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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 99 (sequence 5)
Language
German
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Unrecht, da die jüdischen Steuerzahler zu den Schullasten ebenso beitragen wie die anderen. Ich habe auch schon dreimal eine Statistik - ausgemacht, wonach unter dieser Bedingung 43 v. H. der jüdischen Schüler ohne Religionsunterricht bleiben würden, wenn nicht von / privater Seite dafür gesorgt würde. Die Ausführungen des Herrn Abgeordneten Marx waren gut gemeint, ich muß ihm aber sagen, daß seine Anträge zu der Regierungsvorlage, nach der Kommissionsberatung die Vorlage verschlechtert haben. Herr Marx appellierte an die reichen Juden zur Beihilfe für die Kosten des jüdischen Religionsunterrichts. Die reichen Juden sind immer, wo es not tut, für ihre Glaubensgenossen und andere Religionsangehörige eingetreten, sie nehmen es aber als ein Recht in Anspruch, daß für ihren Religionsunterricht nach Möglichkeit gesorgt wird. Es wäre eine einheitliche Regelung auch sehr leicht möglich gewesen. Die königliche Staatsregierung möge dafür sorgen, daß den religiösen Bedürfnissen des Judentums Rechnung getragen wird. - (Bravo links.) Abgeordneter Schröder-Kassel (nationallib.) hält ebenfalls eine Verstärkung des 40 000 Mark-Fonds für erforderlich. Schließlich wurde der Titel bewilligt — aber von einer Erhöhung des Beitrags ist nicht mehr die Rede. Es bedarf wahrlich keiner besonderen Sehergabe, um jetzt schon Voraussagen zu können, daß der Betrag von 40000 Mark zur Unterstützung der kleinen Synagogengemeinden in Preußen auch nicht entfernt ausreichen wird. * Herr v. Oldenburg-Januschau, der streitbare Führer der konservativen Agrarier, hatte zur Verherrlichung.der preußischen Junker im Reichstage eine hübsche Episode>^aus dem südwestafrikanischen Feldzuge erzählt, wo ein Gardedukorpsoffizier einem schwer verwundeten Reiter unter Drangabe seines eigenen Lebens Hilfe zu bringen versuchte. Dem „Berliner Tageblatt" übermittelt man nun folgenden Brief aus den Tagen .nach Königgrätz: „Herrn Hehmann Hirschberg, Gnesen. Leider habe ich die schmerzliche Pflicht, Ihnen anzuzeigen, daß Ihr Sohn Leopold Hirschberg der 10. Komp. 2. Garde-Regts. in der großen Schlacht am 3. July beim Sturm auf das Dorf Rosberitz als Held gefallen ist, wo er seinen verwundeten Major von Eckert aus dem heftigsten Kugelregen forttragen wollte. Eine Flintenkugel in den Kopf tötete ihn sofort. Er fiel als braver Soldat, treu seinem König. Gott stütze Sie in Ihrem Kummer. Ihr Graf Rantzau, Premier-Leutnant im 2. Garde-Regiment, Führer der 10. Komp. Rosberitz, d. 5. July 1866." Es steht nun Herrn v. Oldenburg frei, sich über die Juden, eventuell auch über die jüdischen Soldaten, lustig zu machen. * . Unsere Meldungen über die neuesten Schikanen des russischen Tschin gegen die Juden erfahren jetzt eine traurige Bestätigung nach der anderen. So erließ der Gouverneur von Tschita eine Bekanntmachung, daß der Endtermin für die Zusammenstellung der Listen der in Tschita wohnberechtigten Juden auf den 28. Januar 1908 festgesetzt sei. Alle Juden haben sich bis zu diesem Tage auf dem Polizeibureau vorzustellen und dort diejenigen Dokumente vorzuzeigen, die ihnen die Berechtigung geben, in Tschita zu wohnen. Das Polizeibureau selbst wird die Dokumente nicht sammeln, und alle Juden, die nicht bis zum genannten Tage gültige Dokumente vorgelegt haben, werden ausgewiesen. Dieselben Nachrichten kommen aus Sebastopol,. Tomsk und anderen Städten-des.Gouvernements Tomsk. Ja. nach einem Petersburger Telegramm , der „Times" beabsichtigt der Generalgouverneur von Moskau sogar, allen Juden ohne Ausnahme den Aufenthalt in der heiligen Stadt Moskau zu verbieten. In gutinformierten Petersburger Kreisen hält' man diese Nachricht für glaubwürdig. Man erzählt, daß der Petersburger Korrespondent der „Times" die Originalvorlage des Generalgouverneurs Herschelmann über diese Angelegenheit in Händen gehabt habe. * Das deutsche Bure au der Alliance Israel ite Universelle stellt uns folgende Mitteilungen zur Verfügung: Von dem Vertreter der Alliance IsraSlite Universelle in Casa» binnen, Herrn Pisa, ist an den Präsidenten der Alliance folgender Bericht angekommen: Casablanca, 9. Februar 1908. Herr Präsident! Gestern abend Lin ich eiligst von Herrn Malpertuy, dem französischen Konsul, gerufen worden, der mir von folgender Depesche des Generals d'Amade Mitteilung machte: „80 Israeliten von Settat sind unter französischem Schutze auf dem Wege nach Casablanca; treffen Sie Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme." Wirklich war am 5. d. M. eine Heeresabteilung von Casablanca nach Settat aufgebrocheu und hatte nach kurzem Kampf die Kasbah bombardiert, nachdem die Israeliten diese verlassen hatten und von den französischen Truppen ausgenommen worden waren. Herr Malpertuy riet mir, sofort auf Mittel bedacht zu sein, um die so vielfach heimgesuchten Unglücklichen unterzubringen. Mit rührenden Worten voller Mitgefühl stellte er mir das Brot zur Verfügung, das ich täglich nötig haben würde. Mit Herrn Zagury, dem Vorsitzenden, dös israelitischen Komitees, der gleichfalls unterrichtet worden war machte ich mich auf, eine hinreichend geräumige Unterkunft zu suchendie die Flüchtlinge fassen könnte, ohne daß man den Ausbruch einer Epidemie zu befürchten hätte. Herr Bendahan, ein hiesiger Notabler stellte uns entgegenkommend - eine seiner Besitzungen zur Verfügung. Wir bereiteten in aller Eile ein Frühstück vor und machten uns zum Empfang der Flüchtigen bereit. Heute früh 11 Uhr sind, sie, 135 an der Zahl, in kläglichem Zustand angelangt. Die Männer sahen aus wie Gespenster, die Haare struppig, der Bart ungepflegt, in schmutzige Säcke gehüllt, teilweise nackt, die Füße geschwollen, die Frauen notdürftig in ein Stück farblosen Gewebes gehüllt, an den ausgetrockneten Brüsten halbverhungerte Kinder. Unmöglich, jung und alt voneinander zu unterscheiden — so sehr hat das Elend sie gleich gemacht. Wir bereiten ihnen ein Strohlager, geben ihnen Wasser, bieten ihnen Brot und Orangen und hören den Bericht über die Schrecknisse, denen sie seit Monaten ausgesetzt sind. „Sie wissen," erzählt uns eine junge Frau, „was wir vor vier Jahren gelitten haben. (Im Jahve 1903 hat eine große Plünderung stattgefunden.) Wir waren in unsere Häuser zurückgekehrt und hatten uns an unsere Arbeit begeben, einige zum Körnerbau, andere zur Schuhstickerei. Die folgenden Jahre waren hart. Es hat an Regen gefehlt und es gab keine Ernte. Für uns bedeutete das den Hunger. Aber wir helfen uns immer durch, wenn man uns nur im Mellah in Ruhe läßt. Vor sechs Monaten sahen wir, daß die Dinge eine üble Wendung nahmen und daß die Araber auf einen schlimmen Streich dachten. Danach erfuhren wir die Plünderung von Casablanca. Die Israeliten, die diese Stadt verlassen hatten, flüchteten sich zu uns. Wir nahmen sie in unsere Häuser und unsere Hütten aus. Bald kehrten sie zurück, die einen über Mazagan, die anderen über Rabat. Als wir die Mehallah Monley Reschids kommen sahen, hatten wir das Vorgefühl eines Ueberfalles. Denn wenn die Mehallah oder die Männer Geld brauchen, so stürzen sie sich eben auf uns. Wirklich plünderten sie auch vor drei Monaten einen Teil des Mellah, die Meinungsverschiedenheiten unter den Stämmen sich zunutze machend. Sie nahmen uns alles was wir hatten. Es war herzlich wenig, und vielleicht danken wir es unserer Armut, daß wir das Leben behielten. Nach dem Abmarsch der Plünderer hatten wir den Hungertod vor . Augen. Nach Casablanca konnten wir nicht gehen, weil die Araber uns den Weg versperrten, doch auch rückwärts konnten wir uns Nicht bewegen, aus Furcht, anderen arabischen Stämmen in die

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