Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 120 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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120 „Peirek", und sie liest in dem Buche „Zeeno-Ureno". Sie erzählen den Wellen von den Wundern Gottes, jede Welle erhascht ein Wort und eilt davon. Im Winter ist der Fluß mit Eis bedeckt, und das Häuschen ist verschneit, verschüttet von oben bis unten. Durch das mit Eisblumen bedeckte kleine -Fenster starrt das Auge des Fährmanns nach seinem Genossen, dem Flusse, wie er so daliegt, ganz zugedeckt und eingefroren. Der Fährmann schaut und stöhnt. Sie sind beide eingefroren — der Fluß dort unter dem Eise, und er selbst in seinein Häuschen. Und wenn dann das Wasser die Decke zerreißt und wieder auflebt, steigt auch der Fährmann aus seinem winterlichen Grabe, freut sich mit seinem Genossen, der auferstanden ist von den Toten, und teert sein Boot aufs neue. Nachtzeit. Ringsum ist's still. Der Himmel schaut liebevoll auf die Wett herab, wie ein Vater ans sein Hausgesinde. Die Felder sind mit Schnee bedeckt, und die Ufer liegen wie tote Riesen in ihren Leichentüchern da. Aus dem zugefrorenen Fensterchen des Fährmannshauses schimmert ein Lichtschein und dringt irgendwohin in die Wett hinaus. Irgendwo in der Ferne irrt ein Wanderer und erblickt den Lichtstrahl, der ihn zu dem Häuschen führt, wo er Obdach für die Nacht findet. — Noch immer ist's Winter. Alles ringsum ist mit Schnee bedeckt, doch sieht der Herrgott schon aus der Höhe mit klaren Augen herab. Sonnenschein liegt schon über den winterlich grauen Wolken, und die Strahlen durchbohren die winterliche Decke. Auf den Höhen schmilzt der Schnee und bleibt klar und rein; kein Menschenfnß hat dort sein reines Weiß berührt; ganze Bäche geschmolzenen Schnees rieseln vom Berge herab in den halb aufgetauten Fluß. Das Eis auf dem Flusse ist hell und durchsichtig, und das Wasser schaut wie durch eine klare Scheibe hindurch. Bisweilen schnellt ein Fisch empor, schlägt mit dem Schwänze gegen die Eisscheibe, wirft einen Blick auf Gottes freie Welt, und voll Jubel darüber, daß das Wasser, die große Mutter, die beengende Scheibe bald wegstoßen wird, taucht er tief unter die Flut, um den Gefährten auf dem Grunde die freudige Nachricht zu bringen. Alles ringsum ist eins, wie wenn der Schnee es zusammengefügt und miteinander verschmolzen hätte. Alles so klar, so rein und hell — nur ein winziger schwarzer Fleck stört die Harmonie dieser weißen Schneewelt: das Häuschen, das dort einsam iin Tale steht. Chaims Frau geht mit dem Eimer zum Brunnen, der hinter dem Häuschen liegt. Mötzlich erblickt sie in der Ferne Reb Jecheskils Fuhrwerk. Sie erkannte sogleich die Pferde und klopfte ans Fenster. „Chaim, der Kaufmann kommt!" rief sie ihrem Manne zu. „Sehr klug von ihm", antwortet Ehajm. „Nochen paar Stunden, und er HM kein Stück Holz mehr vorgefunden." Und richtig: auf dem schwarzen Wegstreifen zwischen den weißen Feldern jagen die breiten Falben näher und näher heran. Bald hält Notte, der Knecht, mit einem Peitschenknall vor der Tür. Die Gäule sind erhitzt und keuchen schwer. Neb Jecheskil steigt in seinem Schuppenpelz vom Wagen und fragt: „Nun, was machen meine Hölzerchen?" „Wir haben getan, was wir konnten... Wir haben noch nral alles mit Brettern zusammengeklopft, mit Stricken gebunden und mit dicken Seilen am User befestigt. Aber, wer kann wissen? Versucht nur, mit ihr zu spaßen," versetzte Chaim mit einer Handbeweguug, die die Kraft seiner Weichsel an deuten sollte. Chaim trat auf Reb Jecheskil. zu und bot ihm die Hand znm Gruße. Mit gesenktem Kopfechetrat dieser das Stübchen. In dem kleineil, ruhigen Stübchen standen zwei hohe Betten. Bis fast zur Decke hinauf reichten die aufgestapelten Kissen, welche die Federn all der Gänse und Enten enthielten, die Chaims Frau jeden Freitag seit ihrer Hochzeit geschlachtet hatte. Es war die Aussteuer ihrer Geschwisterkinder, die sie vorbereitete. Aus dem kleinen Glasschrank in der Ecke guckten rote Aepfel hervor und verbreiteten in dem ländlichen Stübchen einen angenehmen Duft. Reb Jecheskil nahm am Tische Platz. In seinem Aerger hatte er nicht einmal seinen Pelz abgelegt und blickte zum Fenster hinaus. Noch war es draußen still, nur ein leises Glucksen ließ sich in der Ferne vernehmen. Das bedeutete nichts Gutes. „Herr im Himmel!" rang es sich leise aus Reb Jecheskils Brust hervor. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — H. Rabbinowicz: Letü-Hamiäraseb. Krakau 1907. Selbstverlag. I. Teil. Der Verfasser dieses Buches, Lehrer in Odenheirn in Baden, bietet in demselben eine Anzahl von Reden und Vorträgen, die sich zum Vortrag zu verschiedenen Gelegenheiten im jüdischen Gemeindeleben eignen. Sie sind in einem leichten und guten Hebräisch gehalten, und was die Hauptsache ist: sie sind im besten Sinne des Wortes populär. Historische und ethische Betrachtungen wechseln in bunter Reihe miteinander ab. Den Schluß bilden zwei Trauerreden der Herren Rabbiner Dr. Appel und Pinkutz. In den Kreisen, für die es bestimmt ist, wird das Buch sicher Teilnahme finden. Sxrechlaal. Mannheim, 24. Februar 1908. Sehr geehrter Herr Doktor! 3n dem Artikel „Neuorthodoxie" der vorigen Nummer ist Seite 92 eol. 2 in der Anmerkung Zeile 13 von unten zu „Schein, rabb." hinznzufügen 14,3, ferner soll es Seite 93 eol. 2 Zeile 5 von oben heißen: *nDlP üö Mit hochachtungsvollem Gruß Dr. Steckelmacher. * Verehrliche Redaktion! der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes bringen Sie die Mitteilung, daß sich in Breslau ein jüdischer Handlungsgehilfenverband gegründet hätte. Dies ist jedoch nicht richtig, da der fragliche Verband in Berlin gegründet wurde. Die Tendenz des Vereins ist jüdisch-national und sozialpolitisch mit Ausschluß jeder religiösen oder parteipolitischen. Bestrebung. Der Verband soll gegen den immer mehr um sich greifenden Boykott der jüdischen Angestellten seitens gewisser jüdischer und nichtjüdischer Prinzipale sowie gegen sonstige Mißstände im Handelsgewerbe ankämpfen. Den Mitgliedern steht es frei, sich überdies einem andern Verband anzuschließen, wenn sie dies für notwendig halten. Zuschriften und Beitrittserklärungen sind zu richten an den ersten Vorsitzenden Herrn Hermann Rosenblum, Berlin N. 58, Tresckowstraße 57, I. Berlin, 23. Februar 1908. Lrrichtigung. Nr. 9, @.108, Sp. 2 „Sprechsaal" ist „auch" hinter „Arbeiten" zu streichen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.