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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 103 (sequence 9)
Language
German
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lands. Er erntete überall großen Beifall. Aber den gebildeten Juden in Rußland, mißfiel fein Wirken; sie erblickten darin eine Hemmung der kulturellen Entwicklung unter den Juden, da sie das erwünschte Ziel in der Beseitigung der jüdisch-deutschen Mundart zu finden glaubten. Sie erwirkten daher in Petersburg, im September 1883, ein Verbot des jüdischen Theaters für ganz Rußland. Einige Zeit versuchte Goldfaden seine Truppe in Warschau in angeblich „deutschen" Vorstellungen zu beschäftigen. Aber bald darauf wurde ihm auch das verboten, und so erlitt sein geistiges Kind einen gewaltsamen Tod. Indessen hatte mittlerweile die Emigration der russischen Juden nach London und Amerika große Dimensionen angenommen. Das in Rußland unterdrückte jüdisch-deutsche Theater fand daher bald darauf Aufnahme in London und New Jork, wohin sich nun Goldfadens Schauspieler und auch er selbst hinüberretteten, um dort ihre Tätigkeit wieder aufzunehmen. Das jüdisch-deutsche Theater ist in den letzten Jahren namentlich in New Jork zu großem Ansehen gelangt; aber wie es in solchen Dingen immer zu geschehen pflegt, Goldfaden wurde aus amerikanischem Boden von jüngeren Kräften überflügelt und in den Schatten gestellt. Er geriet halb in Vergessenheit, obwohl Sulamith und Bar Kochba ihre Beliebtheit bei der jüdischen Volksmasse noch immer behaupteten. Als echter Humorist pflegte sich Goldfaden in seinen alten Tagen über sein Mißgeschick hinwegzusetzeu. Wegen seines lautern Charakters und seines liebenswürdigen Naturells erfreute er sich in der jüdischen Kolonie zu New Jork großer Beliebtheit. Sein Tod rief überall aufrichtige Teilnahme hervor. Wie inan auch seine dichterische Bedeutung einschätzen mag, seine Liebe zum jüdischen Volk und seine echt künstlerischen Bestrebungen verdienen volle Anerkennung. Und schließlich darf eines nicht vergessen werden: Der verstorbene jüdisch-deutsche Dichter hat Jahrzehnte hindurch Hunderttausenden von armen, viel geplagten und das Leben mühselig dahinschleppenden Glaubensgenossen Stunden der größten Wonne, der Erhebung und des Trostes gewährt. Er hat ihnen geholfen, des Lebens Last etwas leichter zu tragen. Lin berühmter tzsrkenlpirler. Von Dr. A. Hahn. icht nur die Moden und die Geschmacksrichtungen in der Literatur und Kunst, nicht nur Sitten, Gewohnheiten und Gebräuche, sondern auch die Instrumente, d. h. deren Anwendung sind dem Wechsel der Zeiten unterworfen. Welche hervorragende Rolle, spielte z. B. nicht die Flöte im 18. Jahrhundert; wie wurde den Flötenvirtuosen in aller Herren Ländern gehuldigt und wie wurde dieses merkwürdige Instrument als derjenige Bestandteil der praktischen Musik angestaunt, der am meisten dazu imstande sei, den Gefühlen, Empfindungen und der Phantasie des Menschen einen hinreißenden und harmonisch-schönen Ausdruck zu geben! Wie sehr wurde von allen schwärmerischen, romantisch veranlagten und schöngeistigen Männlein und Weiblein die Gitarre bevorzugt als das Lieblingsinstrument aller Salonlöwen und -löwinnen und der — lyrischen Dichter! Längst haben diese und ähnliche Instrumente das Feld vor denjenigen ihrer Kollegen räumen müssen, die in reichhaltigerer, anschaulicherer und erschöpfenderer Weise der Seele des Menschen eine beredte Sprache zu verleihen vermögen. Klavier, Geige und Cello bilden heutzutage das klassische Trifolium, das die Herrschaft nicht allein in der deutschen, sondern auch in der ganzen musikalischen