Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 123 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir Woche. Berlin, 10. März, ie große Klugheit des Zentrums in politischen Dingen zeigt sich von jeher vor allem darin, daß es allen Ausnahmegesetzen entschieden opponiert, sie mögen gegen wen immer gerichtet sein. Anläßlich der letzten Debatten über das Enteignungsgesetz zeigte sich diese politische Taktik wieder in ihrer vollen Berechtigung; alle Parteien und Richtungen könnten von ihr lernen — vor allem wir Juden! Als Beweis dafür folge hier ein Auszug aus dem antisemitischen „Deutschen Volksblatt" in München, dessen Herausgeber der sattsam bekannte Herr Wenng, Geschäftsführer des Bundes der Landwirte für Bayern, ist: „Wenn man gegen die Polen Ausnahmegesetze machen kann, kann man sie auch gegen die Juden schaffen. Vielleicht wird von antisemitischer Seite einmal der Antrag eingebracht, das Vermögen unserer jüdischen Banken, Millionäre und Milliardäre zu expropriieren. Ein nationales Interesse läge dafür unstreitig in weit höherem Maße als bei dem Antipolengesetze vor." Man sieht, mit dem sogenannten „nationalen Interesse", wie es Antisemiten und Alldeutsche verstehen, läßt sich schließlich jede Art Gewaltpolitik „rechtfertigen". Das hätten selbst die ärgsten Schwarzseher nicht gedacht, daß die Juden schließlich noch in die-Kreise des Modernismus hineingezogen werden würden. Aber es ist charakteristisch für die geistvolle und überzeugende Parole unserer verehrten Gegner: „Alles die Juden!", daß selbst die des Modernismus angeklagten katholischen Theologen schließlich keinen anderen Ausweg finden, als auf den bewährten Prügelknaben der Weltgeschichte loszuschlagen. So hat der Straßburger Theologie-Professor Ehrhardt infolge der Androhung der Kurie in feiner reumütigen Erklärung und Rechtfertigung dem Judentum einen Stoß zu versetzen versucht, mit dem er sich wohl die Gewogenheit der maßgebenden Kreise im Vatikan zu erobern glaubte. Er sagte nämlich, sein Auftreten gegen die kirchliche Dogmatik hatte bloß den Zweck, „das Christentum vor einem talmudischen Petrefakt zu bewahren", Was Herr Ehrhardt damit gemeint hat, ist nicht schwer zu erraten. Und ebensowenig wäre es schwer, die gebührende Antwort auf eine solche Herausforderung zn geben. Am wenigsten in diesem Falle; denn der ganze Modernismus ist ja am Ende ein Kampf gegen den Petrefakt. Nur daß dieser im Grunde mit dem Talmudismus nicht das geringste gemein hat und nicht im entferntesten zu vergleichen ist. Aber das schadet ja auch nicht, wenn nur ein Prügelknabe gefunden ist und dadurch ein Ausweg osfensteht. * Die Israelitische Allianz zu Wien sendet uns folgenden Bericht über den Abschluß der Hilfsaktion für die Opfer der Exzesse in Rumänien: In der letzten Plenarsitzung der „Israelitischen Allianz zu Wien" machte der Vorsitzende Herr David R. v. Gutmann die Mitteilung, daß die gemeinsame Aktion der Hilfsorganisationen zugunsten der bei den Exzessen in Rumänien im Frühjahr 1907 geschädigten Juden bereits abgeschlossen ist und die Schlußabrechnungen sämtlicher rumänischen Komitees vorliegen.- Dagegen sei die im Herbst begonnene Hilfsaktion für die aus den Dörfern vertriebenen Familien noch schwebend und es sind an derselben mit je einem Drittel der Kosten beteiligt die „Israelitische Allianz zu Wien", die „Alliance Israelite Universelle'* in Paris und die vereinigten deutschen Organisationen („Hilfsverein der deutschen Juden" in Berlin und „Hilfskomitee für die osteuropäischen Juden" in Frankfurt a. M.). Unabhängig von diesen Aktionen werde das separate Hilfswerk der Wiener Allianz aus eigenen Mitteln geleitet. Dem eingehenden Bericht des Sekretärs Dr. Kaminka