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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-21 · Heft 8 (21.2.1908) · p. Seite 89

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
Seite 89 (sequence 7)
Language
German
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Ludwig Cahen für die Großloge und Herr Flörsheim für den Dortmunder Schwesternverein. Alle Ansprüchen durchwehte der Geist hoher Befriedigung über das gelungene Werk und die Anerkennung der segensreichen Tätigkeit sowohl des Vereins selbst, als im besonderen der Schwestern, welche unter Leitung ihrer trefflichen Oberin durch opferwillige, unverdrossene Hingabe an ihre schweren Pflichten und durch nie versagende Schaffensfreude die Ideale ihres Berufs verkörperten. Nach Beendigung der Ansprachen fand unter Führung kundiger Damen und Herren die Besichtigung der ganzen Anstalt statt, auf deren Einrichtungen wir später zurückkommen werden. Hier sei augenblicklich nur die Rede vom Schwesternheim. Die Zimmer sind in einfachem, gediegenem Stil gehalten; von den ausgebildeten Schwestern hat jede ein Zimmer für sich, die Anfängerinnen teilen einen Raum zu zweien. Die Einrichtung der gemeinschaftlichen Wohnräume wurde von hervorragenden hiesigen Familien gestiftet und viele andere Familien sorgten für behaglichen Schmuck, so daß hier die Schwestern nach ihrer harten Arbeit ein wirkliches Heim finden werden, in welchem sie sich wohl fühlen und Erholung und frische Kräfte für neues Schaffen sammeln. Zurzeit gehören zum hiesigen Bezirk 20 Schwestern. Möge die Freude am Erfolge denen ständig das Heim versüßen, die auf viele sonstige Lebensfreuden verzichten, um sich ganz dem Dienste Schwacher und Leidender widmen zu können! E. B. . Ängsrilche Luttsnde. Von Prof. Dr. G. Schwarz. iner alten parlamentarischen Gepflogenheit gemäß pflegen am Neujahrstage die politischen Parteien Ungarns ihre Führer zu begrüßen. So war es auch. heuer. Die lauschende Welt konnte wieder hören, was im verflossenen Jahre geleistet wurde, während ihr weise verschwiegen ward, wie viele ihrer gerechten Erwartungen unerfüllt geblieben sind. Was kann sich das ungarische Judentum dabei denken? Etwa das, daß Ungarn das liberalste Land ist, wie es noch allgemein hieß vor kaum einem Dezennium, in dem die Juden von Haß nichts verspüren, weil im „gesunden Volksbewußtsein des ungarischen Volkes die Giftpflanze des Antisemitismus nicht gedeihen kann"? Gibt es noch solche Optimisten, die da wähnen, weil die ungarischen Minister nicht den Ton der österreichischen Judenschlächter anschlagen, daß tn Ungarn alles beim alten geblieben ist? Oder soll etwa der Umstand, daß die Zahl der Juden im ungarischen Parlamente seit seinem Bestände jetzt die höchste ist, dafür zeugen, daß die Lage des' Judentums daselbst die beste ist? Dagegen gibt es genug andere Erscheinungen im öffentlichen Leben Ungarns, die diesem Optimismus widersprechen und den Anbruch jener Zeit verheißen, die Herrschaft jener Geistesströmung verkünden, die in Deutschland schon dem Verfalle zusteuert, im nachbarlichen Oesterreich aber soeben den Höhepunkt erklimmt. Man ist fast geneigt anzunehmen, daß zu den stillen Abmachungen des Ausgleichs auch die Jnaugurierung des Antisemitismus in Ungarn gehört. Schopenhauer sagt, daß die meisten Handlungen des Menschen der Gewohnheit und Nachahmung entspringen. Daß die Nachahmung im politischen Leben ein gewaltiges Motiv bildet, kann täglich beobachtet werden. Die Parteien ahmen einander nach. und erreichen damit Erfolge. Man hat sich z. B. in Oesterreich-Ungarn die Obstruktion abgeguckt und mit ihr große Siege errungen. -Was Wunder'daß, nachdem das