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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 100 (sequence 6)
Language
German
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100 Hände zu fallen, und so waren wir gezwungen, in' den verlassenen Dörfern zu arbeiten. Zum Glück kam ein Kurier von Herrn le Maitre aus Casablanca, der einen Briefan den Scheik ben Omar brachte, in dem wir ihm empfohlen, wurden. Dieser reiche Araber nahm uns alle auf, gab uns wochenlang zu essen und zeigte sich von solcher Güte, daß wir nicht glauben wollten, er sei ein Araber. Vor einem Monat kamen die Franzosen nach Settat. Die Araber flohen alle, viele Israeliten mit ihnen. Wir blieben, etwa 400 an der Zahl, in der Stadt, hoffend, daß die Franzosen die Stadt einnehmen würden. Aber nach mehrstündigem Aufenthalt brachen sie plötzlich auf. Kaum waren sie einige Kilometer entfernt, wir sahen noch ihre Feuerzeichen, als die Araber von den Bergen zurückkamen. . Die folgenden 14 Tage waren furchtbar, und ich begreife noch nicht, daß wir sie. überlebt haben. Alle Leute, die überhaupt sich bewegen konnten, verließen die Stadt und flohen zum Ry Ayouch-ben Malca hinter den Bergen, den die Araber respektieren. Wir blieben in fortwährender Angst in der Stadt, in ewiger Furcht vor einer Plünderung. Einige Tage später rückten endlich die Franzosen wieder vor Settat. Wissend, daß die Franzosen jetzt dableiben würden, plünderten die Araber ein letztes Mal die Stadt und führten einige mit sich fort. Tic Zurückgebliebenen wurden von den französischen Truppen ausgenommen/ die uns zu essen gaben. Man fragte uns aus, uub wir antworteten, was wir wußten, daß die Mehallah nicht mehr kämpfen wollte, daß Zwietracht unter den Stämmen herrscht. Endlich führte man uns nach Berschid zurück, eine Nacht schliefen wir in Medionna, und jetzt sind wir ohne Hoffnung auf Wiederkehr in unsere Häuser.* Auf unsere Frage, was aus den anderen Israeliten geworden sei, deren es in Settat und in den Törsern doch mindestens 1000 .gegeben hatte, und von denen jetzt nur 150 vorhanden seien, erhielten wir den Bescheid: „Wir wissen es nicht. Viele sind in Casablanca bei ihren Verwandten, andere sind jenseits der Berge, und sicherlich viele unter den Arabern." Es kann nicht davon die Rede sein, die Flüchtigen zu repatriieren. Wir organisieren das Hilsswerk, geben ihnen Kleidung und Nahrung, und dann wollen wir für sie Unterkunft und Arbeit suchen, so daß sie sich unter die Bevölkerung mischen. Ich appelliere an die Großherzigkeit des Zentral-Komitees, daß es den Unglücklichen Hilfe schicke. Pisa. Die Alliance Israelite Universelle hat Herrn Pisa sofort 5000 Francs zur' Verfügung gestellt und weitere 2000 Francs nach Marrakesch geschickt, wo die Lage der Israeliten gleichfalls überaus mißlich ist. *. Auch in Amerika gibt es bereits Leute, die gegen die Juden den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit zu erheben wagen. In einer Versammlung von Geistlichen haben kürzlich mehrere sogar erklärt, wenn es den Juden in Amerika nicht gefalle, so gebe es doch kein Gesetz, das ihnen das Land zu verlassen verbiete. William Friedmann schreibt gegen diese in dem „American Israelite“: „Man möge sich gesagt sein lassen, daß die Juden so wenig wie irgend welche anderen amerikanischen Bürger im Lande nur geduldet werden. Sie sind da, nicht aus Gnade, sondern kraft ihres Rechtes. Der- Jude hat sein Recht erworben durch so hervorragende und ausgezeichnete Dienste, wie irgendwelche anderen Landsleute, und dieses Recht ist so klar und unanfechtbar wie das des fremden Puritaners, der stolzen Knickerbockers oder der Herren in Virginia. Das wird urkundlich bestätigt. Juden ermöglichten Columbns. seine Flotte auszurüsten. Wenigstens fünf Juden segelten mit ihm, dieses Land zu entdecken. Sie haben ihr Blut vergossen und ihr Geld hergegeben int Unabhängigkeitskriege, und obgleich es zur Zeit der Revolution kaum 3000 Juden in Amerika gab, kämpften 27 jüdische Offiziere für die