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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-21 · Heft 8 (21.2.1908) · p. Seite 96

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
Seite 96 (sequence 14)
Language
German
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- 96 „Wer kann wissen/ ob es ein Glück ist," antwortete der Prostek. Er führte seine Frau und Kinder hinein und zeigte ihnen das Geld. Alle freuten sich, nur er nicht, er fürchtete sich vor den vielen Dukaten und Banknoten. „Da das Geld mir zugekommen ist," sagte er endlich, „so ist es Gottes Wille, und wir wollen es redlich verwalten für alle, die arm sind und unglücklich und der Hilfe bedürftig, und nur so viel für uns verwenden, als wir notwendig brauchen. Zuerst aber werde ich gleich geben „Meißer" *), damit man erbauen kann ein Spital für die Kranken hier in Mielniza." Es ging noch in derselben Stunde zum Vorstand der Gemeinde und übergab ihm genau 4,257 Gulden. Die Nachricht von dem Glücke, das bei Amster Löbl Regenstreif eingekehrt war, verbreitete sich blitzschnell; alle Juden aus Mielniza versammelten sich vor seinem Häuschen, und da es nur arme Juden in Mielniza gab, ging keiner unbeschenkt davon. Drei Nächte schlief der Prostek nicht, und drei Tage aß er fast nichts, er dachte nur immerfort nach, wie er das viele Geld am besten anlegen könne, damit es einen ansehnlichen Ertrag abwerfe und er imstande sei, recht viel für die Dürftigen zu tun. Endlich war er mit sich im selbst im Reinen. Das Gut Winkowze, in der Nähe, wurde feilgeboten. Es war sehr vernachlässigt, aber immerhin noch 60000 Gulden wert und gerichtlich auf 48 000 Gulden geschätzt. Da sich kein Käufer fand, wurde es bei der dritten Feilbietung unter dem Schätzungswerte hintangegeben. Amster Löbl Regenstreif erstand es um 26600 Gulden und behielt noch ein Betriebskapital von 12000 Gulden in Händen; nachdem er feierlich alles, was er an Papieren in dem Sekretär gefunden, und auch die beiden Aquarellbilder, so wie er es seinem Wohltäter versprochen, verbrannt hatte, zog er mit den Seinen nach Winkowze und begann sofort alles umzugeftalten. Es war bereits Frühjahr, aber immerhin noch Zeit zum Anbau; wäre es auch später gewesen, dem Prostek wäre doch alles geraten, denn das Glück verfolgte ihn jetzt ebenso, wie es ihn früher gemieden hatte. Die Ernte fiel glänzend aus, und statt dieselbe gleich den polnischen Gutsbesitzern noch in Garben odergar im Halm zu verschleudern, kaufte der Prostek noch fremde Frucht dazu, und begann selbst mit Getreide zu handeln, ehrlich aber klug, wie er bisher mit seinen Bändchen, seinem Zwirn und seiner Stiefelwichse gehandelt hatte. Das Geld wuchs zusehends unter seinen Händen, und mit dem Gelde wuchs die Furcht vor dem Glück bei dem armen, durch so lange Zeit heimgesuchten Manne. „Ich bitte Dich, Frau, ich bitte Euch, Kinder," sagte er bei jeder Gelegenheit, „tun wir doch ja nichts, um das Schicksal herauszufordern. So Gott will, werden wir dann immer haben, was wir brauchen." „Wer von uns täte was gegen Deinen Willen," erwiderte seine Frau. . So lebten sie denn etwas besser zwar als bisher und ohne Sorgen, was schon das Beste ist, aber bescheiden und sparsam, und es gab keinen Tag, wo Amster Löbl Regenstreif nicht „Meißer" von dem Gelde gab, das ihm jetzt nur so zuströmte. Kein Armer, kein Bettler, kein wandernder Schnorrer, kein Christ, kein Jude und kein Zigeuner kam in den