Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- Seite 95 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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„Zu dienen, Herr Wohltäter."* „Belieben Sie aufzustehen und das mittlere Fach zu öffnen!" Der Prostek bemühte sich vergebens. „Sie können es nicht öffnen, nicht wahr?" „Nicht um die Welt." „Tun Sie mir den Gefallen," fuhr der Alte fort, „und betrachten' Sie genau die Zeichnung! Was bemerken Sie? Sieben Vögel bemerken Sie, die auf das Holz gemalt sind. Legen Sie zuerst den Finger auf den letzten Vogel unten, rechts, und drücken Sie in Gottes Namen auf den Kopf desselben!" Amster Löbl Regenstreif tat, wie ihm Herr Bojalsky befohlen hatte, und das Fach sprang auf. „Merken Sie sich das Geheimnis!" fuhr der Alte fort „und jetzt öffnen Sie das Fach! Was sehen Sie? Papiere, nicht wahr? Ganz unten finden sie ein rotes Futteral. Ziehen Sie es heraus!" Der Prostek gehorchte. „Richtig, und öffnen Sie auch dieses!" Amster Löbl Regenstreif zog ein Aquarellbild aus dem roten Futteral, dessen Farben noch ganz frisch waren und das ein schönes Weib mit blonden Locken, einen fürstlichen Pelz um die Schultern, darstellte. „Eine schöne. Dame," sagte der Prostek. „Und ob sie schön war," murmelte Herr Bojalsky, „es ist dies meine Frau. Sie scheint ein Engel und ist ein Teufel, mir wenigstens hat sie das Leben zur Hölle gemacht. Mir so einem elenden französischen Tanzmeister ist sie mir entflohen; doch genug davon, wir sind noch nicht zu Ende. In dem Futteral ist noch ein Bild!" Der Prostek nahm es heraus und erblickte zwei reizende Kinder von etwa zwei und drei Jahren. „Meine Kinder," sagte der Alte, „auch diese sehen wie Engel aus, was sie aber nicht gehindert hat. mein Herz zu zerreißen. Meine Tochter, ach! Ich kann es gar nicht sagen, was sie mir angetan hat; sie ist gegenwärtig in Paris. Mein Sohn, er kam in schlechte Gesellschaft, wiffen Sie, der hat mich gar bestohlen; der Sohn feinen Vater. Ich habe seit zwanzig Jahren nichts von ihm gehört. Meine lieben Verwandten, alle in das Gesicht freundlich, haben sich hinter meinen Rücken noch über mich ausgelassen. Ich habe sie aber danach traktiert. Niemand darf mir in das Haus, und wenn ich sterbe, so bekommt keiner einen Groschen. Mein Gütchen erbt mein Diener, und Sie, Regenstreif, Sie bekommen diesen Sekretär. Alles, was darin enthalten ist, gehört Ihnen. Nur versprechen Sie mir, die Papiere und Bilder zu verbrennen." „Gott soll mich strafen, wenn ich es nicht tue!" erwiderte der Prostek, „und er soll auch geben, daß Sie hundert Jahralt werden, gnädiger Herr Wohltäter." „Ich wünsche es nicht," sagte Bojalsky, „aber jetzt legen . Sie das Futteral mit den Bildern wieder an seinem Platz und schließen Sie das Fach; vergessen Sie aber nicht, wie man es öffnet!" Der arme Prostek verließ den alten Edelmann wie betäubt, während er im Trabe die Kaiserstraße. fortging, wackelte, er immerfort mit dem Kopfe und focht mit den Händen, soweit es ihm sein Bündel gestattete. Er konnte die Gedanken nicht los werden, die ihm der Alte erregt hatte, und wie er so ging, hörte er plötzlich laut lachen, und zwei in seidene Talare gekleidete Juden standen unter einem Apfelbaum auf und näherten sich ihm. „Was tust Du hier. Du Prostek?" begann