Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- Seite 90 (sequence 8)
- Language
- German
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Ministerfauteml verlassen und einen Rattenkönig von Ehrenbeleidigungsprozessen anstrengen. Wer ist au seinem Fall schuld? Natürlich die Juden, die ihn, den frommen Katholiken, vernichten wollten, den — laut Anschuldigung seiner christlichen Gegner — die Frömmigkeit nicht davon abgehalten hat, ein Vermögen (man spricht von Millionen) sich damit zu erwerben, daß er Juden (leider!) Konzessionen für öffentliche Häuser erwirkte. Dieser Polonyi nun behauptet, daß sich die Juden gegen ihn verbunden, verschworen — so gefährlich war es gar nicht — undbittet um die Delegierung eines anderen Schwurgerichts, da ihn das von Juden beeinflußte Budapester gewiß verurteilen würde. Die richterlichen Behörden haben dies Gesuch nicht abgewiesen. Der berühmteste Rabulist, der reichste Advokat Budapests, ein verfolgtes Wild der Judenmente, eine gehetzte Beute, ein Märtyrer! Im sozialen Leben Ungarns wird die Kluft zwischen Juden und anderen Bürgern immer größer, der Riß tiefer, die Abschließung immer weiter. Ueberall ertönt der Ruf: Zurück in eure engen Kreise! Das sind unleugbare Tatsachen im öffentlichen Leben Ungarns, die den Juden zumindest die Lehre ans -Herz legen müßten, den äußeren Gefahren durch innere Kräftigung entgegenzutreten, dem Kampfe von außen geeinigt sich entgegenzustellen. Ein frommer Wunsch, der jedoch keine Aussicht hat, in Erfüllung zu gehen. Der innere Kampf zwischen -Neologen und Orthodoxen tobt in Ungarn seit vierzig Jahren unaufhörlich, einmal kräftiger, einmal schwächer, beginnt bei der Begrüßung eines neuen Kultusministers von neuem. Die kurze Dauer des Fejevärhschen Uebergangskabinetts benutzten die Orthodoxen, um die Anerkennung der Orthodoxie als selbständige jüdische Religion zu erwirken. Kaum wurde Graf Apponyi Kultusminister, ist diese Errungenschaft ins Wasser gefallen. Der Minister hat gegeben, der Minister hat genommen. Jedoch die Orthodoxie hat kein wichtigeres Ziel als die gänzliche Lostrennung vom neologen Judentum. Das ist für sie die Existenzfrage heute wie vor vierzig Jahren. Höhere Interessen bestehen für sie nicht. Und um dieses Ziel zu erreichen, darf man auch zum Mittel der Politischen Verdächtigung greifen. Treten wir der Frage näher. . Unter allen Konfessionen in Ungarn hat das Judentum allein keine Organisation. Der erste Versuch zur Organisierung — der jüdische Kongreß vom Jahre 1869 — führte zur Scheidung zwischen Neologen und Orthodoxen. Seitdem trachteten die Neologen mit Ausschluß der religiösen Fragen die Orthodoxen zu einer einheitlichen Organisation zu bewegen, damit jüdische Gemeindeangelegenheiten nicht der Kompetenz der Politischen Behörden unterstehen, während die Orthodoxen all ihr Streben darauf richteten, die gesetzliche Anerkennung zweier jüdischen Sekten zu erwirken. Die einen kämpften um die Einheit, um das Ansehen und die Ehre des Judentums, die anderen um die Trennung. Es gab einmal auch ein -„weißes Papier", aber die Orthodoxen wollen mit den Neologen nicht Zusammengehen, denn die wahren, echten Juden sind sie. Vor kurzem wurde wieder einmal versucht, alle jüdischen Gemeinden zu einer gemeinsamen Versammlung zu bewegend Man spürt den neuen Kurs und will sich aus ihn vorbereiten. Doch die Orthodoxie ist nicht nachgiebiger geworden. Ihre Landeskanzlei beeilt sich Kontredampf zu geben. Wir haben nichts Gemeinsames, wir wollen für uns bleiben. Das wäre noch nicht-der Uebel größtes. Die Landeskanzlei ergreift die Gelegenheit,, um sich bei der Regierung einzuschmeicheln; sie greift hinüber aufs Politische Feld, zerrt das Judentum in das Getriebe der Parteipolitik. Das kann bei den jetzigen Verhältnissen gefährlich