Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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72. Jahrgang. Nr. 9. ,E. Veilsge zur „Alkgemrinen Leitung deß Judentums. SorrelpondenHrn und Mgchrichtm. Deutschland. 8. Berlin, 25. Februar. Das 25. Stiftungsfest des akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur nahm einen glänzenden Verlauf. Am Mittwoch den 19. d. Mts. fand im Kreise der Vereinsbrüder die Einführung des neuen Ehrenmitgliedes Dr. G. Karpeles und die Begrüßung der auswärtigen Mitglieder statt. Donnerstag waren in Kellers Festsälen in der Köpenickerstraße über 1900 Damen und Herren zum festlichen Kommerse versammelt. Der Präside M. Graetz eröffnete den Kommers mit dem Kaisertoast und begrüßte die Versammlung, besonders die Ehrenmitglieder. Professor Dr. Philippson und Dr. G. Karpeles, sowie die zahlreichen Ehrengäste (außer den Rednern waren darunter: Dozent Dr. Baneth, Rabbiner Dr. Eschelbacher, Amtsgerichtsrat Meyer und andere). Die Festrede hielt A. H. Dr. Kellermann; er zeigte in packenden und tiefdurchdachten Worten, daß der „A. I. G. V." entgegen der üblichen Geschichtsauffassung: „Ohne Vergangenheit keine Gegenwart, ohne Gegenwart keine Zukunft," getreu seiner Devise „grün, weiß, rot, Hoffnung, Frohsinn, Wissenschaft" auf dem richtigen Wege sei, indem er sagte: „Ohne Zukunft keine Gegenwart, ohne Gegenwart keine Vergangenheit." A. H. Zahnarzt M. Lipschitz ergänzte diese Darlegung der Ziele des Vereins, indem er einen geschichtlichen Rückblick auf Entstehung und Entwicklung des „A. I. G. V." warf und dabei insbesondere die Verdienste des Verbandes der „A.H.A.H." gedachte, als dessen Vorsitzender er sprach. Der Preis von 699 Mark für die Bearbeitung des Themas: „Die Ethik der Propheten" .konnte leider nicht erteilt werden; die drei eingereichten Arbeiten wurden von den Preisrichtern nicht für würdig erachtet. Lipschitz überreichte dann als Geschenk des Verbandes mehrere wertvolle Bücher für die Bibliothek. A. H. Dr. Loewenthal sprach im Namen der Vereinsschwestern und übergab als Dedikation derselben einen Bibliotheksschrank. Der ,,A. W. V." dedizierte einen goldenen Fahnennagel. Professor A. Philippson sprach im Namen des „D. I. G. B." und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums und als Ehrenmitglied der „A. I. G. V.", in gleicher Weise Ehrenmitglied Dr. G. Karpeles im Namen des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur. Stud. Chraplewski 'toastete auf die „A. H. A. H.", der Vertreter der „F. W. V." in deren Namen; Dozent Dr. Elbogen sprach die Glückwünsche der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Dr. Salzberger die der Hörer aus. Dr. Joseph Levy überbrachte die Wünsche des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Amtsgerichtsrat Meyer die der Großlogen und A. H. Rechtsanwalt Dr. Levy gedachte der Damen. Fröhlicher Gesang, launige Reden und eine von A. H. Zahnarzt Dallmann verfaßte Mimik hielten eine zahlreiche Korona bis zum frühen Morgen zusammen. Eine von A. H. Dr. Julius Cohen herausgegebene „Geschichte des A. I. G. V." wurde allen Teilnehmern des Kommerses überreicht. Freitag vereinigte die „A. I. G. V." wieder ein Frühschoppen und gemeinsames Mittagbrot. Sonnabend veranstaltete der Verband der „A. H. A.H." ein Festessen und Ball im „Logenhaus", Joachirnsthalerstraße. Es waren über 299 Personen anwesend. Das Fest verlief unter Reden, Gesang und Aufführung in der schönsten Weise. Die zahlreichen Teilnehmer an all diesen festlichen Veranstaltungen find der Ueberzeugung geworden, daß im „A. I. G. V." ein ideales Streben nach seinen Zielen und echt studentischer Sinn leben. s. Berlin, 19. Februar. Einer großen Anzahl von Berliner Wohltätigkeitsanstalten sind durch das Ableben des 81 jährigen Rentners Albert Meher größere Stiftungen zugefallen. Der Verstorbene entstammte mit seiner vor drei Jahren verschiedenen Gattin Dorothea, geborene Flatau, einer bekannten alteingesessenen Berliner Familie. Das kinderlose Ehepaar hat sein