Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 119 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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119 gönnten Ruhm für die Vorgänger des Meisters reklamieren. Man muß daran festhalten, daß Mvliere trotz seiner mangelhaften Erfindungsgabe der eigentliche und ausschließliche Ruhm gebührt, weil durch seine Bearbeitung die Stoffe erst zum Welteigentum wurden. Und so muß auch Mendelssohn als der gelten, der zuerst deutsche und jüdische Kultur in sich vereinigt, weil er der erste war, bei dem diese Verbindung nicht nur für sich und wenige andere, sondern für die ganze Judenheit fruchtbar und erfolgreich wurde. Sonst aber muß man anerkennen, daß Freudenthals Mitteilungen über Gumpertz, die bisher unveröffentlichten Briese an Gottsched, die Notizen über seine Tätigkeit in Berlin, die Berichte über seine erste und zweite Verheiratung und über seine Vermittlung bei der Ehe Mendelssohns sehr wichtig und deswegen sroh zu begrüßen sind. Nur muß ich dem Verfasser leider den Ruhm streitig machen, als Erster den letzteren Punkt aufgeklärt und die Briese Mendelssohns an seine Braut zuerst benutzt zu haben. Diese Briese sind nämlich, wie ich nun auch einmal an dieser Stelle konstatieren muß, aus mein wiederholtes Drängen im Jahre 1887 ausgesunden, unter meiner Leitung nach den Originalen abgeschrieben, nach dieser Abschrift, freilich mit manchen Aenderungen, die nicht von mir herrühren, 1892 gedruckt worden. Die Erlaubnis, diese ganze Sammlung herauszugeben, ist mir allerdings nicht gewährt worden, wobl aber wurde mir gestattet, in meinem Buche: „Berlin, geistiges Leben der preußischen Hauptstadt" 1894, manche einzelne Stellen anzusühren, besonders aber in einem Vortrage: „Die jüdische Gesellschaft Berlins im 18. Jahrhundert" davon Gebrauch zu machen. Diesen Vortrag habe ich in den 80er und 90 er Jahren wohl ein dutzendmal in jüdischen Literaturvereinen gehalten und habe ihn dann im „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur" 1898 drucken lassen. In diesem Vortrage sind die Briese Mendelssohns ausführlich charakterisiert; Gumpertz^ Vermittelung bei der Ehe Mendelssohns ist kurz dargestellt, Seite 207; der bei Freudenthal Seite 194 ff. gedruckte Brief ist bei mir Seite 210 zu lesen. Daß einem so belesenen Autor wie Freudenthal dieser ganze Abschnitt unbekannt geblieben zu sein scheint, ist bedauerlich. Schwerer begreiflich ist aber, daß meine gleichfalls ziemlich ausführliche Darstellung in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Band 50, Seite 356—360/ wo auch eine Charakteristik der Episteln gegeben ist, ihm unbekannt geblieben zu sein scheint. Ich kann bei diesem Anlaß nicht umhin, auss neue meinem tiefsten Bedauern Ausdruck zu geben, daß es mir nicht gestattet worden ist, die Briese, die ich seit 20 Jahren in genauer Abschrift mit den Anfängen zu einem größeren Kommentar liegen habe, herauszugeben (der mit gütiger Erlaubnis des Herrn Franz von Mendelssohn in nur 50 Exemplaren veranstaltete Abdruck einer Auswahl ist nicht in die Oeffentlichkeit gelangt und nur einem ganzen kleinen Kreise Verwandter und Befreundeter zugänglich geworden). Mit der Konstatierung dieser Priorität will ich indessen dem fleißigen Verfasser unseres Buches keinen Vorwurs machen und am allerwenigsten die Besprechung mit einem Tadel schließen. Krankt das Buch auch an einer Eigenheit mancher, namentlich jüngerer Historiker, das Rohmaterial nicht genügend zu verarbeiten, so darf es doch als eine sehr tüchtige und fleißige Leistung gerühmt werden. Die Gewissenhaftigkeit der Arbeit und der große Umfang der Kenntnisse des Autors verdienen volle Anerkennung. Eisgang. Von Schal om Asch.