werden. Sie stellt die Führer der Neologen als Matadore der zusammengebrochenen liberalen Partei hin die jetzt Opposition .treiben wollen, um ihren Einfluß mit Hilfe des Gesamtjudentums wiederzugewinnen und den Handel (ist er ausschließlich das Interesse der Juden, speziell der Neologen) gegen die gouvernementalen Agrarier zu schützen. Ein führendes ungarisches Blatt hat diese Kurrende der Orthodoxen abgedruckt -und das in ihr angedeutete politische Moment herausgestrichen. > Also die Neologie hält mit den „liberalen Vaterlandsverrätern", während die Orthodoxie für die nationale Partei schwärmt. Man kann den Standpunkt der Orthodoxie: mit den Neologen in gar keine Gemeinschaft eintreten, begreifen, wenn auch nicht billigen, aber die Anwendung des Mittels der politischen Verdächtigung muß von jedem verurteilt werden. In einer Zeit, in der man den magharisierten Juden (und den getauften) ironisch zuruft: Raffenmagyare!, man also schon beginnt, nach arischem Muster die Juden aus der ungarischen Nation auszuscheiden, sollten doch fromme Juden davor zurückschrecken, die gesamte neologe Judenschast als politische Bankerotteure anzuschwärzen und um die Gunst der Regierung zu buhlen. Das Generalisieren werden schon die Judengegner sehr bald besorgen und die ganze Judenschast als antinational brandmarken. Das sind dieselben Orthodoxen, deren 50 Prozent jedes andere Wort als ein „jüdisches" beim Gottesdienste verpönen und eine ungarische Predigt für die größte Sünde halten. Die Frage, welche Juden sich im Patriotismus überbieten, ist ein Beweis schwachen Selbstbewußtseins, eine Art. Kriecherei und Strebertums, unwürdig einer Konfession. Die Orthodoxie hat ja Gründe genug, von ihrem religiösen Stand punkte aus das Zusammengehen mit den Neologen zu perhorreszieren, wozu die hohe Politik, die so oft niedere Bahnen wandelt und deren Gunst wandelbar ist, ins konfessionelle Leben hineinzerren. Die gerufenen Geister könnten den Rufern sehr unbequem werden. Die ungarische Orthodoxie — welche nicht? — scheint sich für den jüdischen Katholizismus zu halten. Diesem hat sie das starre non possumus entlehnt, und den' Haug, jeden Andersgesinnten zu verketzern. Da wie dort fürchtet man vom Fortschritt eine gewaltige Abbröckelung der Anhänger, vom „Modernismus" eine Schwächung des bisherigen Bestandes. Aber ebenso wie der Katholizismus trotz Hierarchie und anderer Machtmittel seine Syllabus- und Encylica- Geschosse vergeblich gegen den Fortschritt schleudert, wird auch die jüdische Orthodoxie bar jener Machtmittel dem Fortschritt nicht Stand halten können. An ihr ist es, den Fortschritt nicht als Feind zu betrachten, sondern als Freund, dessen gute Ratschläge zu befolgen ersprießlich sein wird, gleichwie Moses die Ratschläge Jetros annahm, ohne von seiner Autorität und seinem Ansehen einzubüßen. Den Standpunkt der alleinseligmachenden Religion hat doch zumindest das alte Judentum — das doch gewiß orthodox war — nicht gekannt. Diese Anschauung ist viel unjüdischer als so manche Einrichtung, die als „chukkas hagoj“ bespöttelt wird. Teilung des Judentums in zwei (oder mehrere) staatlich anerkannte Sekten wäre eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, ein jüdischer Katholizismus mit einem jüdischen Protestantismus. Ouiproäest? Wahrlich nicht dem Judentume, sondern seinen Gegnern, die schon bisher die inneren Reibungen und Spaltungen für ihren Zweck ausgenutzt haben. Die Orthodoxie verfügt doch über andere Mittel, ibr Lager zu begeistern, zusammenzuhalten und gegen Eingriffe zu schützen, Mittel von tausendjähriger Kraft und Wirkung. Möge sie diese Mittel anwenden, den orthodoxen Geist verbreiten, und damit die Neologen schwächen, möge sie kämpfen für den Sieg ihrer Ideen. Diesen Kamps werden auch die Gegner würdigen.