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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · p. Seite 122

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
Seite 122 (sequence 4)
Language
German
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— — 122 unverhältnismäßig großem Aufwand an Zeit und Geld nur höchst ungeordnete, unsystematische jüdische Wissensbrocken, die sich verflüchtigen, sobald die betreffenden Zöglinge in eine allgemeine Lehranstalt eintreten. Die ökonomischen Zeitverhältnisse und der immer mehr um sich greifende Materialismus erlauben nicht mehr wie vor zwei oder drei Jahrzehnten, die Knaben bis zum 14. oder 15. Lebensjahre das Cheder besuchen zu lassen, aus dem sie, trotz mangelhafter Methode, immerhin nicht unerhebliche Kenntnisse in Bibel und Talmud hinanstrugen und das sie mit gekräftigter und tiessitzender jüdisch-religiöser Gesinnung verließen." Ein neues jüdisches Zentrum ist in Nordamerika entstanden. Ueber die Lage und die Aussichten des orthodoxen Judentums dort läßt sich das orthodoxe Zentralorgan folgendes berichten: „Zunächst müssen wir zu unserem Bedauern das Vorhandensein einer inneren Morschheit der hiesigen Orthodoxie konstatieren. Es fehlt an Begeisterung, an Tatkraft und. was noch schlimmer ist, an Konsequenz und Prinzipientreue. Das Gros der Orthodoxen besteht ' aus Eingewanderten, meist russisch-polnischen Emigranten, die in ihrer neuen Heimat ohne Begeisterung und bloß gewohnheitsmäßig die Sitten ihrer Geburtsländer weiterübem Zwischen Eltern und Kindern gähnt eine weite Kluft, und die letzteren find zum größten Teil dem überlieferten Judentum entfremdet. Die Synagogen mit ihrem ungeregelten und lärmenden Gottesdienst und dem oftmals ungeziemenden Betragen der Besucher, Unsitten, die sie aus den halbzivilisierten Ländern des slawischen Ostens mitgebracht haben, mißfallen dem jungen Geschlecht, welches durch die weltlichen Schulen den Geschmack an schöner Umgebung und ästhetischen Formen gelernt hat. Es wird dem Gottesdienst gegenüber zuerst gleichgültig und wird ihm dann abgeneigt. Dazu kommen die ökonomischen Verhältnisse und die heftige Geschäftskonkurrenz, die zur Sabbatentweihung führen, und der Bruch mit dem praktischen Judentum ist perfekt. Direkte Folgen dieser trostlosen Zustände sind das Sinken der Autorität der orthodoxen Rabbiner, die kaum in ihren eigenen Gemeinden das gebührende Ansehen genießen, und das rapide Anwachsen der Reformer oder vielmehr der Irreligiosität; die indirekten Folgen entziehen sich überhaupt der Beachtung." Werfen wir noch einen flüchtigen Blick nach dem Orient. Von Kairo, wo etwa 16 000 Juden leben, wird berichtet: „Jüdisches Leben herrscht trotz der Größe der Gemeinde in Kairo nur sehr wenig. Tie Mehrzahl ist wenig religiös — man trägt Amulette und hält sein Geschäft am Sabbat geöffnet— und jüdisches Wissen ist so gut wie keines unter der jüdischen Bevölkerung vorhanden. Außer etwa einem Dutzend sogenannter, Chachamim soll es niemand geben, der sich in Kairo mit jüdischer Wissenschaft befaßt. Die Zügend lernt, wie es heißt, äußerst wenig Jüdisches." Der religiöse Mittelpunkt des Orients ist naturgemäß Jerusalem. Zur Verteidigung der dortigen Lämel-Schule gegen den Vorwurf der Orthodoxie, daß die palästinensischen Schulen „Stätten religiöser Zersetzung" geworden seien, ergriff eine Persönlichkeit von zweifelloser Orthodoxie, Oberlehrer Josef Carlebach von Lübeck, der selbst an jener Schule hingebungsvoll tätig gewesen war, in einem andern orthodoxen Blatte das Wort, wobei er unter anderem folgendes ausführte: . „Es fehlt meines Erachtens die genügende Begeisterung, die Hingabe auch für die unbedeutendste aller Mizwoth (religiösen Pflichten). Das liegt in den Verhältnissen mitbegründet. Zunächst ist die religiöse Praxis, die Ausübung der rituellen Gesetze — es mag das paradox klingen — zu leicht; man kennt die Schwierigkeiten und Kämpfe nicht, die wir in Deutschland bei der Heilighaltung fast jeden zeremoniellen Gebotes von frühester Jugend bis ins späteste Alter zu bestehen haben. Zwar zeigen sich viele der großen Versuchung nicht gewachsen