der eine, „verdrießt es Dich noch immer nicht, mit dem schweren Bündel umherzutraben und dabei noch Hunger und Durst zu leiden wie ein Maulesel." „Was soll es mich verdrießen?" gab Amster Löbl Regenstreif zur Antwort. „Andere verdrießt ihr Reichtum, muß ich doch -zufrieden sein bei meiner Armut". „Weil Du nicht fähig bist, Dich aus dem Staube zu erheben," sagte der Zweite, „deshalb bist Du arm, nicht weil es Dir am Gelbe fehlt." „Als ob alle Ehaffidim glücklich wären." „Gewiß sind sie glücklich," fuhr der Erste fort, „ist ja doch der Mißmut bei uns verboten, wie jede andere Sünde, aber Ihr anderen, Ihr haltet Euch nur ängstlich an Aeußerlichkeiten und meint, Ihr habt den Himmel gewonnen, wenn Ihr einem Bettler Aufgewärmtes zu essen gebt. Wir wissen den Weg, auf dem sich die Seele vervollkommnet und endlich mit Gott vereinigt. Wirf Dein Bündel weg. Du tust besser daran, einem Zadik die Pfeife zu stopfen oder Wache zu halten vor der Türe des Rebbe, als zu beten, koscher zu essen und um ein paar Groschen zu handeln; wenn Du die Fürbitte des Rebbe für Dich hast, was brauchst Du noch mehr? Die ewige Seligkeit ist Dir gewiß, und Du wirst des irdischen Lebens froh, denn der Zadik wendet jedes Unglück von Dir ab." „Ich bin zu einfältig zu diesen Dingen," gab Amster Löbl Regenstreis zur Antwort, „wie aber soll der Rebbe abwenden das Unglück von mir, das Gott nicht abwenden kann? Ich denke jederzeit, soviel ich nur immer kann, über das göttliche Gesetz nach, und tue Gutes, soviel ich kann, mehr weiß ich nicht zu tun." „Dir bist eben ein Amphibium." „Das schimpft Ihr mich?" „Laß ihn gehen!" sagte der zweite. Chasfid, „er ist und bleibt ein Prostek." Als Amster Löbl Regenstreif das nächstemal zu Herrn Bojalsky kam, war dieser nicht mehr fähig zu sprechen. Es ging zu Ende mit ihm. Soviel vernahm der Prostek aus seiner Miene und seinen .Gesten, daß er bleiben solle, und so blieb er bei dem Alten zwei Tage und drei Nächte, bis der lahme Jagdhund plötzlich, mitten im Zimmer, entsetzlich zu heulen begann, und sein Herr kurz darauf seinen Geist aufgab. Der alte Diener und der Prostek, beide beteten und weinten bei dem Toten. Sie gaben ihm auch das Geleit zum Grabe und mit ihnen der alte Hund, nur daß dieser sich auf dem frischaufgeworfenen Schollen ausstreckte, um nicht mehr fortzugehen und hier nach einigen Tagen zu enden. Das Testament lautete genau so, wie der Alte es dem Prostek vorausgesagt hatte; der alte Diener erhielt das Gütchen und der Faktor den Sekretär.' Amster Löbl Regenstreif brachte denselben auf einem Bauernwagen nach Hause, entfernte Frau und Kinder und öffnete dann das geheime Fach. Nach einer Weile kam er bleich und verstört, am ganzen Leibe bebend, heraus. „Frau," begann erstammelnd, „ich glaube, Gott will mich versuchen." „Wie siehst Du aus, Amsterleben," rief Abia, „ist denn ein Unglück geschehen V „Wie man es nimmt," erwiderte der Prostek, schwer seufzend, „der Herr Bojalsky, Gott lasse ihn selig werden, hat mir vermacht seinen Sekretär, mit allem, was darinnen ist, und hat mir selbst gezeigt zu öffnen das'geheime Fach, und wie ich es aufmache, finde ich darin — Frau erschrick nur nicht.— ich finde 42 000 Gulden und noch einige Hundert darüber." „Ist das wahr?" schrie Abia auf, „kann das wahr sein? So ein Glück!"