Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 108 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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„Mein Vater ist Rabbiner in Ryncszow." „Ich nehme Sie, sobald mein Vater nur will", sprach Jittel/ Sie ging hinauf in die Küche, und der Feldwebel ging hinein zu dem Prostek und bat ihn um die Hand seiner Tochter. . „Wie ist Ihr Name? fragte dieser. . „Juor Aschersohn." „So muß ich Ihnen sagen, Herr Aschersohn," fuhr Amster Löbl Regenstreis fort, „daß ich meiner Tochter keine Nedan') und auch keine Aussteuer nicht geben kann. Was ich habe, das sehe ich als ein von Gott geliehenes Gut an, das ich für die Armen vermalte und dafür einen kleinen Nutzen genieße. Eine gute Erziehung habe ich gegeben meinen Kindern, das ist alles, was ich Ihnen mitgebe." „Ich nehme Ihre Jittel so, wie sie ist, ohne jeden Groschen." Noch denselben Abend wurde die Verlobung gefeiert. Den nächsten Morgen marschierten die Soldaten weiter. Bald kam ein Brief von Juor Aschersohn aus Lemberg. Jittel beant> wortete ihn. Es entspann sich eine ziemlich lebhafte Korrespondenz. Der Prostek las jeden Brief, der da kam. „Ich habe nicht gefragt, ob er reich ist," sagte er, „aber ich sehe, Jittel, daß Du einen guten und braven Mann bekommst." So war ein Jahr und mehr vergangen, da fuhr eines morgens ein Schlitten in den Edelhos zu Winkowze, und aus demselben stieg ein schöner Mann in einem prachtvollen Zobelpelz. Es war Juor Aschersohn, der seinen Abschied erhalten hatte und gekommen war, um seine Braut zu holem Beim Mittagessen, nachdem er lange genug gewartet, daß man ihn frage und der Prostek nicht im entferntesten daran dachte, es zu tun, begann er lächelnd: „Und Sie fragen nicht, Herr Regenftreif, ob ich auch die Mittel habe, eine Frau zu erhalten?" „Sie sind ein unterrichteter Mann, was brauche ich mehr zu wissen!" „Es wird Ihnen aber doch nicht unangenehm sein, daß ich ein reicher Mann bin," sagte Juor Aschersohn, „ich bin der einzige Sohn meines Vaters und habe überdies von meinem Oheim ein Haus in Ryncszow geerbt." „Aufrichtig gesagt," erwiderte Amster Löbl Regenstreif, „wäre es mir lieber, Sie wären nicht so reich. Ich fürchte mich vor so einem Glück, wie es meine Jittel gefunden hat." Er ging nach dem Essen still hinaus und ging durch das Dorf. Da fand er vor der Hütte ein armes Judenmädchen sitzen, das bitterlich weinte. „Was weinst Du doch," fragte er, „kann ich Dir nicht helfen?" „Wie soll ich nicht weinen?" erwiderte daß Mädchen, „denn ich habe einen Mann von ganzem Herzen lieb und kann doch nicht seine Frau werden, weil ich so arm bin." „Gleich hörst Du mir auf zu weinen!" rief Amster Löbl Regenstreif, „wozu bin ich denn da? Du sollst heiraten und von mir sollst Du haben die Aussteuer." Als er nach Hause zurückkehrte, war er wie ausgewechselt; sein gutes, ehrliches Gesicht strahlte, und seine Augen leuchteten schalkhaft. „Ich sehe doch, daß Gott mich lieb hat," sprach er, „hat er mir geschickt so ein großes Glück, einen braven unterrichteten und reichen Mann für ineine Jittel, hat er mir auch gleich geschickt ein armes Mädchen, dem ich kann geben die Aussteuer, und so ich kann geben Maaßer, fürchte ich mich auch nicht mehr vor dem Glück." Er ist jetzt ruhig, wenn auch die schöne Jittel . in einer Kazabeika mit Zobelpelz in ihren reich geschmückten Zimmern *) Mitgift. einhergeht und in einer schönen Equipage durch die Stadt fährt. Die Ehassidim aber zucken lächelnd die Achseln und' sagen: Er ist und bleibt ein Prostek! Sprechlaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! estatten