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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-21 · Heft 8 (21.2.1908) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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zogenen■ Herrn Siegmund Wallach wird der jetzige Vorsteher der Gemeinde Euskirchen, Herr David Wallach gewählt. Auf Vorschlag des Herrn Stadtrat Löb-Trier wurde Sanitätsrat Dr. Apfel-Köln einstimmig zum Aorsitzendeu wiedergew'ählt und demselben für sein selbstloses Wirken und für feine aufopfernde Tätigkeit gedankt. Hierauf hielt Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Die jüdischen Gemeindeverhältnisse der. Rheinprovinz mit besonderer. Berücksichtigung des Religionsunterrichts". Schließlich wurden folgende Thesen angenommen: I. Es soll für' alle jüdischen Gemeinden der Rheinprovinz — korporative und luchtkorporative gesondert — eine Statistik über die Anzahl der jüdischen schulpflichtigen Kinder beschafft werden, aus der sich ergibt, wieviel Kinder Religionsunterricht genießen, und zwar soll die Statistik für Religionsschulen, jüdische Volksschulen, christliche Volksschulen, städtische höhere Schulen und staatliche höhere Schulen getrennt sein. Es sollen die Fälle besonders vermerkt werden, in denen Kinder an dem Religionsunterricht der öffentlichen Schule und der privaten Religionsschule zugleich beteiligt sind. II. Der Verbandstag beschließt den rheinischen Gemeinden zu empfehlen, möglichst öffentliche jüdische Volksschulen zu errichten, weil unter den durch das neue Volksschulunterhaltungsgesetz geschaffenen Verhältnissen hierdurch am besten den Interessen der jüdischen Gemeinden und des Judentums gedient ist. Mit der Bitte an die Anwesenden, auch ferner an den Zielen des Verbandes treu mitzuarbeiten, schloß der Vorsitzende die Sitzung. - 1. München, 16. Februar. Vor einigen Tagen wurden, wie alljährlich einmal, die neuen bayerischen Leutnants der Reserve ernannt. Es befinden sich darunter erfreulicherweise viele jüdische Offiziersaspiranten. Leider können wir die Namen der jüdischen Vize- Feldwebel, die zu königlich bayerischen Leutnants der Reserve ernannt wurden, nicht einzeln aufzählen. Es sind im ganzen 26 an der Zahl. Also mit einem Schlage 26 jüdische neue Leutnants ernannt! Unter etwa 250 ernannten Leutnants! Man muß hier an Preußen und das übrige Deutschland denken, das wohl nicht einen ungetansten jüdischen. Offizier besitzt, während in Bayern heute Hunderte von jüdischen Reserveoffizieren und Sanitätsoffizieren vorhanden sind. — Bayreuth, 7. Februar. Im Alter von 85 Jahren starb hier am 3t. d. M. der allgemein geachtete Generalarzt a. D. Tr. Stein. Nach zweijähriger Tätigkeit als Assistenzarzt am Münchner Krankenhause trat er 1849 als Militärarzt zunächst ins 13. Infanterieregiment, später ins 6. Chevaulegerregiment ein, dem er 20 Jahre angehörte. Er machte die Feldzüge der Jahre 1866 und 1870 mit und wurde durch die goldene Sanitätsmedaille und das eiserne Kreuz ausgezeichnet. An der Beerdigung nahmen unter anderem teil General Böhm, das Offizierkorps des 6. Chevaulegerregiments, Offiziere des 7. Infanterieregiments, die Sanitätsoffiziere, Vertreter der Regierung, der Verein ehemaliger Angehöriger des 6. Chevaulegerregiments, der Veteranen- und Kriegerverein, eine Unteroffiziers- und Manuichastsdeputation des 6. Chevaulegerregiments. Am Grabe gedachte Regimentskommandeur Fürer von Haimendorf der hervorragenden Tätigkeit des Verstorbenen während seiner Dienstzeit, insonderheit während der Feldzüge der Jahre 1866 und 1870. Namens des Sanitätskorps wies Oberstabsarzt Dr. Stöbäus auf die vorbildlichen Leistungen des Heimgegangenen hin. Bayern besaß vor Jahren nicht weniger als 16 jüdische Generalärzte im Generalsrang. Von diesen 16 leben jetzt nur noch vier; darunter Generalarzt Dr,UUmct n n in Straßburg, Generalarzt Dr. Mohr und der Generalmajor Obermeyer. Vor kurzem verstorben außer Dr. Stein noch die Generalärzte Dr. Moriz Nenhöfer in München und Dr. Simon Kuznizkh in Freiburg. o. Karlsruhe, 12. Februar. Wir haben bereits über die Bildung einer „Liberalen Vereinigung in der badischen Landessynagoge" berichtet, welche von einer großen Zahl (über 70) sich zum Liberalismus bekennender Männer ins Werk gesetzt worden ist. Es sind Persönlichkeiten von Ansehen, die die Initiative ergriffen haben, zumeist im öffentlichen Leben wohl bewährt und alle Bezirke des Landes repräsentierend. Die Tendenzen der neuen Vereinigung, gehen klar aus der Resolution hervor, welche die erste von ihr abgehaltene Versammlung — sie fand am 25. v. M. in Freiburg statt — nahezu einstimmig gefaßt hat, Sie lautet: 1, Die Liberale Vereinigung anerkennt , das Nebeneinanderbestehen einer beharrenden und einer fortschrittlichen Richtung im Judentum als naturgemäß und sie will, daß beide Richtungen in unserer Landessynagoge ihre Befriedigung finden. 