Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 112 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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112 die Führung gehabt hat. Ich kann Beispiele angeben, wo das so arg angefeindete „System Althoff" bei dem Versuche, hochbedeutende jüdische Gelehrte als Ordinarien zu berufen, das konfessionelle Widerstreben der betroffenen Fakultäten nicht zu überwinden vermochte. „Abgesehen von dem Theologischen ist der Konsessionalismus der Todfeind des Universitätswesens", hat einmal Theodor Mommsen geschrieben. Sollte gerade die heutige -Zeit, in welcher konservativer und liberaler Geist durch den Reichskanzler „gepaart" und die politische Intoleranz bei den beiden hauptsächlichen Gegnern gemildert ist, es nicht vermögen, auch der konfessionellen Intoleranz, wenigstens auf dem Gebiete der hehren Wissenschaft und ihrer Lehre, den Lebensnerv zu verkümmern? Wenn die „Kreuzzeitung" vor kurzem in einem Leitartikel. vom Deutschen Flottenverein schrieb: . ... „er darf so wenig im Prinzip zentrumsseindlich sein, wie er antisemitisch sein darf" — sollte diese Mahnung für die amtlichen Vertreter der wissenschaftlichen Heilkunde mutatis mütandis wenig Geltung haben? »fr Die neue Unterrichtsvorlage, die dem englischen Unter- Hause soeben zugegangen ist, war bereits von einem Mitgliede des Kabinetts als kurz, einfach und wirkungsvoll angekündigt worden. In der Thronrede war von dieser Maßnahme der Regierung gesagt, daß sie die Bedingungen regeln solle, unter denen künftighin öffentliche Gelder zur Förderung des Elementarunterrichts in England und Wales und für andere verwandte Zwecke Verwendung finden soll. Die beiden wichtigsten Neuerungen, die die Vorlage bringt, bestehen darin, daß die öffentliche Kontrolle der Elementarschulen durch Körperschaften ausgeübt werden soll, die von der Bevölkerung der Gemeinwesen gewählt werden, und daß die Berufung und Anstellung der Lehrer von der Ablegung einer Prüfung in der Religion nicht abhängig gemacht werden soll. Die sogenannten „freiwilligen Schulen" sollen nicht länger auf die aus den Leistungen der Gemeinden hervorgehenden Geldmittel Llnspruch haben, sondern in ihren Einnahmen auf die Zuwendungen aus der Staatskasse angewiesen sein, die demgemäß erhöht werden müssen. In anderen Fällen sollen die freiwilligen Schulen überhaupt verschwinden und in öffentliche Elementarschulen umgewandelt werden. Endlich ist vorgesehen, daß Eltern und Erzieher außerhalb der Schule ihren Kindern und Zöglingen einen konfessionellen Religionsunterricht erteilen lassen dürfen. Schon aus dieser kurzen Inhaltsangabe geht hervor, von welcher Bedeutung das neue Schulgesetz für die englischen Juden sein kann. « Erst jetzt wird es bekannt, daß ursprünglich bei der Ausarbeitung der Bestimmungen für die russische Reichsdumä geplant wurde, die Juden von der Teilnahme an den gesetzgeberischen Arbeiten auszuschließen. Dank aber der Stimme Europas hat man von diesem Schritt abgesehen. Die Juden wurden endlich als vollberechtigte Bürger angesehen und die Türen des russischen Parlaments wurden ihnen geöffnet. An den Arbeiten der ersten Duma haben sie sich emsig beteiligt. Sie waren in großer Anzahl vertreten und bildeten sogar eine selbständige jüdische Partei. In der zweiten Duma löste sich die ursprünglich jüdische Partei unter den anderen Linksparteien auf. Infolge des Gesetzes des 3./16. Juni 1907 ist den Juden der Zutritt zum verzauberten Taurischen Palais so gut wie versagt worden. Im ganzen sind ihrer zwei, von denen einer, Herr Nisselowitsch, sich hervorgetan hat. Die Patrioten in der „Herrenduma" aber sind auch mit diesen zwei recht unzufrieden. — „Es sind eben doch Verräter, die man zu den Kommissionsarbeiten des Staatsschutzes nicht zulassen darf." Ein Abgeordneter aus dem Lager der Rechten machte den Juden zum Vorwurf, daß sie sich der Militärpflicht entziehen. An der Hand von Daten wies Herr Nisselowitsch diese Anklage zurück. „Nach den statistischen Angaben der allgemeinen Volkszählung für das Jahr 1897 bilden die Juden 4.13 Prozent der ganzen Bevölkerung Rußlands. Wenn wir dieses prozentuale Verhältnis mit den Militäraushebungen im Jahre 1902 und 1903 vergleichen, so ergibt sich, daß die Juden eine viel größere Anzahl von Rekruten lieferten, als von ihnen verlangt wurde. Folglich Juden Im Jahre 1902 Christen und Juden nach dem Prozentsatz von 4,13 In Wirk, lichkeit Unterschied wurden einberufen 1 017 267 42 013 56 632 + 14 349 ausgehoben .... Im Jahre 1903 318 745 13 164 19 705 + 6 541 einberufen ..... 1 053 572 43 512 58 635 4- 15123 ausgehoben .... 320 832 13 250 19 911 H- 6 661 Herr Nisselowitsch zitierte ferner einige Zeilen aus der Feder des Kriegskorrespondenten der „Nowoje Wremja" selbst, Herrn Taburno, der unter dem Titel „Wahrheit über den Krieg" folgendes Lob den jüdischen Soldaten ausstellte: »Im gegenwärtigen Krieg (gemeint ist der russisch-japanische) gibt es nicht wenige von ihnen (Juden), die sich ebenso als vorzügliche wie tapfere und heldenmütige Soldaten gezeigt haben. Nicht wenige unter ihnen haben das Georgienkreuz erhalten; es gibt manche, die sogar zwei und drei errungen haben, und diese Kreuze sind ihnen nicht von den Vorgesetzten, sondern von den Mannschaften selbst zuerkannt worden. Und wie liebten die anderen Soldaten diese Juden." - Alle diese Beweise helfen aber nichts. Der Jude wird doch verbrannt. Vor allem in Odessa! Dort erschienen vor einigen Tagen sämtliche Rabbiner der Stadt zum zweiten Male vor dem General Tolmatschew, der gleichzeitig Generalgouverneur und Präsekt Odessas ist. Der Generalgouverneur hielt ihnen eine längere Rede, deren wichtigster Punkt der war, daß er die Rabbiner ermahnte, ihren moralischen Einfluß nach Möglichkeit zu benutzen, um die jungen Juden von Odessa in Ordnung zu halten, damit diese sich von allen revolutionären Gruppen und verbotenen politischen Parteien absolut sernhielten. Den Rabbinern selbst sprach er seine Anerkennung für ihr stets richtiges Verhalten und ihre Treue zu dem Zaren und dem Vaterlande aus. Der englische Korrespondent, der diese Meldung macht, fügt hinzu, daß für diese besonderen Appelle des Generalgouverneurs und Präfekten „an die jüdische Geistlichkeit" absolut keine Veranlassung - vorliege und daß die Appelle zweifellos einen falschen Eindruck machten und mehr oder weniger ausreizten, weil sie stets von dem „Schwärzen Hundert" ausgenützt würden und dadurch die ruhigen Juden in persönliche Gefahr brächten. Die Lage in Marokko verwickelt sich immer mehr Das Deutsche Bureau der Alliance IsraSlite Universelle stellt uns nachstehenden Bericht des Allianceschulleiters Pisa zur Verfügung: Casablanca, 13. Februar 1908.' In Ergänzung meines Schreibens von 9. Februar teile ich Ihnen mit, daß 30 neue Flüchtlingsfamilienaus Settat gestern hier eingetroffen sind. Ihr Zustand war ebenso kläglich wie der des Zuges vom 9. Februar. Die Zahl der Flüchtlinge ist nun auf 255 gestiegen. Männer, Frauen, Kinder. Die neu angekommenen 30 Familien hatten während des Bombardements der Kasbah Settat nicht verlassen wollen. Aber aus Furcht vor einem erneuten Angriff der Araber entschlossen sie sich, den französischen Truppen bis Casablanca zu ' ' -r.. ' V