Edelhof. zu Winkowze, ohne ein Nachtlager, ohne Speise und Trank und ein namhaftes Almosen zu erhalten. Wo Amster Löbl Regenh Der Jude ist verpflichtet, von jedem Gewicht zehn Prozent den Armen zu geben (Masser). streif von einem Unglück hörte, war er gleich zur Stelle, um zu retten und zu helfen. In feinem Hause standen jederzeit zwei Gastzimmer, auf seinem Tische vier Gedecke mehr bereit. „Kommt niemand," pflegte er zu sagen, „so kommt vielleicht der Prophet Elias." Es gab aber auch Leute, die sich nicht beschenken ließen und doch Hilfe nötig hatten.. Diesen lieh er Geld zu sehr geringen Zinsen oder ganz ohne Zinsen. So kam zum Beispiel der Schullehrer aus dem Dorfe Winkowze, ein schlichter braver Kleinrusse namens Kuputzkij zu ihm. Er hatte einen Sohn, der sehr begabt war, und wollte ihn studieren lassen; es fehlte aber an dem nötigen Geld. Der Prostek war gleich bereit, dasselbe vorzuschießen. „Belieben Sie mir also zu sagen, Herr Regenstreif," sagte jetzt der Lehrer, der in seinem schokoladefarbenen Ueberzieher wie ein Degen in der Scheide stak, „ob ich einen Wechsel oder Schuldschein schreiben soll und welche Prozente ich zu geben habe." „Wenn wir beide es wissen," erwiderte der Prostek, „so ist das genug, wozu eine Schrift? Und die Prozente bekomme ich von dem lieben Gott." In dieser Weise wurde die Sache abgemacht; der Lehrer bekam das Geld und bekam von Zeit zu Zeit noch einen Zuschuß, so lange sein Sohn sich in den unteren Klassen des Gymnasiums befand. Von der fünften an begann der Letztere Stunden zu geben und sich selbst fort zu bringen. Er studierte später an der philosophischen Fakultät in Lemberg und widmete sich dem naturwissenschaftlichen Fach. Kaum war er Suppleant an einem Gymnasium, kam er in den ersten Ferien nach Winkowze, um seinen alten Vater zu besuchen, dem Prostek seinen Dank und zugleich seine Schuld -abzutragen. (Schluß folgt.) Sprechlasl. Geehrter Herr Redakteur! in seit Jahren von mir sehnlichst gehegter Wunsch, dem in Worten ich nicht genug Ausdruck zu geben vermag, soll durch die in baldige Aussicht gestellte Gründung einer großen, ganz Deutschland umfassenden, liberalen „Vereinigung für jüdische Angelegenheiten" endlich in Erfüllung gehen! Es ist, wenn nicht das Judentum im allgemeinen, in Sonderheit die Judenheit Deutschlands am Lebensmark erkranken soll, durchaus nötig, daß wie in politischen, so in rein jüdischen Angelegenheiten ein frischer, belebender Geist in die Judenheit Deutschlands einziehe und daß dieser Geist in zeitgemäß fortschrittlichem Sinne mit Unterstützung aller wirklich liberalen Kräfte von einer Zentralstelle ausgehe. Mutig ans Werk! Bonn, 9. Februar 1908. Ergebenst Ein Freund zeitgemäßer Entwicklung jüdischer Angelegenheiten. 4r er Verlag von Gustav Engel in Leipzig hat mich ersucht, das Geschichtsbuch Hecht-Kayserling für die neue (achte) Auflage zu bearbeiten. Die Vorzüge des weit verbreiteten Buches sind mir aus der Praxis ebenso bekannt wie seine Fehler, vor allem die Angabe zahlloser Namen und der Mangel an Literaturproben. Ich wäre aber für die Uebermittelung von Verbesserungsvorschlägen allen denen besonders dankbar, welche das Buch beim Unterricht benützen und an einer Neubearbeitung Interesse haben.; Landrabbiner Dr. Doctor in Kassel. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin: Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.

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