2. Die Liberale Vereinigung will, daß die Orthodoxie in der. ihren Ueberzeugungen entsprechenden Religionsübung ungestört belassen und tunlichst gefördert werde. Sie verlangt aber anderseits für die liberale Mehrheit eine der Zeit entsprechende Gestaltung des Gottesdienstes und Religionsunterrichts überall da, wo sie ohne Gewissenszwang gegenüber der orthodoxen Richtung durchführbar ist. 3. Die Liberale Vereinigung erstrebt, daß nur solche Männer dem Oberrate und der Synode angehören, welche die vorstehenden Forderungen zu erfüllen gewillt und geeignet sind. Der letzte Punkt richtet sich offenbar gegen diejenigen, welche, als Wortführer der badischen Orthodoxie auftretend, es dem Oberrate sehr verübeln, daß er in Erfüllung der berechtigten Wünsche der liberalen Mehrheit für diese eine zeitgemäße Neuausgabe des hebräischen Gebetbuchs mit gediegener deutscher Uebersetzung und mannigfacher Bereicherung des Inhalts veranstaltet hat. Es war daher einer der ersten Schritte des Komitees der neugegründeten Liberalen Vereinigung, den Großh. Oberrat der Israeliten zu bitten, er möge den fortgesetzten Ausstreuungen über Bedrohung der Gewissensfreiheit neuerdings entgegentreten. Auf die bezügliche Eingabe hat der Großh. Oberrat nachstehendes erwidert: „Wir verweisen auf Seite 90 der Denkschrift zur Begründung des von uns herausgegebenen Gebetbuchentwurfs, wo hervorgehoben ist. daß der Oberrat von vornherein die Zusicherung gegeben hat, daß keinem einzelnen und keiner Gemeinde das neue Gebetbuch aufgenöligt, sondern nur denjenigen einzelnen und Gemeinden, die das unweigerliche Bedürfnis danach empfinden, Gelegenheit zu dessen Befriedigung gegeben werde. Diese Zusicherung ist daselbst neuerdings bekräftigt durch die Erklärung, daß der orthodoxen Minderheit nicht der geringste Zwang anferlegt werden soll. In Übereinstimmung hiermit werden sich alle unsere Maßnahmen und Entschließungen befinden, welche die Benützung des neuen Gebetbuchs sowohl beim Gottesdienst als beim Religionsunterricht zum Gegenstand haben." Oesterreich-Ansarn. A Wien, 17. Februar. Unsere Christlich-Sozialen sind mit der Regierung wieder einmal nicht zufrieden. Wegen der Verzögerung der Errichtung eines Arbeitsministeriums ist zwischen Herrn von Beck und ihnen eine Spannung eingetreten. Der Ministerpräsident wollte ursprünglich den Reichsrat in seine Rechte treten lassen, aber der „Volksmann" Geßmann war mit seinem Anhänge dagegen, weil er ganz gut weiß, daß er im Parlamente höchst unbeliebt ist, Die Christlich-Sozialen wollen dem Abgeordnetenhause nicht gestatten, in die Organisation der zu schaffenden Aemter dreinzureden, sondern den Einfluß des Parlaments auf die Bewilligung der notwendigen Gelder beschränken. Und Herr von Beck, der jüngst im Budgetausschuß einen schmählichen Rückzug angetreten hat, wird wahrscheinlich nachgiebig sein. Doch mit welchem Nutzen? Er war so unvorsichtig, Herrn Geßmann an sich heranzuziehen, obwohl jeder personenkundige Mensch Vorhersagen konnte, daß der starke Demagoge zuletzt den schlauen Beck erdrücken werde. - Fast täglich bereitet die „Regierungspartei" der 96 Mann dem Ministerpräsidenten andere Schwierigkeiten. — Beim W ährin ge.r Polizeikommissariat (im 18. Wiener Eemeindebezirk) erschien dieser Tage die Dienstmagd Marie Biela und erzählte erregt, daß ihr jüdischer Dienstgeber an ihr einen Ritualmord verüben wollte. Vorher aber hätte er ihr in der Nacht Blut abgezogen. Nur schwer gelang es, das zitternde Mädchen zu beruhigen. Die Polizei leitete sofort eine Untersuchung ein, deren Resultat jedoch die Feststellung war, daß die Magd bei Christen im Dienste stand, die sie für Juden gehalten haben mochte. Natürlich war an der ganzen Erzählung kein wahres Wort; das. bedauerliche Geschöpf scheint das Opfer eines wüsten Traumes geworden zu sein. — In Eisenstadt hat die Gemeinde anläßlich der Statutenänderung die Bestimmung ausgenommen, daß Frauen (Witwen), welche Kultnssteuer zahlen, das aktive Wahlrecht besitzen. .Gegen diese Bestimmung nahm die orthodoxe Zentralkanzlei in -ihrem Gutachten Stellung, indem sie betonte, daß „die Beteiligung von Frauen

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