christlich-soziale Losungswort jenseits, der Leitha sich bewährt hat, der Antisemitismus ministerfähig geworden ist, auch diesseits der Leitha eine Strömung sich seiner bemächtigt hat. Die Volkspartei hat unlängst das christlich-soziale Panier entfaltet und arbeitet mit der bekannten klerikalen Jntensivität an der Organisation ihrer Partei im ganzen Lande mit sichtbarem Erfolge, da sie eine gouvernamentale Partei ist, einen Minister und einen Vizepräsidenten des Reichstages der Regierung beigestellt hat. Gründungen von Kreditgenossenschaften unter Patronanz der Ortspsarrer sind die ersten Folgen der judenfeindlichen Wühlarbeit. Es bedarf jedoch keiner kompakten christlich-sozialen Partei, um den Grad des Antisemitismus im ungarischen Parlament zu ermessen. Man könnte leicht eine Partei von 160 Mann, also ein Drittel des Parlaments, herausbringen, wollte man alle den verschiedensten Parteien angehörenden und zum Antisemitismus sich bekennenden Parlamentarier zusammenzählen. Dies wurde klar, als man bei der Konstituierung des Parlaments alte und bewährte Politiker aus den früher innegehabten Ehrenstellen in den verschiedenen Ausschüssen hinausdrüngte mit der Motivierung, die Juden sollen bescheiden zurücktreten. Es zeigt sich ferner im Verhalten zur Presse. Zurzeit des nationalen Widerstandes — die Sache ist kaum zwei Jahre alt — hat die freie Presse das Panier der konstitutionellen Freiheit hochgehalten, den Geist der Auflehnung gegen den Absolutismus genährt und gekräftigt. Dafür wird derselben Presse bei jeder Gelegenheit im Parlamente ein Rippenstoß versetzt von jenen Leuten, die dieser Presse ihr Mandat verdanken, dafür werden die Vertreter dieser Presse vom antisemitischen Vizepräsidenten für „geduldete Gäste" im Parlamente erklärt. (Dies Geduldetwerden schmeckt sehr nach der „tolerierten" jüdischen Religion bis zum Jahre 1896.) Das man nicht so sehr die Presse meint, wie ihre jüdischen Mitarbeiter, ist klar. Die Presse ist in Ungarn die einzige liberale Institution, das letzte Bollwerk des Liberalismus, das der Reaktion und dem Klerikalismus trotzt. Das heutige Ungarn ist alles eher als liberal. Das Wort liberal ist so verpönt, daß es niemand wagt, im Munde zu führen, geschweige denn sich danach zu betätigen. Der einstige Liberalismus — wenn er auch ein beschränkter war und immer oum grano salis ausgefaßt werden mußte — ist niedergebrochen und auch seine letzten Trümmer — die freie Presse — sollen, weggeschafft werden. Es wird wohl dazu nicht kommen; die Ungarn sind viel zu schlaue Politiker, als daß sie diese Waffe ihrer nationalen Macht aus der Hand geben würden, aber — und darum handelt es sich eigentlich — man will die heutige Presse, die wohl nicht im Besitze der Juden ist, aber sehr stark von Juden bedient wird und darum liberal ist, um ihr Ansehen bringen, sie als korrupt und bestochen hinstellen und so den Weg bahnen einer anderen Presse, die sich zum Handlanger der Reaktion hergebe, Vorspanndienste dem Klerikalismus leisten wird. Deshalb werden täglich jüdische Journalisten von Abgeordneten im Parlamente angerenrpelt, wobei auch Schimpf- Worte wie „S . . jud" herumfliegen. Es muß konstatiert werden, daß die zahlreichen jüdischen Abgeordneten' auf diese Beschimpfungen innerhalb ihrer Partei nicht reagiert haben, gerade so wie sie keine Stellung nehmen gegenüber Anträgen ihrer Parteikollegen, die das Verbot des Verkaufes von Grundstücken an „Fremde" bezweckten. Lauter Symptome einer neuen Zeit. Noch ein Symptom. Der größte Rabulist Ungarns, Herr v. Polönyi, mußte infolge schwerer gegen ihn erhobener Beschuldigungen den

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