Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 101 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 101 - - Zola, sein flammendes J’accuse, wie er denn auch in der erwähnten Parlamentsdebatte sein Bestreben betätigte, diese Schmach des Hilsnerurteils von der österreichischen Justiz abzuwälzen. . Ein einziges: Kreuziget ihn! erscholl damals aus allen diesen Gemeinden. Heute ertönen ihm aus diesem seinem Wahlkreis unzähligeShmpathiekundgebungen entgegen. Massaryk gehört zu den Erscheinungen, die eine Gewähr dafür bilden, daß' Recht und Wahrheit nicht ausfterben. Und wenn Plutarch 'von Cicero sagt, dieser habe gezeigt, welchen Segen die Beredsamkeit einer guten Sache zu bieten vermag, und daß das Recht unwiderstehlich ist, wofern es gut vorgetragen wird, so kann man Massaryk die Verkörperung der beredten Ueberzeugung für das gute Recht nennen. In den Erfolg der mehrerwähnten Debatte betreffs ,der Universitäten teilte sich mit Massaryk . sein engerer mährischer Landsmann Professor Redlich, der, ebenfalls in Göding geboren, das Grundlose des Geschreies der Luegerpartei nach Befreiung der Universität von jüdischen Elementen von anderem Gesichtspunkte aus nachwies, und zwar mittels der Sprache des Ziffernmaterials. — Einen schmerzlichen Verlust erlitt vor Monaten das nordmährische Judentum durch den unerwarteten Tod des Landesausschußmitgliedes Dr. Hugo Fux Edler von Volkswart, der, ein wahrhaft Edler, als Landtagsabgeordneter für Neutitsch ein auch die Sache der Judenschaft seines Wahlkreises stets wahrte. Unvergessen wird es ihm bleiben, wie er einst in offener Versammlung den Deutschvölkischen zurief, daß sie es eigentlich seien, die den Verlust mancher deutscher Gemeinwesen an die Czechen auf ihren: Gewissen haben. Gelegentlich der Eroberung der bislang deutschen Stadt Littau durch die Czechen rief er aus: Können Sie sich beklagen, wenn die Juden, die von Ihnen an die Wand gedrückt werden, bei den Czechen ihr Heil suchen? Dennoch gibt es eine jüdische Gemeinde Mährens, die mit den schwersten materiellen Opfern, mitten in einer böhmischen Sprachinsel ihr Deutschtum ausrechterhält. Es ist.die alte Gemeinde Leipnik. Durch das energische Eingreifen dieser Gemeinde gelegentlich des letzten Wahlaktes im Sommer blieb ihr das Schicksal erspart, durch einen Abgeordneten vom Kaliber eines Hugo Wolf vertreten zu sein. Die Leipniker Judengemeinde hat das Verdienst, durch ein in letzter Stunde zustandegebrachtes Wahlkompromiß dem Sozialisten das Mandat gesichert zu haben. In dem erwähnten Falle erwiesen sich, wie schon häufig bei Wahlanlässen, die politischen Vorteile der alten mährischen Judengemeinden. Sie bilden einen Faktor, .mit dem die Deutschen zu rechnen haben. — Diese durch ein Patent Kaiser Franz II. vom 15. Februar 1798 kreierten „politischen Juden gemeinden" (die nur noch in Mähren bestehen) erfahren darum mit Unrecht manchen Anstoß, während sie doch aus besagtem Grunde tunlichst gefördert werden sollten. Durch die Anziehungskraft der Großstadt erleiden aber diese Gemeinden in vielfacher Hinsicht arge Einbuße. Nicht jede hat das Glück der Gemeinde Eibenschitz, die vor kurzem in den Besitz von einer Million Kronen gelangte. Dieses Vermögen fiel ihr infolge letztwilliger Verfügung seitens eines ihrer in Wien verstorbenen Gemeindeangehörigen zu. So reiht sich denn diese Steinersche Stiftung der gleichartigen Wiesnerffchen in Damboritz und der Guttmannschen in Leipnik würdig an. Zweifellos nachahmenswerte Pietätsakte, die geeignet sind, unser Ansehen nach innen und außen hin zu heben. ... . Abraham