Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 124 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Das Deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle stellt uns wieder einen Bericht des Atlianeeschulleiters Pisa über die Lage der Juden in Marokko zur Verfügung: Casablanca, 25. Februar 1908. Ich habe die schmerzliche Aufgabe, von einem Unglück zu melden, dessen Opfer unsere Glaubensgenossen von Mzab geworden sind. Am 17. d. M. kamen die Truppen des Generals d'Amade bei ihrem Zug gegen die Mdakras am Fuß der Hügel nahe bei Mzab an. Der Kaid der Kasbah Ben-Ahmed, der volkreichsten des Mzab und die die meisten Israeliten in sich schließt, erklärte den französischen Behörden seine Unterwerfung. Am Tage darauf übten die anderen Bewohner des Mzab Vergeltung, indem sie jene Kasbah ausraubten, die beiden Judenviertel Stein für Stein zugrunde richteten, eine große Anzahl von Israeliten umbrachten und die übrigen wie eine Herde Vieh über die Felder wegführten. Diese Nachrichten sind mir amtlich bestätigt worden. Nach Auskünften von Eingeborenen haben die meisten israelitischen Einwohner jener Kasbah, einige Hundert an der Zahl, sich nach Casablanca gewendet. Eine beträchtliche Zahl soü sich auch nach anderen Kasbahs geflüchtet haben. Ich empfing gestern wieder einen aus 50 Personen bestehenden Vortrupp, von deren Entblößung man sich eine Vorstellung machen kann, wenn man an das Elend denkt, an das die Bevölkerung gewohnt ist, und an die Drangsalierungen, deren Gegenstand sie ganz besonders seit einiger Zeit bildet, sowie an den langen Weg, der bis Casablanca zurückzulegen war. Ich habe für die Israeliten von Mzab dieselben Maßnahmen ergriffen, wie für die Israeliten von Settat: Unterkunft und Unterhalt für einige Wochen, Kleidung, Arbeitsbesorgung für die Männer und allmähliche Verteilung der Familien. Ein drittes Kontingent von Flüchtlingen aus Settat, das am 16. v. M. angekommen ist, brachte die Gesamtziffer auf 315. Wir haben sie alle gekleidet, ihnen Obdach und Nahrung gegeben. Vom 21. d. M. au haben wir angefangen, sie in der Stadt zu zerstreuen, um Raum zu gewinnen für die Unglücklichen, die aus Mzab kommen sollten. Ein erster Versuch, den wir mit zehn Familien machten, bewies uns, daß sie Arbeit und Wohnung finden konnten. Auf diese Weise haben, wir in vier Tagen über 50 Familien untergebracht. Den Nest von etwa 40 Familien werden wir im Laufe dieser Woche versorgt haben. Ungefähr zehn Greise, die zu keiner Arbeit fähig sind, bleiben in der Liste für wöchentliche Unterstützungen, die von Gemeinde wegen an die Armen verteilt werden. Für die Flüchtlinge von Mzab haben wir dieselben Maßnahmen getroffen. Js. Pisa. rÄM Kolrnrr Lrirk. lljährlich um die Zeit, da wir uns vorbereiten, den Auszug aus Aegypten zu feiern, findet auch hier in der Ostmark ein Exodus statt, der freilich nicht in die Freiheit führt, für viele aber als eine Uebersiedlung in ein gelobtes Land angesehen wird. Der Auszug erstreckt sich sowohl auf die Alten wie auf die Jungen, auf die Herren Vorsteher wie auf die Beamten. Beginnen wir mit den letzteren. Nach einer freilich nicht ganz einwandfreien, im allgemeinen aber — soweit sie die sogenannten Kultusbeamten, das ist die Kantoren und Auch-Retigionslehrer betrifft — ziemlich genauen Statistik ist der Stellenwechsel nirgend so groß wie in der Provinz Posen. Es scheint, daß gerade hier unsere „Rasse" — wie unsere Freunde sagen — unverfälscht geblieben ist, die ein Nomadenleben der Seßhaftigkeit vorzieht. Wenn der Stellenwechsel aus Rücksicht auf die Ausbildung und Erziehung der. Kinder oder infolge einer Einkommensverbesserung geschieht, so ließe sich nichts dagegen einwenden. Diese Gründe liegen aber bei kaum 25 Prozent des Stellenwechsels vor, in den übrigen Fällen sind es ganz andere Gründe. Da