Welt an sich gerissen. Was nun die Harfe betrifft, so wird sie heutzutage ganz besonders stiefmütterlich behandelt. Längst ist diese einst so beliebte Königin der Instrumente von ihrem Thron herabgestiegen und ihr ehemaliger so blendender Glanz ist erloschen. Als Soloinstrument übt sie nicht mehr jene berückende und faszinierende Wirkung aus, die noch unsere Großmütter und Großväter in Extase versetzte, sondern sie wird allenfalls im Orchester und in der Kapelle als dienendes Glied, das sich dem ganzen würdig anschließt, geschätzt. Unser Geschlecht kann sich daher das große Aufsehen, das hervorragende Harfenkünstler und Künstlerinnen in der guten alten Zeit erregten und den stürmischen Beifall, den sie entfesselten, kaum vorstellen, und doch ist nach den Berichten der Chronisten nicht daran zu zweifeln,- daß diese gottbegnadeten Jnftrumentalisten beziehungsweise Jnstrumentaliftinnen auf ihre Zeitgenossen einen geradezu magischen. Zauber ausübten. Der berühmteste, weil genialste Harfenvirtuose seiner Zeit war entschieden der vor einem Jahrhundert — am 28. Februar 1808 — zu West-Teignmouth geborene englische Jude Elie Parish-Alvars, von dessen Leistungen die Chronisten jener Tage nicht genug Rühmenswertes und Erstaunliches zu erzählen wissen. Parish-Alvars hat für unsere geschätzten Leser noch ein doppeltes Interesse dadurch, daß er, wie gesagt, Jude war und so an die geschichtlich-biblischen Ueberlieferungen der Harfenkunst seines Stammes anknüpfte. Man weiß, welche Rolle im alten Reich Israel die Harfe im Gottesdienst des Tempels spielte und daß dieses Instrument schon im Tempel Salomonis einen bevorzugten Platz einnahm. Viele Gesänge übten gerade durch die Harfenbegleitung einen um so nachhaltigeren Eindruck auf die Seele und die Gemüter der Andächtigen aus. Speziell in England hat Parish durch seine außerordentlichen künstlerischen Ausführungen auf seinem so schwierigen Instrument, aber auch durch seine schöpferischen Werke, seine Kompositionen, die Königin der Instrumente, die Jahrzehnte hindurch in den Hintergrund gedrängt war, wieder zu Ehren gebracht. Seit seinem Auftreten und den glänzenden Erfolgen, die er erzielte, ist England das klassische Land der Harfe geblieben. Nirgends sonst ist dieses Instrument so beliebt, wie an der Themse und in Großbritannien. überhaupt, und es muß den Engländern zugeftanden werden, daß sie sowohl als Jnftrumentalisten wie als Komponisten aus der Harfe Vorzügliches leisten und in dem Wettstreit mit den Vertretern und Vertreterinnen dieses Instrumentes in anderen Staaten als Sieger hervorgehen. Elie Parish-Alvars erhielt seine erste Ausbildung durch den Harfenkomponisten und Virtuosen Franz Josef Dixy, der bekanntlich die Harfe verbesserte und zahlreiche interessante Harfenkompositionen veröffentlichte. Später wurde er Schüler- Theodor Labarräs in Paris, eines geachteten Lehrers des Harfenspiels am dortigen Konservatorium. Ebenso genoß er den Unterricht des vorzüglichen Harfenvirtuosen und Komponisten N. Charles Bochsa, des Harfenisten des Kaisers Napoleon und Ludwig XVIII. von Frankreich. Durch seine Konzertreisen durch ganz Europa und den Orient, namentlich in den. Jahren von 1828 bis 1832, erwarb er sich viel Ruhm und Reichtum und wurde bald der gefeiertste Harfenist seiner Zeit. Er verstand es, auf seinem Instrument Ideen und Empfindungen von hinreißender Schönheit und Tiefe zum Ausdruck zu bringen, zu deren Interpretation man die Harfe bis dahin nicht für ausreichend hielt. 1847 ließ er sich in Wien nieder und wurde zum Kaiserlichen Kammer-

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