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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 105 (sequence 11)
Language
German
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Alvars genau zu studieren, sie werden dann, natürlich Begabung vorausgesetzt, stets ihres Erfolges sicher sein. Daß die Harfenspieler und Harfenvirtuosen nur in dem Geiste des Meisters wirken und schaffen können, liegt auf der Hand. Mag das Jubiläum seines 100. Geburtstages uns aufs neue das Bild des großen Jnstrumentalisten und Komponisten aus unserem Stamm, der so Unvergängliches geleistet, vor die Seele führen! Drr deutsche Talmud. Von Albert Katz. s ist eine schwierige Aufgabe, an deren Lösung ich mich wage, und ich nehme gar keinen Anstand zu erklären, daß mir dabei sehr unbehaglich zumute ist. Nicht etwa, weil die zu überwindende Schwierigkeit mich schreckt, — so schreckhaft bin ich gar nicht — sondern weil ich eine literarische Leistung lobend anerkennen muß, obwohl ich von deren Nützlichkeit nicht überzeugt bin, ja obgleich ich sie sogar in gewisser Beziehung nicht für unschädlich halte. Es handelt sich hier um die von Lazarus Goldschmidt unternommene und zum Teil durchgeführte Uebersetzung des babylonischen Talmuds ins Deutsche, die — das sei von vornherein bemerkt — als eine bedeutsame literarische Leistung bezeichnet zu werden verdient. Allein ich bin ein treuer Anhänger und großer Verehrer des Talmuds, und aus diesem Grunde, wie paradox es auch klingen mag, ein ausgesprochener Gegner jeder Uebersetzung desselben. Denn abgesehen davon, daß durch die Uebersetzung der Talmud an seiner Originalität einbüßt, ist auch zu befürchten, daß der Leser der Uebersetzung eine geringe Meinung vom Original bekommen könnte. Ich rede schon gar nicht von der talmudischen Terminologie, die selbst in ein reines Hebräisch zu übersetzen außerordentlich schwer ist; ich denke vielmehr an die geistigen Fechtspiele, an die unzähligen Kontroversen über scheinbar unwesentliche Dinge, die im Talmud Vorkommen, denen nur der Geschmack abgewinnen kann, der den Talmud, wie man zu sagen Pflegt, „gelernt", nicht aber, der ihn gelesen, geschweige .denn in einer Uebersetzung gelesen hat. Professor Moritz Steinschneider pflegte zu sagen: „Talmud muß man lernen; wer ihn, wie unsere modernen Theologen, nur liest, versteht ihn nicht." Ja. der Leser des Talmuds in einer Uebersetzung, fürchte ich, wird die talmudischen Diskussionen, insbesondere die halachischen, mit den Worten Heines beurteilen: „Der Geist hält eine große Gedankenjagd, koppelt die Rüden seines Scharfsinns, spannt den Bogen der Urteilskraft, spitzt die Pfeile seiner Dialektik, um — Mücken zu fangen." Ich zitiere hier eine Stelle aus dem Vorwort des Uebersetzers selbst: „Daß es eine Unmöglichkeit ist, den Talmud in ein fließendes Deutsch zu übersetzen, braucht kaum erwähnt zu werden; auch die Uebersetzung muß das talmudische Gepräge tragen, wie dies auch bei jedem anderen Jachwerke der Fall ist. Die Terminologie und Nomenklatur sind überall rein technisch und fachmännisch, selbst wenn diese Ausdrücke dem Laien unbekannt sind. Der Talmud ist auch in seiner Uebersetzung keine Unterhaltungslektüre; die Uebersetzung macht ihn auch demjenigen zugänglich, der den schwierigen Jargon und die komplizierten elliptischen Redewendungen des Talmuds nicht beherrscht; eine gewisse Energie und Ausdauer muß er dennoch besitzen, wenn er in die völlig unbekannte Welt der alten jüdisch-babylonischen Schule eindringen will." Nun, ich bezweifle, ob es dem Leser des Talmuds in