GoMkaden. Von Dr. S. Bernfeld. or wenigen Wochen starb in New Hork im Alter von .67 Jahren ein merkwürdiger Mann, dessen Wirken für die kulturelle Entwicklung der osteuropäischen Juden von großer Bedeutung war. Abraham Goldfaden war ein jüdisch-deutscher Dichter, vornehmlich aber der Begründer des jüdisch-deutschen Theaters, das namentlich auf englischem und amerikanischem Boden zu so hoher Blüte gelangen sollte. Auch die Lebensschicksale dieses Mannes, eines fahrenden Dichters, der nirgend zu Ruhe kam, bieten so viel des Interessanten; sie sind ein Stück Kulturgeschichte der osteuropäischen Judenheit. Abraham Goldfaden, der im Wolhynischen Städtchen Alt- Konstantin am 12. Juli 1840 das Licht der Welt erblickt hat, war ein Kind des Ghetto. Er wuchs in recht bescheidenen Verhältnissen auf, da sein Vater ein armer Handwerker war, der jedoch trotz seiner Armut seinem begabten Sohn eine für seine Verhältnisse recht gute Erziehung gab. Natürlich lernte der junge Goldfaden zuerst und hauptsächlich Hebräisch, Bibel und Talmud. Schon mit zehn Jahren schrieb er ein hebräisches Gedicht. Aber außerdem ließ ihn sein Vater frühzeitig auch die deutsche und russische Sprache erlernen; die Bibel las er in einer rein deutschen Uebersetzung, wie überhaupt die deutsche Sprache ein ganzes Jahrhundert hindurch für die osteuropäischen Juden die einzige Bildungssprache war, welche sie nebst dem Hebräischen mit der Kulturwelt in Verbindung brachte. Es ist bezeichnend, daß der Kaiser Nikolaus I., der sich die Bildung seiner jüdischen Untertanen sehr angelegen sein ließ, für sie eine deutsche Uebersetzung der Bibel und des talmudischen Hauptwerkes des Maimonides anzusertigen befahl. Um die Juden aus ihrer Abgeschlossenheit herauszureißen, trug dieser despotische Monarch kein Bedenken, sich dabei der deutschen Sprache zu bedienen, da dies auf anderm Wege nicht erreichbar zu sein schien. Die Jugend Goldfadens fiel in die Zeit, in der Nikolaus I. die Juden in Rußland mit Anwendung von Gewaltmitteln der europäischen Kultur zuzuführen unternahm. Die Maßregeln dieses harten, rücksichtslosen und vor keinem Mittel zurückschreckenden Despoten sind den russischen Juden bis auf den heutigen Tag in trauriger Erinnerung geblieben. Indessen heischt es die geschichtliche Wahrheit zu gestehen, daß Nikolaus I. keineswegs ein blindwütiger Tyrann war, wie er oft geschildert wird; er ließ sich nicht vom Haß gegen die Juden leiten und am allerwenigsten betrachtete er seine jüdischen Untertanen als ein schädliches Element im Staate. Im Gegenteil, er wußte ihre Fähigkeiten, ihre geistige Beweglichkeit und ihre Brauchbarkeit in der bürgerlichen Gesellschaft sehr gut zu schützen. Deshalb eben, gab er sich so große Mühe, sie aus ihrer mittelalterlichen Abgeschlossenheit herauszureißen und sie zu zivilisieren. Nur vertrug er keinen Widerspruch, und in seiner Borniertheit konnte er es nicht begreifen, daß die Juden mit wenigen Ausnahmen seinem Vorhaben Mißtrauen entgegenbrachten. Um diesen Widerstand zu brechen, bei dem zweifellos viel Unverstand und Fanatismus mit gewirkt haben, verfiel Nikolaus I. aus die sonderbarsten Mittel. Eins der grausamsten war wohl die Anordnung, die jüdischen Knaben im zartesten Alter aus dem Elternhaus zu reißen und in die entferntesten Gegenden Rußlands für den spätern Militärdienst erziehen zu lassen. Darüber ist in hebräischer und russischer Sprache eine ganze Literatur vorhanden. Indessen ist es charakteristisch, daß derselbe Despot ein Gesetz erließ, wonach die jüdischen Knaben, welche eine öffentliche Schule