Freiheit. Manuel Mordechai Noah und Oberst Isaak Franks waren Stabsoffiziere Washingtons, und Franks hat der Regierung 100 000 Dollars gegeben. Hahm Salomon lieh der Regierung 300 000 Dollars, die. nicht zurückgezahlt worden sind. Major Benjamin Nones kämpfte unter Lasayette und wurde für seine erstaunliche Tapferkeit belobt. In dem zweiten Kriege gegen England waren die Dienste der Juden nicht weniger bedeutend. Brigadegeneral Joseph Bloomfield, Oberst Nathan Meyers, Kapitän Jsaac Merz sind einige wenige der wegen ihrer patriotischen Hingabe ausgezeichneten jüdischen Offiziere. Im mexikanischen Kriege ist die Liste jüdischer Soldaten, Kapitäne, Obersten und Generale überraschend groß. General Uriah Levy war'der höchste amerikanische Marineoffizier bis zu seinem Tode im Jahre 1862. Ueber fünf Prozent der amerikanischen Juden kämpften im Sezessionskriege, nämlich von 150 000 damals im Lande wohnenden 8000, und darunter waren 16 Stabsoffiziere auf seiten der Union und vierundzwanzig auf seiten der Konföderierten.^ Frederick Knefler wurde zum Generalmajor ernannt für seine heroischen Dienste in der Schlacht bei Chickamauga. Im spanisch-amerikanischen Kriege waren die Juden im Heexe zahlreicher vertreten, als ihrem Prozentsatz entsprach. Viertausend erhielten Urlaub, die jüdischen Feiertage zu feiern. Präsident Roosevelt hat ihre anerkennenswerte Tapferkeit unter den Rongh Riders hervor-/ gehoben. Auch im Frieden haben sich die Juden nicht minder loyal und patriotisch erwiesen. Sie haben sich den Künsten und der Wissenschaft, dem Handel und der Arbeit gewidmet; sie haben mit Ehren öffentliche Vertrauensposten bekleidet, sie haben in ihrer Menschenfreundlichkeit jede große Stadt im Lande mit nichtkonfessionierten Krankenhäusern für Heilbare und Unheilbare, mit Asylen für Alte und Schwache, mit Waisenhäusern für hilstose kleine Kinder ausgestattet." Lriek aus Mähren. Von Dr. Simon Mandl. er „Rückblick" auf das abgelanfene Jahr (Nr. 52 Ihres geschätzten Blattes) registriert auch die letzte Debatte über die Verhältnisse der Universität im österreichischen Parlament. Mit Recht folgern Sie aus dieser Debatte, daß Oesterreich gelegentlich der Jahresbilanz ein Kulturdefizit zu verzeichnen habe. Und doch steht den passiven Posten ein erfreulicher aktiver Besitzstand gegenüber. Es ist der moralische Erfolg, den die dreitägige Redeschlacht desProfessors Massaryk gegen die Wiener Dunkelmänner gezeitigt hat. Es. darf als eine Ihren Lesern bekannte Tatsache vorausgesetzt werden, daß dieser Mann es war, der mit der in Wien „herrschenden" christlich-sozialen Partei strenge Abrechnung hielt und (als Antwort auf die von Lueger ausgegebene Losung auf Eroberung der Universitäten) die Wissens- und bildungsfeindliche Maülwurfsarbeit der Wiener Klerikalen beleuchtete. Zeigte doch die fragliche Debatte einen internationalen Charakter, wie ja das Wirken der Reaktion ein internationales ist. Und so hat gewiß das für die Reaktion so niederschmetternde Resultat dieser Angelegenheit auch im deutschen Blätterwalde einen Widerhall erweckt. Mähren darf nun stolz sein, den Helden dieser Debatte in politischer und heimatlicher Hinsicht sein eigen zu nennen. Professor Massaryks Wiege stand in Südmähren. Göding ist seine Geburtsstadt. Einen armen Lohnfuhrwerker nannte er seinen Vater. In das neue Volkshaus Wurde er von den nordmährischen Städten Wall. Meseritsch, Wsetin und Roznau entsandt. Hierin aber liegt ein bedeutsames Zeichen der Zeit. Denn diese Orte, die noch vor acht. Jahren einen Herd wilder nationaler Leidenschaften bildeten, sie waren es, die kürzlich Massaryk gerade auf Grund seines antiklerikalen Programms wühlten. Wie ganz anders war doch damals das Bild! Es war die Zeit des Außerkraftsetzens der unseligen Badenschen Sprachenverordnungen (1899), die Zeit der Holleschauer Judenexzesse, die eine Frucht der Kuttenberger Verurteilung des armen Hilsner bildeten. Massaryk erließ damals, ein zweiter

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