Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 102 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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besuchten, von dem traurigen Los der gewaltsamen Rekrutierung befreit wurden. Allerdings war für die meisten frommen Juden in Rußland das eine so schlimm wie das andere. Goldfadens Vater war jedoch vernünftig genug, seinen begabten Sohn wirklich in die öffentliche Schule zu schicken, wodurch er nicht nur der gewaltsamen Aushebung zum Militärdienst entging, sondern auch etwas Ordentliches lernte. Er konnte auch später im Alter von 17 Jahren die Rabbiner- und Lehrerbildungsanstalt in Shitomir besuchen, wo er die Qualifikation eines Lehrers erhielt. Für den Lehrerberuf scheint aber Goldfaden keine allzugroße Neigung gehabt zu haben. Es steckte in ihm das Künftlerblut, ohne daß man ihn eigentlich als Dichter bezeichnen kann. Seine. hebräischen Gedichte haben sich überhaupt keinen Platz in der Literatur erobern können, hingegen wurden seine Lieder in der jüdisch-deutschen Mundart, die er unter dem Titel „Das Jüdele" gesammelt veröffentlicht hatte, bei den osteuropäischen Juden zu Volksliedern. Die Entwicklung Goldfadens als Dichter fällt in die erste Regierungszeit Alexanders II., der im Gegensatz zu seinem autokratischen Vater den Juden gegenüber eine humane und milde Gesinnung bekundete. Die freundliche Behandlung der Juden, die nunmehr in Rußland Platz griff, hatte , die natürliche Folge, daß sie sich den zivilisatorischen Bestrebungen der Regierung viel zugänglicher zeigten als früher. Wenigstens erstand in kurzer Zeit unter der russischen Judenheit eine zahlreiche und mutige Schar von Kulturkämpfern, welche ihren Glaubensgenossen nicht entschieden genug das bereitwillige Eingehen auf die Tendenzen des menschenfreundlichen Kaisers raten konnten. Viele begabte und eifrige Schriftsteller, Dichter und Publizisten griffen die zivilisatorische Parole der Regierung auf und traten dafür mit großem Eifer ein. Diese Bewegung hat ein reichhaltiges Schrifttum in hebräischer und in jüdisch-deutscher Sprache hervorgerufen, welche leider außerhalb Rußlands fast gänzlich unbekannt ist. Zu diesen Propheten der europäischen Zivilisation zählte auch Goldfaden, als er seinen Beruf, den des Volksdichters und Volkserziehers, erkannte und erfaßte. In seinen Volksliedern, die er nunmehr ausschließlich nur in der jüdisch-deutschen Mundart niederschrieb, führte er mit Begeisterung den Kampf für europäische Bildung und Zivilisation; er geißelte mit Hohn und Spott den religiösen Fanatismus, die Bildungsfeindlichkeit und die kulturelle Rückständigkeit seiner Glaubensgenossen, die sittlichen Mängel und wirtschaftlichen Schäden, welche daraus für die osteuropäischen Juden resultierten. Indessen war Goldfaden keineswegs ein liebloser kalter Spötter, der sich über die unwürdigen Zustände in seinem Volke nur lustig machte; die warme, aufrichtige Liebe zu seinen Volksgenossen leuchtet aus all feinen Schöpfungen hervor, und mitten aus der Komik und der Verspottung läßt er Worte der Aufmunterung und des gutmeinenden Rates vernehmen. Er ist eigentlich mehr Humorist als Satiriker und nirgends läßt er seine menschenfreundliche Gesinnung vermissen. Goldfaden zeigte sehr viel Verständnis für die politische und wirtschaftliche Lage der Juden in Rußland, wodurch ihm vieles erklärlich und so auch verzeihlich erschien. Gehässigkeit läßt er in keinem seiner Lieder und dramatischen Schöpfungen durchblicken. Zu seinem eigentlichen Beruf als Begründer des jüdischdeutschen Theaterwesens soll Goldfaden, wie er selbst zu behaupten pflegte, nur durch einen Zufall gelangt sein. Da es ihm bis um das Jahr 1876 nicht gelingen wollte, irgendwo festen Fuß zu fassen, fiel es ihm in dem genannten Jahre ein, nach Rumänien zu gehen. Infolge