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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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72. Jahrgang. Nr. II. Berlin, 13. März 1908. Allgemeine eitung des Judentums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. rte dakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner Ir- Ludwig Philixpfon. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgern. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 45/49, 3" richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Kyrrhuslirgr. Berlin, 11. März, enn man die orthodoxen Blätter — und nur diese liest — so könnte man zu der Ansicht gelangen, daß in Deutschland Orthodox wirklich Trumpf sei und daß die Orthodoxie einen förmlichen Siegeszug durch die jüdischen Gemeinden Deutschlands veranstalte. Mehr noch als die Neuorthodoxie hat ein verschwommener und furchtsainer Liberalismus diese Legende ersonnen, die zerstört werden muß. Eine siegende Partei muß vor allem die Jugend für sich haben — die Orthodoxie hat nicht einmal die Jugend ihrer eigenen Richtung für sich. Es ist daher sehr wichtig, über diesen Punkt die Stimmen aus dem Lager der süddeutschen Orthodoxie selbst zu hören. In dem nichtamtlichen Teil des Verordnungsblattes des badischen Oberrats sind diese in dankenswerter Vollständigkeit gesammelt. In einem Frankfurter orthodoxen Blatte wird folgendes Bild von der Jugend in dieser Zentrale der süddeutschen Orthodoxie gegeben: »In Frankfurt, wo es ein Doppelt-Friedhof-Judentum gibt und auch mehrere jüdische Schulen, ist die jüdische Jugend in jüdischer Beziehung verwahrlost. In Frankfurt gibt es eine orthodoxe Realschule. In dieser Schule lernen die Knaben, sage und schreibe, neun Jahre Hebräisch, sieben bis zwölf Stunden die Woche. Beim Verlassen der Schule können die Knaben nicht nur nicht ein Blatt Talmud selbständig „lernen", nicht nur können sie keinen hebräischen Satz niederschreiben, sondern sie verstehen kaum den Sinn der täglichen Gebete. Und das hat zur Folge, daß ein Teil dieser mit trockenem Katechismusfutter vollgestopften Knaben beim Eintritt ins Leben vom Judentum abfallen, zum mindesten nicht produktiv wirken." In einem anderen Artikel desselben Blattes vernehmen wir die Stimme eines Mannes, dem die vorstehenden Ausführungelt zuerst Aerger bereitet, hinterher' aber Anerkennung ob der herzhaften und furchtlosen Bloßlegung vorhandener Wunden abgenötigt haben. Er selbst fügt bestätigend hinzu: „Für mich ist es, wie ja auch für viele ändere Mitglieder unserer Neligionsgesellschaft. von jeher eine sorgenvolle Frage, warum eine so große Anzahl unserer Jugend — trotz unserer erstklassigen Realschule mit ihren vom Judentums begeisterten und in ihrer jüdischen Lebensführung mustergültigen Lehrern — dem orthodoxen Judentum verloren geht, und ich habe mich nie damit trösten können, daß bei uns die Resultate der Jugenderziehung im Vergleiche zu andern orthodoxen Gemeinden sehr günstige genannt werden müssen. Die Tatsache ist unbestreitbar: unsere meisten jungen Leute denken und leben, nachdem sie die Schule verlassen haben, so, wie die jüdischen jungen Leute außerhalb der Religionsgesellschaft denken und leben. Prinzipien. Anschauungen und Gewohnheiten haben sich bald dem Einflüsse des orthodoxen Judentums entzogen, und von hier aus bis zur tatsächlichen Verletzung unserer heiligen Gesetze ist dann nur ein kleiner Schritt." Eng verbunden mit der Frankfurter Orthodoxie ist die zu Fulda. Von dort wird in dem vorerwähnten Blatte berichtet: „In Fulda lebt ein jüdischer Führer in der Person des Rabbiners Dr. Cah n. Dieser achtungsvolle und ehrwürdige jüdische Führer hat sein ganzes Leben in den Dienst des gesetzestreuen Judentums gestellt, sein Leben lang ohne Rast und Ruhe ehrlich und nach bestem Gewissen für seine Sache gearbeitet. Aber auf welche Erfolge kann dieser wahrhaft edle Jude zurückblicken, welche Erfolge seines Wirkens sieht er heute? Die Alten hat er kraft seiner großen Persönlichkeit zu halten gewußt, nicht aber die junge Generation. Heute, nach einem so langjährigen rastlosen Wirken mm sieht dieser selbstlose Führer, wie die Jugend, die er gepflegt und erzogen, von ihm und vom Judentum abfällt. Sein redliches Bemühen war vergebens, fruchtlos seine Arbeit." Von der Orthodoxie in Ungarn, die dort vielleicht die Mehrheit bildet und unter einer eigenen jüdischen Landeskanzlei steht, heißt es in der gleichen Nummer: „Die derzeitige Zusammensetzung der orthodoxen Gemeinden und ihrer Leitungen ist nicht danach angetan, um die Garantie zu bieten, daß die respektiven Vertreter einen solchen Standpunkt einnehmen werden, wie er dem gesetzestreuen Judentum not tut. So unglaublich es für die Uneingeweihten klingen mag, so ist es doch eine Tatsache, daß viele Gemeinden — siehe Großwardein, Preßburg usw. — nicht ausschließlich aus gesetzestreuen Juden bestehen. Noch unnatürlicher und bedauernswerter ist es aber, daß in vielen dieser Gemeinden die Leiter und ein Teil des Vorstandes aus solchen Männern bestehen, die nur Prinzip-Orthodoxe sind, das heißt sie gehören wohl zur orthodoxen Gemeinde, weil sie sich aus irgend welchen Gründen derselben angeschlossen haben, doch in ihrer Gesinnung und Lebensweise sind sie weder gesetzestreue Juden noch konservativ gesinnt." Ueber den stetigen Rückgang ihrer Anhängerschaft in Westeuropa tröstete sich die deutsche Orthodoxie noch vor wenigen Jahren mit dem unerschöpflichen orthodoxen Jungbrunnen in Rußland, dessen sechs Millionen Juden eine unerschütterliche Phalanx der „Gesetzestreue" zu sein schienen. Nun aber gesteht das Zentralorgan der Orthodoxie: „Es gibt für das Judentum gegenwärtig keine wichtigere Frage als die, wie die Gefahr äbgewendet werden kann, in der die Lehre der Thora gerade bei unseren Kerntruppen in Rußland geraten ist." Diese Sorge ist sehr begreiflich, wenn nxan in derselben Nummer folgende Schilderung aus Rußland liest: „Seit einer Reihe von Jahren dem jüdischen Unterrichtswesen nahe stehend, kann ich bestätigen, daß die speziell jüdische Bildung bei uns im argen liegt. Es ist leider so weit gekommen, daß es einem auf traditionell religiösem Boden stehenden Juden in Rußland fast unmöglich ist, seinen Kindern eine zeitgemäße Erziehung im jüdischen Geiste zu geben. Das Cheder, welches in vielen Stücken fast bis. zur Unbrauchbarkeit veraltet ist, gibt seinen Zöglingen bei

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