Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 107 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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107 Der Oroltrk. Eine Ghettogefchichte von L. v. Sacher-Masoch. III. Y[ Bitten in der Nacht pochte es einmal an das Tor des Prostet Pferde stampften, Flintenläufe blitzten und rauhe Stimmen begehrten Einlaß. „Es sind Räuber!" schrie Abia, „sie werden uns alle umbringen." „Nichts werden sie uns tun," erwiderte Amster Löbl Regenstreif, „ohne Gottes Willen wären sie auch nicht zu uns gekommen, und wären sie nicht arm, wären sie keine Räuber. Sie kommen um Maaßer, so werden wir ihnen geben, was sie nur wollen." Er selbst öffnete das Tor. „Fürchte Dich nicht, Moschko'), sprach ein hoher Mann, der das Gesicht geschwärzt hatte und im Gürtel einen prachtvollen türkischen Handschar trug, wie es schien, der Wakaschko^), „wir wissen, daß Du ein Wohltäter der Armen bist und werden Dir kein Haar krümmen; willst Du aber die Hungrigen speisen und die Durstigen tränken, so tust Du ein gutes Werk." „Alles, was mein ist, steht Euch zu Diensten", gab der Prostek zur Antwort. Sofort wurde im Hof ein Feuer angezündet, wurden Tische und Bänke herbeigebracht, und die Räuber aßen und tranken. Indes hatte Amster Löbl Regenstreif schon in das Dorf gesendet, und es währte nicht lange, so kamen die jüdischen Musikanten, um zu. spielen, und die hübschen Weiber und Mädchen aus dem Dorfe, um mit den Räubern zu tanzen. Als die letzteren bei Morgengrauen Winkowze verließen, gab der Prostek dem Wakoschko einen Beutel mit Geld, aber dieser wies ihn zurück. Von beiden Seiten rief man „Bleibt gesund!" und „Viele Jahre!", dann sprengten die Räuber davon, den Bergen zu. Ein Hagelwetter vernichtete fast im ganzen Kreise die Ernte, gerade an der Grenze des Gebietes von Winkowze machte es Halt, so daß Amster Löbl Regenstreif die Scheunen gefüllt hatte, während ringsum die Hungersnot drohte. Das war eine schwere Zeit für den Prostek, denn wie sollte er allen Helsen? Aber schließlich half er doch. Er ließ hinter seinem Hause riesige Backöfen und aus allem, was er nur hatte, aus Weizen, Korn, Gerste, Mais, Erdäpfeln und Hafer, Brot backen und verteilte es an alle, denen es daran-fehlte, und als es ihm selbst an Frucht zu fehlen begann, da fuhr er hin und her und bettelte bei den Grundbesitzern, bei den reichen Juden und in den benachbarten Städten für die Hungrigen, und so rettete er seine Gegend von dem Allerärgsten, bis endlich Hilfe von seiten der Regierung kam. So bescheiden Abia, Regenstreifs Frau, war, hatte sie doch manchmal einen Wunsch, und ihr heißester Wunsch war, einen hübschen Wagen und ein paar hübsche Pferde zu besitzen, denn bisher hatte sie sich mit einem leichteren Bauernwagen und Ackergäulen begnügen müssen. Der Prostek schien aber taub gegen solche Wünsche; da geschah es, daß im Winter ein Priester mit einem Knaben vorüberkam, der ihn zu einem Sterbenden geholt hatte; ängstlich wimmerte das Glöckchen, und der alte Kaplan schritt barhaupt, mit dem *) Spitzname der polnischen Juden. 2) Hauptmann. Leib des Herrn, im Schneegestöber vorwärts. Da eilte der Prostek herbei und bat den Priester, unter seinem Dache Schutz zu suchen. In zwei Minuten waren die Pferde an den gedeckten Schlitten gespannt, und Amster Löbl Regenstreif führte selbst den alten Kaplan zu dem Sterbenden und zurück- Er kehrte mit erfrorenen Ohren, aber in bester Laune zurück. „Jetzt kannst Du den Wagen haben," sprach er zu seiner Frau, „habe ich doch dafür Maaßer gegeben mit meinen armen Ohren." Und in demselben Winter war es, daß Amster Löbl Regenstreif abends in seinem Hof ein armes Bauernmädchen ertappte, das ein paar Maiskolben gestohlen hatte- Sie entfloh über den Zaun und lies barfuß in den Schnee. „Nikoka," rief ihr der Prostek nach, „was läufst Du so? Ich lause Dir nicht nach." Das Mädchen blieb stehen, sie schämte sich und warf den Mais weg. „Ich schenke Dir den Mais," rief Amster Löbl Regenstreif, „und schenke Dir noch was dazu. Komm' nur zurück!" Sie hob die Kolben wieder auf und ging bis zu dem .Zaun. „Ich werde nicht mehr stehlen," sagte sie, „gewiß nicht." „Wozu solltest Du stehlen?" antwortete der Prostek, „gebe ich nicht jedem, was er nötig hat? Du hast Hunger, sollst Du zu essen haben, Du frierst, sollst Du gekleidet werden. Komm' rein!" Das Mädchen stieg über den Zaun und stand furchtsam vor dem Juden, dieser klopfte ihr freundlich auf die Wange und ging dann hin und her, das Nötige zu holen. Er gab ihr einen Laib Brot, einen Sack mit Bohnen, eine Flasche Branntwein und gab ihr auch ein Paar Stiefel und einen alten Schafspelz dazu. Die Leute im Hause lachten und sogar seine Frau lachte, und mit Recht, denn eine Diebin so zu behandeln, das war nur der Prostek imstande. Amster Löbl Regenstreif hatte sechs Töchter, sie waren alle hübsch, nicht einmal Mielsche war häßlich, obwohl man ihr noch immer ein wenig die Blattern ansah, aber keine war mit Jittel, der zweiten, zu vergleichen. Diese war schön wie' die Braut des Hohen Liedes und klug wie die Königin von Saba. Die Mädchen gingen alle nicht viel besser als die Bäuerinnen gekleidet umher, dafür ließ sie aber der Prostek in allem unterrichten, was es nur gab. Sie hatten eine gute Erzieherin im Hause und außerdem lernten sie Sprachen und Klavier. Einmal marschierten Soldaten durch, und bei Amster Löbl Regenstreif wurde ein Hauptmann mit zehn Mann einquartiert. Unter den letzteren war der Feldwebel, ein bildhübscher junger Mann, dem der weiße Rock mit den roten Aufschlägen und der runde schwarze Bart sehr gut ließen. Die schöne Liesel ging mit einem Kruge zum Brunnen, Master für den Tisch zu holen. Gleich war der Feldwebel zur Stelle und pumpte ihr den Krug voll. Ein zweites Mal traf er sie abermals im Garten, wo sie Bohnen klaubte, und war schnell bereit, zu helfen, und als ihre Schürze voll war und sie sich erhob, um in die Küche zu gehen, nahm er sie bei der Hand und hielt sie zurück. „Jittel," begann er, „hat Ihr Vater Sie schon versprochen einem Mann?" Sie wurde rot und schüttelte den Kopf. „Möchten Sie mich nehmen, wenn Ihre Eltern nichts dagegen hätten?" . . Das junge Mädchen blickte in sein männliches, sonnenbraunes Gesicht und fragte : „Sie sind doch ein Jude?"