einer Uebersetzung, selbst bei stärkster Energie und Ausdauer, je gelingen wird, sich in dieser ihm so ganz fremden Welt zurecht zu finden, die kostbaren Perlen aus dem tiefen „Meere des Talmuds" hervorzuziehen und aus dem Labyrinth seiner aus den verschiedensten Wissensgebieten in buntester Aufeinanderfolge zusammengewürfelten Lehrstoffe mit irgend welchem positiven Gewinn für seine wissenschaftliche Fortbildung herauszukommen. Indessen kann man darüber auch anderer Meinung sein und behaupten: Wenn auch eine Uebersetzung des Talmuds wenig oder nichts zu seiner Glorifizierung beitragen würde, so würde sie doch dem Laien wenigstens ermöglichen, sich von dessen Harmlosigkeit und von der unbegründeten Anfeindung seitens christlicher Eiferer und jüdischer Apostaten zu überzeugen; eine Uebersetzung des Talmuds würde dazu verhelfen, den tendenziösen Fälschern seines Inhalts ein für allemal das Handwerk zu legen. Das halte ich nicht für ausgeschlossen, ja sogar für wahrscheinlich. Das Fehlen einer vollständigen Talmudübersetzung ist von jeher, weniger in jüdischen als in objektiv denkenden christlichen Kreisen, stark empfunden worden. Als Papst Clemens V., ehe er den Talmud in die Acht erklären sollte, etwas Näheres über dessen als Ausgeburt der Hölle verschrienen Inhalt erfahren wollte, fand er in der christlichen Gelehrtenwelt niemand, der ihm darüber Auskunft zu erteilen vermochte. Er machte daher den noch jetzt zeitgemäßen Vorschlag, daß an verschiedenen Universitäten Lehrstühle für Hebräisch, Chaldäisch und andere Hilfswissenschaften des Talmuds errichtet würden, damit eine Uebersetzung möglich sei. Ebenso empfahl Johann Reuchlin später dem Kaiser Maximilian, an den deutschen Universitäten Lehrstühle für die Wissenschaft des Talmuds zu gründen; denn der Talmud, dieser „stolze Hirsch mit vielen Enden", sei nicht dazu da, „daß jedermann mit ungewaschenen Füßen darüber lauff und sag, er kunds auch. Es sei ihm kein jüdischer Täufling bekannt in teutschen Landen, der?s Hab kinden weder Version, noch gar lesen." Von diesem Gesichtspunkt aus beurteilt, verdient das mühevolle Unternehmen des Herrn Goldschmidt Anerkennung und Förderung, und wir stimmen ihm auch ohne weiteres zu, wenn er in seinem Vorwort bemerkt: „Das große monumentale Werk, das den stolzen Namen Talmud-Lehre trägt, wer kennt es nicht? Wer aber kennt es wohl? Von der einen Seite verehrt, verherrlicht, geheiligt und zur „göttlichen Offenbarung" gestempelt, von der anderen hingegen verfolgt, verachtet, geschmäht und als Buch des Teufels gekennzeichnet. Von den einen zum Born der Tugend und zum Kompendium des gesamten Wissens erhoben, von den anderen als Quell alles Lasters und als-Sammelsurium erbärmlicher, alberner Spitzfindigkeiten herabgewürdigt. Kaum gibt es ein theologisches Werk, in dem der Talmud nicht Erwähnung fände, und doch ist es gerade ein gelehrter Theologe (der Kapuziner Henricus Sienensis), der von einem „Uabbiiws Talmud“ spricht, also nicht einmal weiß, daß der Talmud ein Buch ist. Und auch jetzt noch, in unserem Jahrhundert, wo die assyrisch-babylonischen Keilschriften kein Geheimnis mehr enthalten, wo die Hieroglyphen Aegyptens für uns keine Mysterien mehr bergen, ist der Talmud noch immer eine terra incognita für den gebildeten Laien." Nachdem ich meine Bedenken gegen eine Talmudübersetzung und alles, was für eine solche spricht, vorausgeschickt, gestatte ich mir, die geehrten Leser dieses Blattes mit der Arbeit Goldschmidts etwas näher vertraut zu machen.

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