über den finanziellen Stand der diversen rumänischen Hilfswerke ist zu entnehmen, daß die Aktion für die Geschädigten insgesamt 584204,85 Kronen erfordert hat, wovon ungefähr die Hälfte durch das Zentralkomitee in Jassy und die ihm unterstehenden Subkomitees in Roman und Vaslni, ferner zirka 235000 Franken durch Herrn Astrue und das Komitee in Bukarest, 87 000 Krönen durch die Filiale der „Israelitischen Allianz" in Czernowitz für die Bezirke Burdujeni und Bucecea zur Verteilung gelangt sind. Eingegangen sind zugunsten der gemeinsamen Aktion für den rumänischen Zentralfonds von der Allianz in Wien 87500 Franken, von der Alliance in Paris 87 500 Franken und vom Hilfsverein der deutsckenJuden in Berlin 58 334 Franken, vom Hilfskomitee in Frankfurt a. M. 29 166 Franken, vom Komitee in London 30 829 Kronen, aus New York vom rumänischen Hilfskomitee 176 591 Franken, aus Philadelphia 19 520 Frcinken, mit Einrechnung der Sammlungen der Komitees in Jassy und Bukarest zusammen in Kronen 614 786,25, so daß die Restbeträge, welche teils bei der Zentrale in Wien, teils in Bukarest vorhanden sind, rund 30 000 Kronen ausmachen. Es wird beschlossen, den Anteil der Wiener Allianz an diesem Saldo dem neuen Fonds zugunsten der vertriebenen Familien zu überweisen und einen dahingehenden Antrag auch den anderen beteiligten Organisationen unter Erstattung eines ausführlichen Berichtes über die abgeschlossene Aktion zu stellen. Der Vorstand nimmt ferner den Bericht des Sekretärs zur Kenntnis, wonach zu Lasten des neuen Fonds an Herrn Astruc zur Unterstützung vertriebener Familien bereits 32 000 Franken überwiesen wurden, für welchen außer den Restbeträgen der früheren Aktion noch die von der Allianz in Wien, von Paris und von Berlin (in Verbindung mit Frankfurt) bewilligten je 22 600 Franken zur Verfügung stehen. Die separate Aktion der Wiener Allianz für die Unterstützung der Flüchtlinge im Frühjahr 1907 sowie für Subventionen an Schulen und gemeinnützige Anstalten hat über 60 000 Franken erfordert, so daß die von Wien für rumänische Zwecke verausgabten Gelder zirka 170 000 Franken betrugen. * Das französische Gesetz über die Trennung des Staates von der Kirche, dem sich bekanntlich nur die Protestanten und die Juden bisher in Ruhe und Frieden gefügt haben, zeitigte nachträglich doch noch einen Fehler, an dem auch die nichtkatholischen Religionsgemeinschaften Anstoß nehmen. Es handelt sich um die von der Regierung beabsichtigte Liquidierung der Kongregationsgüter, die zu einem gemeinsamen Protest der „Gläubigen aller Religionen" führen zu sollen scheint, von dem sich auch die Juden nicht ausschließen dürsten. In einer Zuschrift an den „Figaro" vom 20. Februar, erklärt der Grand- Rabbin Moise Netter, daß auch die Juden von dem beabsichtigten Gesetze hart betroffen würden. „Die sichere Folge dieses Gesetzes — führt Rabbiner Netter unter anderem aus — würde die sein, daß Frankreich nur noch mehr gespalten, der soziale Friede nur noch mehr gestört und eine Versöhnung zwischen den Franzosen hintertrieben würde, und daß schließlich durch dieses Gesetz für jedes künftige Attentat gegen diejenigen „Prinzipien und Rechte ein Präzedens geschaffen würde, welche bisher von der ganzen zivilisierten Welt als heilig und unantastbar gehalten wurden." Wir haben es hier also — bemerkt dazu I. de Narfon im- „Figaro" — mit einem Block der Gläubigen aller Religionen zu tun. „Ich nannte die Protestkundgebung der Protestanten eine Lektion, ein Exempel. Man wird zugeben müssen, daß die Stellungnahme der Protestanten, durch den Protest der Juden vervollständigt, eine Bedeutung und ein Gewicht erhält, das weder die Regierung noch der Senat wird recht ignorieren können." <£>