und fallen ihr zum Opfer; aber wer sie rühmlichüberwunden hat, dem bringt dieser Sieg auch unschätzbaren inneren Gewinn: er ist gefestigter, er klammert sich mit desto größerer Liebe an den Preis des Kampfes. Bei der Mühelosigkeit und Selbstverständlichkeit des zeremoniellen Lebenswandels verlierest die Gebote viel von ihrem erzieherischen Einfluß, da in ihrer Befolgung sich viel, weniger ethischer Gehorsam gegen den göttlichen Willen und entsagungsfähige Selbstbezwingung dokumentieren. Die Vorsicht, die ängstliche Sorgfalt für die Reinerhaltung der religiösen Eigenart ist weniger notwendig als im-Kulturleben Europas, daher auch weit seltener." „Aber noch bedeutungsvoller ist ein zweites Moment: Das religiöse Judentum zeigt dortzulande meist eine unsympathische Außens eite; es fehlt die Vornehmheit, die Wohlgefälligkeit, die Schönheit bei der religiösen Uebung, die Betonung des ästhetischen Moments bei allen gottesdienstlichen Handlungen, durch die sie im Menschengemüt desto tiefer Wurzel schlagen, durch die sie auf den Uebenden wie auf den Außenstehenden angenehm und gewinnend wirken. Hier rächt sich furchtbar der Mangel der Kultur. Wie die Quartiere der aschkenasischen Juden in und um Jerusalem in ihrer unschönen, form-und schmucklosen Bauart mit den unsauberen, engen, verpesteten Straßen die Sinne des Beschauers beleidigen, wie ihre Sprache ein unreiner Jargon, ihr Denken nicht geordnet und systematisch geschult, ihr gesellschaftliches Auftreten ungeschickt, linkisch, wenn nicht gar abstoßend fürempfindliche Gemüter ist, wie sie in Kleidung, Körperhaltung und, Gebärden, in ihrer gesamten Erscheinung alle äußeren Formen vernachlässigen, so ist auch ihre Art und Weise der Religionsübung gar zu oft durch die Gleichgültigkeit gegen alles Aeußere, durch Vernachlässigung aller Form charakterisiert." Nimmt man hinzu, daß nach der glaubwürdigen Darstellung Carlebachs die zahlreich nach Palästina gekommenen jungen Russen, die sich dort als Lehrer aufgetan, mit ihrer einseitigen Betonung des Nationalen bei offen zur Schau getragener Irreligiosität einen „ungeheuren gesellschaftlichen Einfluß" und einen „besonders tiefen und mächtigen auf die Jugend" erlangt haben, so bekommt man ein eigenartiges Bild von diesem palästinensischen Judentum, in welchem die abendländische Orthodoxie so lange das Ideal der Frömmigkeit und Heiligkeit erblickt hatte. Kehren wir nach Europa zurück und sehen mt§ mit eigenen Augen noch rasch nach den äußeren Erfolgen der Orthodoxie in den deutschen Landen um, so finden wir-zunächst, daß die gehaßte Orgel nunmehr in nahezu alle deutschen Großgemeinden ihren Einzug gehalten hat. Wo noch heftig darum gekämpft wurde, wie in Lissa, Köln, Düffel-' dorf, Straßburg i. E„ Mülhausen i. E., zog die Orthodoxie den kürzeren. Die früher als zu radikal beargwöhnte Lehranstalt für. die Wissenschaft des Judentums ist in neuerer Zeit in erfolgreichen Wettbewerb mit dem altliberalen Breslauer Rabbinerseminar bei der Besetzung der deutschen Rabbinerstellen getreten, und die angesehensten Genieinden holen sich aus diesen beiden Anstalten ihre Rabbiner. Da zur Zeit der Hochflut des Antisemitismus als eine Art Reaktion hiergegen vielfach eine konservativere Strömung durch die deutsche Judenheit ging, wurde sogar hier in Berlin eine Gemeindevertretung mit einer nach dortigen Begriffen konservativen Mehrheit gewählt, die inzwischen längst wieder zur Minderheit geworden ist. Das Gleiche gilt von Frankfurt a. M. und anderen Großgemeinden. Bezeichnend ist, daß von der süddeutschen Orthodoxie in neuerer Zeit sogar Rabbiner, die in Synagogen mit Orgel, gemischtem Chor, Verbot des Tallith, dreijährigem Thorazyklus und dergleichen amtieren, mit weitgehender Toleranz behandelt zu werden pflegen, was man damit entschuldigt, daß jene im Herzen streng konservativ seien und die ernste Absicht hätten, mit den Neuerungen auszuräumen; die Ausführung dieser Absicht oder andernfalls der Rücktritt wird ihnen gar nicht mehr angesonnen. So sehen die vielgefeierten Siege der Orthodoxie in der modernen Welt aus!

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