*) II*infam für sich allein steht ein Häuschen im Tal, am Ufer der Weichsel, zwischen zwei hohen Bergen, die weit in die Welt hinausragen. Es ist Winter. Gottes Welt ist tief in Schnee gebettet. Wie ein in Leichentücher gehüllter alter Bürgersmann liegt unser Häuschen am Ufer und starrt auf seinen Nachbar, den zugefrorenen Fluß — bis der Fluß wieder zu neuem Leben erwacht. Jetzt ist er tot, in Eis erstarrt und mit einem weißen Bahrtuch bedeckt. Raben tummeln sich auf seiner Oberfläche und durchlöchern die glatte Decke. Bisweilen überschreitet ein Mensch den Fluh. Seine Füße versinken in dem tiefen weißen Schnee. Die Berge zu beiden Seiten des Häuschens sehen wie zwei mächtige Adlersittiche aus, oder wie zwei gefrorene Wolken. An dem Bergrücken empor ziehen sich niedrige, schneebedeckte Bäumchen hin. EinS dieser Bäumchen, ganz in Schnee gehüllt, ist bis aus die Spitze des Berges hinausgeklettert — es steht dort oben ganz einsam und blickt ringsum in die weiße Welt . . . Am User des Flusses, unterhalb des Berges, steht eine Reihe weißer, verschneiter Bäume, wie weiße Wächter, die die mächtige Leiche des Flusses bewachen ... In dem Häuschen wohnt seit Jahren eine Familie, .die ganz für "sich, nur im Verkehr mit ihrem Nachbar, dem Flusse, lebt. Es heißt jetzt „das Haus Chaims, des Fährmanns", wie es vor dreißig Jahren „das Haus Moisches, des Fährmanns" hieß, und wie es in zwanzig Jahren vielleicht „das Haus Davids, des Fährmann", heißen wird. Nur der Name wechselt mit den Jahren —. das Häuschen selbst, der Fluß und das Beiwort „der Fährmann" bleiben unverändert. Der jetzige Fährmann, Chaim, ist ein Mann von fünfzig Jahren, hager und hochgewachsen. Das Gesicht erscheint langgezogen, ebenso der weiße Bart und die hohe, gefurchte Stirn. Er ist ein Kind des Wassers, am Wasser ausgewachsen, und vielleicht'auch dazu bestimmt, im Wasser sein Grab zu finden — oder, wenn nicht im Wasser selbst, so doch in der Nähe des Wassers. Dann wird eine Ueberschwemmung kommen, wird ihn herausspülen aus seinem Grabe und bis nach Danzig mitnehmen, wie es seinem Großvater geschehen ist . . . Ist es nicht schließlich gleich, ob die Gebeine sich mit der Erde oder mit dem Wasser vereinigen? Die Erde ist tot, sie schweigt und bleibt immer aus demselben Fleck; das Wasser fließt, es eilt in die Welt hinaus, es lebt wenigstens . . . Verwandt mit dem Wasser ist er schon lange:.das Wasser braucht alljährlich einen Menschen, und sein Mojschele ist längst mit dem Wasser eins geworden. Wenn der Fährmann am Sabbat nachmittag am User schlummert und das Rauschen der Wellen sein Ohr trifft, dann ist es ihm, als wenn Mojschele mit seinen Gespielen, den Wellen, herbeieilte, um ihn zu wecken. Im Sommer hat Chaim seinen Unterhalt ganz vom Wasser. Die ganze Woche über liegt er in seinem Boote auf dem Flusse, und sein Segel scheidet gleichsam den Himmel von seinem Spiegelbilde... Sabbat. Das Wasser ist fromm, es feiert die Sabbate und Festtage, es liegt ruhig da, und die eine Welle küßt die andere. Chaim und seine Frau sitzen vor der Tür, er liest *) Deutsch von.F. Frisch.