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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
Seite 115 (sequence 9)
Language
German
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notwendig erkannt haben, vorgenommen und konsequent durchgeführt werden. Wir hoffen zuversichtlich, daß dieser Appell an den bewährten Wohltätigkeitssinn unserer Gemeindemitglieder der Gesellschaft eine große Zahl von Gönnern und Freunden zuführen wird, die neben der Gewährung materieller Hilfe auch an den Reorganisationsbestrebungen der Gesellschaft regen Anteil nehmen werden, zum Segen der armen Mädchen, die ebenso wie ihre reichen Mitschwestern ein wohlbegründetes Recht auf Lebensfreude und Mutterglück haben, und zur Ehre des, Judentums, das die Ausstattung und Verheiratung armer Bräute zu den heiligsten und segensreichsten Pflichten des Menschen zählt. A—tz. Heinrich Landauer. enn es uns vergönnt ist, in unserer raschlebigen Zeit, in welcher im steten Wechsel der Verhältnisse alles im beständigen Fluß zu sein scheint, einem Manne zu begegnen, der sich allezeit als zuverlässig und gediegen bewährt hat, so verlohnt es sich wohl, einen derartig ausgeprägten Charakter an einem markanten Wendepunkt seines Lebens auch öffentlich gebührend zu feiern. Heinrich Landauer in Augsburg, -der am 5. d. M. seinen siebzigsten Geburtstag feiert, wurzelt mit seiner ganzen Vergangenheit im streng orthodoxen Judentum; als der älteste Sohn des durch seine strenge Frömmigkeit wie durch seine geschäftliche Tüchtigkeit anerkannten M. S. Landauer in Hürben bei Krumbach im bayerischen Schwaben, hat er eine gediegene Bildung auf universellem Gebiet sich von früher Jugend schon angeeignet, und hat dabei der gründlichen Pflege des religiösen Wissens seine angelegenste Sorgfalt zugewendet. Durch seine genaue Kenntnis der rituellen Gebräuche und sein umfassendes Verständnis für alle Anforderungen auf liturgischem Gebiet erwies er sich als hervorragend geeignet für das Amt des Synagogenvorstandes, zu welcher verantwortungsvollen Stellung sein milder und persönlicher Charakter ihn ganz besonders befähigte. So verwaltet Heinrich Landauer bereits feit 40 Jahren das schwierige Amt des Synagogenkommissars zur Zufriedenheit aller religiösen Richtungen innerhalb der Gemeinde. Das feinfühlige Verständnis für den hohen Wert des Gemeindesriedens betätigt der freisinnige und hochgebildete Mann zum Segen der verschiedenen Zweige der Kultusverwaltung, welchen er mit hingebender Sorgfalt obliegt. Nicht minder beteiligt er sich seit einer langen Reihe von Jahren an den Arbeiten des Augsburger Gemeindekollegiums, in welch städtisches Ehrenamt ihn vor nun bald 25 Jahren das Vertrauen seiner Mitbürger berief. Seinem anerkennenswerten Eifer für das Wohl der Gesamtheit hat auch der Prinzregent von Bayern dadurch Anerkennung verliehen, daß er ihn zum Königlichen Kommerzienrat ernannte. Mit rüstiger» Frische beteiligt sich Heinrich Landauer noch täglich an den Arbeiten der von feinem Vater begründeten großen Weberei, welche er, gemeinsam mit feinen Brüdern und seinen beiden verheirateten Söhnen zu einer angesehenen Weltfirma sich hat entwickeln sehen. An seiner hochgeachteten Stellung und an den schönen Erfolgen derselben hat der edle und für alles Gute empfängliche Familienvater eine eifrige Förderin gefunden in seiner wackeren Gattin, Frau Bettina, geborene Stein, der jüngsten Tochter des als Kanzelredner allgemein anerkannten Rabbiners Dr. Leopold Stein zu Frankfurt a. M.,. einer ausgezeichneten Frau, die alle, welche sie kennen, als das Muster und Vorbild eines jüdischen Weibes in der Gegenwart mit vollem Recht rühmen. So begrüßen wir den edlen Jubilar zu seinem Feste mit den dem seligen Vater M. S. Landauer gewidmeten Versen von Leopold Stein: Schöneres sah ich nie im Leben, Als den Mann von edlem Streben, Der des Glückes Höh' ersteigt, Und dabei des Herrn gedenket, Der die Kraft zum Steigen schenket Und ain Ziel die Palme reicht. Preist, o preist den seltnen Frommen, Der zu solcher Höh' gekommen, Grüße tönen nah und weit: „Freude dir zur Jubelzeit." Lur Gelchichtr der Juden in Lähmen, Mähren und Schlesien. Von Rabbiner Dr. Emanuel Schwartz-Prag. dem Schaufenster der Jakob V. Brandeisschen Buch- -y / Handlung in der Zeltnergaffe liegen zwei starke Quartbände mit grünem Titelblatt, auf welchem die Worte über diesen Zeilen in fetten Lettern gedruckt stehen: Zur Geschichte der Juden in Böhmen, Mahren und Schlesien. Die zwei starken Quartbände mit dem grünen Titelblatt, sie haben schon im vorigen sonnenreichen und staubgesegneten Sommer hinter der schützenden Jalousie hier gelegen. Doch als der heiße Sommer dem kühlen Herbste weichen mußte und die schützende Jalousie kühn und keck in die Höhe springen durfte, da waren auch die zwei starken Quart bände mit dem grünen Titelblatt fort. Sie hatten Platz gemacht, erst den bekannten Requisiten für die heiligen Feste, den Büchlein und Bändlein, den Hörnchen und Häubchen, dem Palmzweig und dem Zedernapfel, und dann dem Chanukaleuchter und den Chanukalichtern. Erst nachdem alle für den Laien so schönen und stillen Festtage vorübergerauscht sind und die wollenen und seidenen Tallesim mit ihren goldenen und silbernen Borten aus dem kunterbunten Schaufenster auf ihr „langes" Winterquartier sich zurückgezogen haben, wagten sich wieder die zwei starken Quartbände mit dem grünen Titelblatt hervor. Sie liegen wieder da an ihrer alten Stelle, gleich vorne dran, als ob sie dem Passanten freundlichen Gruß entbieten, ihre grünen Pfötchen ihm vertraulich entgegenstrecken und ihm rührend ins Ohr raunen wollten: Nimm mich mit! Ja, nimm mich mit, das ist leichter gesagt als getan. Der Kostenpreis macht 20 Kronen. Ein Preis, den der Bücherfreund in unserem „goldenen" Zeitalter, in unseren Tagen sündhaft verteuerter Lebenshaltung nicht leicht aufbringen wird. Ein Preis, den der jüdische Beamte zumal, der mit seinem Gelde ohne Teuerungszulage nicht durchkommen kann, sicherlich nicht erschwingt. Der splendide Herausgeber des teuren Werkes aber, der kaiserliche Rat G ottlieb Bondy, der als Kaufmann und Industrieller mehr als 40 Jahre im öffentlichen Leben sich betätigte — wie es in seinem Vorworte heißt —, er hat nun vor einem Jahre das Zeitliche gesegnet. Und so mag denn zu seiner Jahrzeit gesagt werden, was eigentlich unmittelbar nach dem Erscheinen des Werkes hätte gesagt werden sollen. ... Die Schatten des Mittelalters huschen durch meine stille Klause. Und was war das Mittelalter nicht alles meinem armen jüdischen Volke! Hier in dem dickleibigen Buche vor mir steht es wieder einmal, kurz und knapp, kühl und kalt. Denn es ist nicht die einzige Geschichte des einzigen Volkes,

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