hat der Herr Vorsteher den Beamten beleidigt, dort hat man ihm nicht genüg Ehre, „Kowed" wie die Herren sagen, angetan, ein andermal will der Beamte auch einmal „predigen", da es ihm in seiner alten Gemeinde an Gelegenheit dazu mangelt, weil derHerr Vezirksrabbiner oder der Lehrer diese Funktion versehen; wieder einer mochte gar zu gern in einer höheren Schule Religionsunterricht erteilen, wozu ihm ja seine Abgangsprüfung im Feilchenfeldschen Hilssseminar (sie) zu Posen berechtigt; flugs bewirbt man sich um eine vakante Stelle. Die Zeugnisse, die von dieser alma mater ausgestellt werden, sind durchweg glänzend, wie natürlich. Der Herr Bewerberrühmt in der den meisten dieser Herren angeborenen natürlichen Bescheidenheit, die alle kennen, welche solche Bewerbungen je gelesen, seine ausgezeichnete Bariton-- oder Sopranstimme, sein glänzendes Rednertalent, das sogar — wie der beigefügte Zeitungsausschnitt bestätigt — in dem Bürgerverein zu Schermeisel lebhafte Anerkennung gefunden hat; ebenso glänzend — so behauptet wenigstens der Herr Bewerber — ist sein pädagogisches Talent als Religionslehrer. Nur selten wird den Bewerbungen ein ebenso glänzendes Zeugnis des Gemeindevorstandes beigefügt. Geschieht dies aber hin und wieder einmal, so ist es sicher, daß der Herr Bewerber nur die Gelegenheit benutzt hat, um in seiner bisherigen Gemeinde eine Gehaltszulage herauszuschlagen. Ist dieser Fall eingetreten, dann zieht er einfach seine Bewerbung zurück; ja selbst eine auf ihn gefallene Wahl nimmt er nicht an, und die suchende Gemeinde hat Kosten, Aerger und Verdruß aller Art. Es ist hohe Zeit, daß dieser gewerbsmäßigen Ausbeutung der Gemeinden durch solche „Geschäftsreisenden" energisch Einhalt geboten wird, und die Bezirks - Synagogenverbände hier im Osten, die ohnedies ein stilles, beschauliches Dasein führen, müssen dergleichen Bewerberunbedingt boykottieren. Aber ich zweifle,' daß dieser Vorschlag angenommen wird, dazu ist das jüdische, in diesem Falle schädliche, .Mitleid „Rachmonus“ zu groß und das Interesse an den Gemeindeangelegenheiten auch zu gering; es wird also bis zum Erlasse des neuen Organisationsstatutes, von dem wir leider immer noch nichts hören, fortgewurstelt. Dieses geringe Interesse zeigt sich ja auch bei dem anderen Exodus, der gegenwärtig stattfindet: das ist die satzungsmäßige Ergänzung der Gemeindevertretung. Die ausscheidenden Vorsteher und Gemeinderepräsentanten lehnen in den meisten Fällen eine Wiederwahl ab;-selbst das deutsche Sabbatgebet des Herrn Kantors, der neben der Bitte für das Wohl des Landesherrn auch den Segen für den Vorstand und die Herren Repräsentanten erfleht, vermag die Streikenden nicht abzuhalten. Es ist ja auch viel zu unbequem, an einem so flotten Geschäststage wie dem Sonnabend sich in Staat zu werfen und in der Synagoge zu „zeigen" und dafür noch mit Spott und Hohn belohnt zu werden, wenn man den einen Balbos, vulgo Gemeindemitglied, als dritten zum Segensspruch vor der Thora aufgerufen hat, der nach seinerganzen sozialen Stellung als siebenter hätte ausgerufen werden müssen, während die vornehmen Geschlechter ins Hintertreffen geraten sind. Sie meinen, sehr geehrter Herr- Redakteur, die Herren Vorsteher hätten doch noch andere Pflichten, als diese kleinlichen Eifersüchteleien zu verhüten? Sie sollen lieber für die jüdische Volks- und Neligionsschule sorgen, für den — Literaturverein? Gott lasse Ihnen Ihren idealen Sinn? Unsere Herren Vorsteher brauchen keine jüdische Volksschule, denn ihre Kinder besuchen die höheren Schulen, sie brauchen keinen jüdischen Religionsunterricht, der nur die von ihnen beklagte Kluft zwischen den christlichen Mitschülern und ihren Lieblingen erweitert, sie brauchen keinen hebräischen Unterricht für ihre Kinder, da sie selber ja so gut ohne Hebräisch auskommen.