihren Sohn benschte, der eben als neugewählter Gemeindevertreter von der Wahl heimkehrte? Galt es nicht als besondere Empfehlring, wenn man dem Heiratskandidaten sagen konnte: Der Vater ist Vorsteher der Gemeinde in N.? Und heute! — Da ich mit der Erinnerung an den Auszug aus Aegypten diesen Brief begonnen habe, will ich auch mit einer solchen schließen. Was der phantasievollste Humor, der beißendste Spott vorgeführt hat, das ist in Wirklichkeit hier im Osten geschehen: die Mazzefabriken haben sich zu einem Trust znsammengeschlossen und diktieren den Konsumenten die Preise. Eine hohe Konventionalstrafe trifft diejenigen, die unter dem vereinbarten Preis verkaufen. Das ist kein schlechter Scherz, sondern Tatsache. Nun kann man ja im allgemeinen den Produzenten es nicht verargen, wenn sie in Rücksicht auf die erhöhten Herstellungskosten einen Ausschlag auf die Ware verlangen. Indes ist die Preisfestsetzung des Mazzesyndikats weit höher als erforderlich. Und was wird die Folge sein? Der Konsum, der ohnedies von Jahr zu Jahr abgenommen hat, denn auch „das Brot des Elends" hält man hier im Osten — nähe dem Reiche Väterchens — für einen veralteten Zopf, wird noch mehr abnehmen, und so hat das Syndikat in unkluger Weise sich selbst geschadet. Ich betone nur im Sinne der Herren Fabrikanten den geschäftlichen Standpunkt, denn daß die Herren auch die religiöse Seite bei ihrem „Geschäfte" bedenken, ist wohl nicht zu verlangen. Was liegt ihnen denn auch daran, daß diese sinnigste Erinnerung an den Auszug ans Aegypten, an die geistige Befreiung unseres Volkes aus finsterem Aberglauben und Götzendienst in den jüdischen Häusern schwindet! Wie sagte doch jener fromme Gelehrte: „Es ist sehr schwer, ein Jude zu sein, noch schwerer aber, ein Jude zu bleiben. Aber auch das ist zum Guten. Denn wäre es so leicht, dann wollte ein jeder ein Jude sein!" Lriek aus Men. Essen a. d. Ruhr, 1. März, m 26. v. M. waren hundert Jahre verflossen, seit unser Gotteshaus feierlich eingeweiht und damit ein neuer Mittelpunkt für die Gemeinde, deren Anfänge bis ins Mittelalter nachzuweisen sind, geschaffen wurde. Dem feierlichen Anlaß entsprechend nahinen die Festlichkeiten im Gotteshaus und im Gemeindesaal einen weihevollen Verlauf. Beim Sabbatgottesdienst am 22 v. M., der durch schöne Choreinlagen ausgezeichnet war, predigte unser Rabbiner Dr. Samuel über Ezechiel 87,27 und nannte die Synagoge eine Hochstätte des Gebets, Pflegestätte des Geistes, Pflanzstätte des Guten. Das Gebet, sagte er, hat die Kraft in sich, die inneren Schranken der Einzelseele wie der Volksseele zu durchbrechen. Es nmß frühzeitig gepflegt werden, Herzens- und Familienangelegenheit sein, um dann im Gotteshause seine Triumphe zufeiern. Die Lehre suchte im Judentum, abgesehen von ganz düsteren Zeiten, immer noch den Ausgleich zwischen weltlichem Wissen und religiöser Ueberzeugung; selbst das Wort veraseba für Predigt stellt diese nicht als abgeschlossene Wahrheit, sondern als Suchen und Forschen hin, das frei von der persönlichen Suggestion eines Priesters und dem geisttötenden Zwang starrer Dogmen sein sollte. Die sittliche Tat aber blieb die Blüte der Religion seit den Zeiten der Propheten. Soviel Namen die Not annahm, soviel Namen führten jüdische Wohlfahrtseinrichtungen. Mit Gebet und Segen schloß der Prediger. Für den am Dienstag den 25. v. M. folgenden Festabend hatte der Vorstand einen bescheidenen Rahmen vorgesehen, besonders im Hinblick auf die bevorstehende Grundsteinlegung und demnächst zu erwartende Einweihung