Sie mir noch ein drittes Mal hier das Wort zum Moses Mendelssohn-Denkmal zu nehmen und meiner „gelinden" Verwunderung über den „Ausruf zur Errichtung eines Denkmals für Moses Mendelssohn", der mir heute zugegangen ist, Ausdruck zu geben. Der Aufruf sagt nichts „über die Ausführung des Werkes", sondern verweist dafür auf „die öffentlichen Blätter, die zur Zeit das Nähere berichten" werden. Die Ausführung des Werkes setzt die Entscheidung über den Platz für das Denkmal voraus, und wenngleich der Aufruf darüber schweigt, so unterliegt es doch keinem Zweifel, das; man nach vorübergehender besserer Einsicht zu dem ursprünglichen Beschluß zurückgekehrt ist, das M o s e s Me n d e l s s o h n-D e n k m a l in einen Winkel zu verbannen. Mit diesem Beschluß in Uebereinstimmung befindet sich die Tatsache, daß der Aufruf ausschließlich von Juden unterzeichnet ist, die Denkmalsetzung fürMoses Mendelssohn also als eine lediglich jüdische Angelegenheit angesehen wird. Aber nicht vermag ich hiermjt in Uebereinstimmung zu bringen, daß in dem Aufruf vom Juden Moses Mendelssohn so gut wie gar nicht die Rede ist. Ueberdies ist doch der Aufruf für das große Publikum bestimmt und da wäre es am Ende wohl angebracht, ein wenig näher darzulegen, was Moses Mendelssohn für die deutschen Juden gewesen ist. Als ich in der Repräsentantenversammlung am 15. Dezember v. I. meinen Standpunkt zur Geltung zu bringen suchte und den gegnerischen bekämpfte mit den Gründen die zum großen Teil aus meinen Artikeln in Nummer 50 und 52 des vorigen Jahrganges dieses Blattes bekannt sind, entgegnete ein Herr, dessen Name sich gleichfalls unter dem Aufrufe befindet, wörtlich: „Daß Moses Mendelssohn auch ein deutscher Schriftsteller war, weiß ich mindestens so gut wie irgend ein anderer." Nun aber ist in dem Aufruf Moses Mendelssohn gar nicht anderes als ein deutscher Schriftsteller, dessen Verdienste um die „Aufklärung in Deutschland", dessen „Arbeiten auch aus dein Gebiete der Philosophie und Literatur" gefeiert worden. Mir iü das ja gerade recht, denn eben darum begriff und begreife ich nicht, weshalb diese Denkmalsfrage zu einer ausschließlich jüdischen gemacht werden soll, und ich begreife es um so weniger, als nach dem Aufruf die Huldigung dem „Befreier" schlechthin gezollt werden soll, wie ich es eben auch meinte, und als man sogar die Erwartung ausspricht, hiermit „in ganz Deutschland ein Echo zu wecken". Von so kühnen Hoffnungen waren meine Segel nicht geschwellt, ich wollte mich begnügen, ganz Berlin diese Huldigung dem Genius Moses Mendelssohn darbringen zu.sehen. Und trotz alledem wird die Sache als eine ausschließlich jüdische behandelt! Hochachtungsvoll Berlin, 19. Februar 1908. Prof. Dr. Kalischer. Nachschrift. Ich möchte nur noch konstatieren, das; die „Vossische Zeitung" in der gestrigen Morgen-Ausgabe den Aufruf — unter Weglassung der Namen der Komiteemitglieder mit Ausnähme von dreien — nahezu wörtlich abdruckt, aber den einzigen Satz über Moses Mendelssohns Bedeutung für die deutschen Juden völlig — übersehen hat. Sollten diese Tatsachen und die Bemerkung, mit der die „Vossische Zeitung" die Veröffentlichung einleitet, daß der Gedanke, Moses Mendelssohn in Berlin ein Denkmal zu setzen, „in weiten Kreisen der Bürgerschaft lebhaften Anklang gefunden hat," nicht doch geeignet sein, die Erkenntnis zu wecken, das; ein Fehler begangen worden ist, und zu dem Versuch anzuregen, ihn jetzt noch gut zu machen? Berlin. 23. Februar 1908. ° K. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin.^ . Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.