der kriegerischen Ereignisse ergoß sich damals über dieses Land ein wahrer Goldregen, da die transslavistischen Agitatoren nach Serbien und nach Rumänien reichliche Geldmittel geschickt hatten. Das kam auch den' rumänischen Juden zugute, und - diesen Zustand suchte mancher arme jüdische Literat für sich auszunutzen. Goldfaden kam nach. Rumänien, und da er dort fand, daß jüdische Volkssänger seine jüdisch-deutschen Volkslieder mit großem Erfolg vorzutragen pflegten, so will. er dadurch aus den Gedanken gekommen sein, das jüdischdeutsche Theater ins Leben zu rufen. Natürlich konnte er in < der ersten Zeit, da es ihm an schauspielerischen Kräften mangelte, nur an die Posse und die Burleske denken. Den Stoff für dieses leichte Genre wählte er nur aus dem Leben der osteuropäischen Juden. Aber sein Spott richtete sich dieses Mal nicht mehr nur gegen den ungebildeten, unbeholfenen Glaubensgenossen, der aus dem geistigen Ghetto nicht herauskommen konnte und wollte, sondern bereits auch gegen den halbgebildeten, nach der neuesten Mode gekleideten jüdischen Lümmel, gegen die putzsüchtige jüdische Dame, gegen alle Hohlheit und Aufgeblasenheit, gegen Scheinbildung und Modekrankheiten. Zwischen seinem exsten Auftreten und jetzt lag eben die Zeit kultureller Entwicklung der russischen Juden, die natürlich auch ihre Schattenseite hatte. Goldfaden war nicht einseitig, er erkannte auch die sittlichen Mängel, die sich infolge der neuen Lebensgewohnheiten seiner Glaubensgenossen entwickelt hatten. Und während er gegen die ungebildeten Juden niemals Haß verriet, übergoß er die schöngeputzten jungen Herren und Damen, deren Bildung in leeren Phrasen und in Herzlosigkeit bestand, mit Hohn und Spott. Goldfaden erkannte bald seinen eigentlichen Berus; er wurde in der Folge, was. man so richtig einen „Theatermenschen" nennt. Er bildete wirkliche Künstler und Künstlerinnen aus, die sich dem polnisch-deutschen Theater widmeten. Und mit diesen gutgeschulten Kräften wagte er sich an das ernste Drama heran. Zwei Stücke von ernstem Gehalt sind besonders hervorzuheben: Sulamith und Bar Kochba. Sulamith ist eine kindlich naive Idylle aus der Zeit des zweiten Tempels; den Stoff dazu entnahm er einer hübschen Sage in - der palästinensischen Agada, die unter der Bezeichnung „Die Katze und der Brunnen" bekannt ist. Ein jüdischer Jüngling lernt auf einer Wallfahrt nach Jerusalem ein hübsches Landmädchen kennen, mit dem er sich verlobt und dem er an einem Brunnen ewige Liebe schwor. Der Brunnen selbst und eine in der Nähe sich sonnende Katze sollten Zeugen des Liebesschwures sein. Später aber vergaß der leichtsinnige Jüngling sein Versprechen und führte ein anderes Mädchen heim. Er lebte mit der jungen Frau, die ihm zwei Kinder geschenkt hatte, recht glücklich, als ihm ein grausames Schicksal an seinen verletzten Liebesschwur erinnerte. Zuerst wurde das ältere Kind von einer Katze totgebissen, und bald darauf fiel das zweite in einen Brunnen und ertrank. Es folgte daraus das reuevolle Bekenntnis des unglücklichen Vaters und der Besuch des Ehepaares bei einem frommen weisen Rabbi, der den Knoten löst. Diese naive Erzählung ist von Goldfaden recht geschickt dramatisch verarbeitet. Noch ernster ist das Heldengedicht Bar-Kochba, in. dessen Mittelpunkt der jüdische Freiheitskämpfer Simon bar Kochba steht. Dieses Drama verdiente, auch^auf die moderne Bühne gebracht zu werden. Abraham Goldfaden wurde mit seiner Schöpfung von einem eigentümlichen Schicksal heimgesucht. Er, der Jahrzehnte hindurch für Bildung und Aufklärung unter seinen Glaubensgenossen gekämpft hatte, wurde selbst ein Opfer dieser Bestrebungen. Er war nämlich nach der Beendigung des russischtürkischen Krieges in seine Heimat zurückgekehrt und besuchte mit seiner gutgeschulten Truppe alle großen Städte Ruß-'