gesamtes Vermögen wohltätigen Anstalten zugewandt. Hervorzuheben ist eine selbständige Stiftung zur Ausbildung bedürftiger jüdischer Knaben für das Kunsthandwerk und die technischen Wissenschaften, eine Stiftung zur Erziehung jüdischer Waisenmädchen in Familien mit einer originellen Klausel: dem Ausschluß ihrer Ausbildung für den musikalischen Beruf. Auch der „Verein junger Kaufleute", der „Verein Berliner Ferienkolonien", das „Kaiser und Kaiserin Friedrich- Krankenhaus" sind bedacht. Die Verwaltung der Stiftungen erfolgt durch ein Kuratorium, an dessen Spitze der Stadtverordnete Rechtsanwalt Dr. Ludwig Flatau, ein Neffe der Stifter, steht. Kp. Aus der Provinz Posen, im Februar. Geheimer Kommerzienrat Aronsohn in Bromberg hat dem dortigen Diezschen Waisenhause eine-Spende von 499 Mark überwiesen. — Kaufmann Kronheim in Bromberg hat dem Magistrat in Friedheim 109 Mark für die dortigen Armen ohne Unterschied der Konfession gespendet. — Der Oberpräsident zu Posen hat den Protest gegen die Repräsentantenwahl in Ostrow o zurückgewiesen. Nach der erfolgten Einführung der Repräsentanten ist kürzlich Mühlendirektor Jakob Kraus köpf zum ersten Vorsteher der Synagogengemeinde und Rechtsanwalt Gold sch mi dt zu dessen Stellvertreter neugewählt worden. — Das N. Borchardtsche Ehepaar in Gastrow beging neulich das Fest der goldenen Hochzeit. — In Wronke ist neulich im Alter von 65 Jahren der Kaufmann Jsak Löwen heim gestorben. Derselbe hatte sich viel den jüdischen Interessen gewidmet und gehörte unteranderem über 29 Jahre hindurch dem Vorstand des jüdischen Krankenpflege- und Leichenbestattungsvereins an. — In Ar gen au ist Kaufmann Max Peyser zum ersten Vorsteher der Synagogengemeinde daselbst neugewählt worden. — Lehrer Mago lius in Krotoschin beging kürzlich unter zahlreicher Ehrung sein 25jähriges Amts- und Ortsjubiläum. — Zum ersten Vorsteher der Synagogengemeinde in Lobsens ist Kaufmann Samuel Pinkus gewählt worden. — In der Hauptversammlung des israelitischen Frauenvereins in Lobsens ist der bisherige Vorstand wiedergewählt worden. Die Einnahmen betrugen im letzten Jahre 172 Mark und die Ausgaben 168 Mark. Das Gesamtvermögen des Vereins beziffert sich auf 1955 Mark. 2. Dessau, 19. Februar. „Die Herrlichkeit des zweiten Hauses wird größer sein, als die des ersten." Dieses Wort kann man auf den am gestrigen Tage seinen Bestimmungen übergebenen neuen Tempel der hiesigen Gemeinde sagen. Fast zweihundert Jahre diente das Gotteshaus in der Schulstraße als Stätte der Andacht, des Gebetes und der Belehrung. Einst mit fürstlicher Unterstützung gebaut, sah es den Knaben Moses Mendelssohn oft in seinen Mauern, hier lehrte David Fränkel, hier predigte zuerst Josef Wolfi in deutscher Sprache und ohne zu übertreiben kann man die Geschichte der Dessauer Synagoge ein Stück Kulturgeschichte der deutschen Juden nennen. Der gewaltige Aufschwung von Handel und Industrie machten sich auch im Wachsen der israelitischen Gemeinde geltend. Für die Festtage war die alte Gebetstätte nicht mehr ausreichend. Doch war es der Gemeinde nicht schwer, die nötigen Mittel zur Errichtung eines neuen würdigen Gotteshauses flüssig zu machen. Die hochherzige Baronin von Cohn-Oppenheim gab als Grundstock eine bedeutende Summe. Es ist im Anhaltlande traditionell, daß das Fürstenhaus keine Gelegenheit unbenutzt läßt, den jüdischen Bürgern zu zeigen, daß sie diese den andern gleichstellt und gleichachtet. So erschienen mit dem Landesherrn Herzog Friedrich und seiner Gemahlin sämtliche in Dessau anwesenden Prinzen und Prinzessinnen, der Staatsminister mit allen Mitgliedern des Regierungsköllegiums, der Oberbürgermeister und die Stadträte, der Präsident des anhaltischen Landtages, die Stadtverordnetenvorsteher, Vertreter der protestantischen und katholischen Geistlichkeit, Vertreter der anhaltischen Gemeinden nebst ihren Lehrern und viele andere. — Die hohen Herrschaften wurden um 12 Uhr von den Vorstehern, Geh. Kommerzienrat Sonnenthal, Kommerzienrat Tnchmann und Höf-