der neuen Synagoge. So hatte man auch keine Einladungen an staatliche und städtische Behörden ergehen lassen. Aber unter der Hand erweiterte sich das Fest zu einer großen, herzerh eben den Volksfeier. Der in Grün und Gold prangende Saal des jüdischen „Kasino" war bis auf den letzten Platz gefüllt; an zwei langen Tafeln saßen die Ehrengäste, die Vorsteher und Delegierten fast aller hier wirkenden Humanitären und Bildungsvereine. Nach Begrüßungsansprachen der Herren Kommerzienrat Hirschland und Kanzleirat Hirsch hielt Herr Dr. Samuel die Festrede. Wie der junge David, so mußte sich die Gemeinde im vorigen Jahrhundert gegen so manchen Goliath rüsten, einzig gewappnet mit dem Namen des Ewigen der Heerscharen. Die Geistes- und die Naturwissenschaften wuchsen sich auf ihrem Siegesläufe leider auch zu Gegnern der Religion und deren überlieferter Formen aus: die historisch-literarische Schule, deren jüdischer Vertreter Leopold Zunz zu bauen und zu pflanzen verstand, gelangte in christlichen Vertretern bei Zersetzung und Zersetzung des biblischen Schrifttums an; die Natursorschung glaubte zuletzt mit einer bis ins äußerste getriebenen mechanischen Welterklärung Gott aus der Welt stoßen zu können. Dazu kamen die judenfeindlichen und auf der anderen Seite die sozialethischen Strömungen, beide, wenngleich aus sehr verschiedenen Gründen, den schwankenden Elementen im Judentum gefährlich. Denn diese gingen entweder in das Lager der herrschenden Kirche über oder traten außerhalb jedes religiösen Bekenntnisses. Die gebildeten jüdischen Kreise zurück zu gewinnen, muß daher das erste Bestreben sein; hat doch die Synagoge gern ihre Angelegenheiten den Männern des Wissens und der Bildung anvertraut und ihrer Führung sich untergeordnet. Der Mahnruf des Professor Hermann Cohen auf dem Frankfurter Judentag, den religiösen Poftulaten, insbesondere der Hochhaltung des jüdischen Gottesbegriffes gerecht zu werden, richtet sich zuerst an unsere durch Bildung und den Besitz zur Führung Berufenen. Daß in der Essener Gemeinde seit den letzten Jahrzehnten gerade Literatur-, Zentral- und Jugendverein so eifrige Pflege finden, 'gibt eine Gewähr für die fortschreitende Heilung der Schäden. Noch muß vieles geschehen; aber der gute Geist der Gemeinde und das zielbewußte Zusammenwirken der maßgebenden Faktoren auf allen bedrohten Punkten verheißt uns den Sieg. — Den Neigen der Begrüßungen eröffnete namens des Frauenvereins die ehrwürdige Witwe des Predigers Moses Blumenfeld, indem sie der 50jährigen Jubelfeier der Synagoge gedachte. Selten sei ein Gebet so sichtbar erhört worden als jenes, das ihr seliger Gatte dereinst an geweihter Stätte für seine Gemeinde gesprochen. Ihr schloß sich als Vertreter der Chewra Herr I. Geldern und für die Armenkommission Herr- Rechtsanwalt Dr. Herzseld an, der in klaren Zügen die Armenpolitik der Gemeinde in Fragen des Wanderbettels, der Erziehung verwahrloster Kinder usw. darlegte. Nun folgte namens der Glückauf-Loge deren Präsident Herr Dr. Mendel, der 300 Mark als allerersten Grundstock zu einer jüdischwissenschaftlichen Gemeindebibliothek überreichte. Denn, so führte er aus, es ist in den letzten Jahren immer klarer hervorgetreten, daß die Heilung des Judentums aus vermehrtem und vertieftem Wissen seines Lehrgehalts entspringen müsse. Glanzpunkte des Abends waren sodann die Glückwunschansprachen der als Ehrengäste anwesenden Herren Rabbiner der größeren Nachbargemeinden Dortmund, Bochum und Duisburg.

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